Von Julia Brader und Andrea Wieser<BR /><BR />Going am Wilden Kaiser – Beim Kaffeekochen sind die Wege kurz: Mit einem schnellen Handgriff den Löffel aus der Schublade gezaubert, einmal umgedreht und schon hat sie die Tasse aus dem Regal gegenüber in der Hand. Carolina Osorio Rogelis, genannt „Caro“, gießt den fertigen Kaffee in Großmutters Porzellantässchen und setzt sich zu ihrem Mann Daniel Sperl an den selbst gebauten Esstisch aus gehobeltem Nussholz.<BR /><BR />Die 45-jährige Kolumbianerin und der 42-jährige Österreicher haben sich ein einfaches, aber naturnahes Zuhause in der sonst für große Villen und viel Prunk bekannten Gegend rund um den Wilden Kaiser geschaffen – nur einen Katzensprung vom hochpreisigen Stanglwirt entfernt. Sie wohnen zu zweit auf etwas mehr als 25 Quadratmetern und haben doch alles, was sie zum Leben brauchen: Bett, Schreibtisch, Küche, Esstisch, Bad und WC. Sogar eine Extra-Schlafgelegenheit für Besuch hat Platz.<BR /><BR />Möglich macht dies das ausgeklügelte Raumkonzept der Firma „Wohnwagon“, die das neue Zuhause auf Rädern angefertigt und aus Niederösterreich nach Tirol geliefert hat.<h3> Leben auf der Baustelle</h3>Den Innenausbau haben Daniel und Caro selbst übernommen: „Weil wir viel selber machen, ist bei uns ein Jahr nach dem Umzug hier und dort auch immer noch Baustelle angesagt“, erklärt Daniel und verweist auf die provisorische Fahrrad-Garage (ein Auto nutzen die beiden aus ökologischen Gründen nicht) unter der Veranda und den Erdhügel, der noch von den Grabungsarbeiten für das Schotter-Fundament übrig geblieben ist.<BR /><BR />Mit ihrer Entscheidung sind die beiden Wahl-Tiroler trotzdem mehr als zufrieden, die lange Liste an To Dos sehen sie gelassen. „Wir wollen unser restliches Leben im Tiny House verbringen. Ob fehlende Vorhänge jetzt aufgehängt werden oder erst in ein paar Wochen, darauf kommt es uns nicht an“, ergänzt Caro.<h3> Gemüse aus Eigenanbau</h3>Sie freut sich im Frühling erst einmal auf das Projekt Gartenerweiterung. Denn für die umweltbewussten Tiny House Bewohner gehört zu einem nachhaltigen Leben auch der Anbau von eigenem Gemüse.<BR /><BR />Überhaupt spielt das Leben außerhalb der vier eigenen Wände bei einem solchen Wohnkonzept eine wichtige Rolle. Und ist vielleicht auch das Geheimnis, um sich als Paar nicht irgendwann an die Gurgel zu gehen? Wobei das bei Caro und Daniel kein Problem zu sein scheint. Sie sind nicht nur im Einklang miteinander, sondern auch mit der Natur.<BR /><BR />Seit Anfang März ziehen sie deshalb neue Gemüsepflänzchen für ihre Hochbeete vor. Ein Muss im Pflanzplan für die aus Bogotá stammende, lebensfrohe Caro ist die „Heilige Dreifaltigkeit“, bestehend aus Mais, Kürbis und Bohnen. Noch ist es dafür zu früh, aber im Herbst kann das Gemüse geerntet werden.<BR /><BR />Im Rasen wachsen wilde Krokusse. „Das ist nur möglich, weil wir auch beim Bau versucht haben, so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen“, erklärt Daniel. „Wir haben darauf geachtet, vorhandene Infrastruktur zu nutzen und den Boden nicht zu versiegeln.“ Dadurch kann das Paar theoretisch relativ unkompliziert den Platz wechseln. Geplant ist das aber derzeit nicht.<BR /><BR />„Stellplatz“ ist für viele das Reizwort beim Thema „Tiny House“. Denn der ist in Tirol schwer zu finden. Caro und Daniel hatten Glück, sie haben aber auch einige Jahre nach der passenden Location und kooperativen Eigentümern gesucht. „Für die nächsten Jahre können wir das Grundstück hier pachten“, erklären sie. Auf lange Sicht träumen die Wahl-Goinger von einer Hofgemeinschaft, in der sich mehrere Familien landwirtschaftlich und sozial einbringen können. In der Zwischenzeit genießen sie ihr Leben im „Tiny House“ in Going und freuen sich auf die anstehenden, nie ausgehenden Projekte. Ein Merkmal das Häuser, egal welcher Größe, wohl immer gemeinsam haben.