Mohammed ist 19 und Omar 18 Jahre alt. Beide mussten aus dem Norden von Gaza nach Deir Al Balah, etwa 20 Kilometer nördlich von Rafah, flüchten. In ihrem Video-Tagebuch auf Instagram dokumentieren sie, wie sie sich inmitten von Trümmern, Mangel und Inflation ihren Alltag bahnen. Wie sieht dieser aus und wie schaffen es Mohammed und Omar, inmitten eines Krieges täglich auf Social Media zu posten?<BR /><BR />„Die Leute hier sind erfinderisch. Sie lassen sich nicht unterkriegen. Man kann das auch als eine Form des Protests sehen“, erklären sie in einem ihrer Beiträge. Das gilt auch für Mohammed und Omar. „Wir haben keinen Strom hier in Deir Al Balah. Unsere Geräte laden wir gegen eine Gebühr über solarbetriebene Ladestationen. Die Besitzer von Solarmodulen verdienen so ihr Geld.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1034088_image" /></div> <h3> Mit eSim-Karten und Videospielen über die Runden kommen</h3>Im Internet surfen sie mithilfe von eSIM-Karten. Die elektronischen SIM-Karten sind fest in einem Mobilfunk-Gerät verbaut und ermöglichen es, sich mit Internet-Netzwerken außerhalb von Gaza zu verbinden. Die Verbindung sei deshalb nicht besonders stabil, ermöglicht es den beiden Palästinensern aber, ihren Instagram-Account und ihr kleines Geschäft zu führen: Um sich über Wasser zu halten, verkaufen sie eSim-Karten. Außerdem bieten sie Videospiel-Einheiten gegen Bezahlung in einem Internetcafé an. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1034091_image" /></div> <BR /><BR />Zudem engagieren sie sich für die geflüchtete Kinder im Deir Al Ballah: „Mit dem ,Karawan'-Schachklub wollen wir einen Ort des Austausches und der Bildung erschaffen, nachdem die Kinder kriegsbedingt nicht mehr die Schule besuchen können“, erklärt Omar, der den Schachklub mitbegründet und nach seinem Großvater benannt hat. Außerdem organisieren Mohammed und Omar Fußball-Turniere, um zumindest für kurze Zeit auf andere Gedanken zu kommen.<h3> Einfallsreichtum gefragt</h3>Dieses Stück Normalität sei von großer Bedeutung für die Kinder, genauso wie für den Rest der Bevölkerung. Vielleicht mag genau daher der Einfallsreichtum der Palästinenser rühren; um sich einen Teil ihrer Normalität zurückzuholen: „Wir haben hier derzeit so gut wie keinen Treibstoff mehr. Die wenigen, die noch mit dem Auto unterwegs sind, betreiben dieses mit Sonnenblumenöl“, schildert Omar an Tag 38 des Video-Tagebuchs. „Das meiste transportieren wir mit Eseln und Karren“, erzählt Mohammed.<BR /><BR />Ebenso der fehlende Strom bis auf aufladbare Batterien und die Ladestationen mache erfinderisch: „Erst neulich bin ich einem Schneider begegnet, der seine Nähmaschine mithilfe eines Fahrrads betrieben hat“, sagt Omar. Auch bei der Lebensmittelversorgung lassen sich die Flüchtlinge nicht unterkriegen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1034094_image" /></div> <h3> Lebensmittel teuer – Bargeld knapp</h3> „Das traditionell arabische Tamees-Brot wird ursprünglich in Gas-Öfen gebacken. Da uns auch das Gas ausgegangen ist, haben die Bäcker ihre Öfen in Holz-Öfen umgebaut“, wie die beiden Palästinenser an Tag 28 ihres Internet-Tagebuchs zeigen. <BR /><BR />Mehl zählt neben Gemüse und Essen aus Konservendosen zu den Hauptnahrungsmitteln im Kriegsgebiet. Diese seien, nachdem der Grenzübergang in Rafah geschlossen wurde, ausgesprochen teuer und das Bargeld knapp, seitdem die Banken am 7. Oktober den Betrieb eingestellt haben erzählen sie. „Wasser suchen wir jeden Tag aufs Neue. Wir wissen nicht, ob wir morgen noch welches finden werden.“ <h3> Lage im Gazastreifen katastrophaler denn </h3>Bis zum 27. Mai wurden laut OCHA (Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten) <b>36.050 Palästinenser getötet.</b> 60 Prozent davon seien Kinder, ältere Menschen und Frauen, wie die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ kürzlich auf ihrer Website schildert.<BR /><BR /><b>Die Lage im Gazastreifen sei katastrophaler denn je:</b> Seit der Schließung des Grenzübergangs in Rafah am 7. Mai gelangen kaum mehr Hilfsgüter zu den Menschen dort: Die Wasser-, Nahrungs- und Medikamentenversorgung fehle; die Spitäler stehen ohne Treibstoff da. Gemäß den Vereinten Nationen waren aufgrund der Rafah-Offensive seit dem 6. Mai und der heftigen Kämpfe im Norden von Gaza mehr <b>als 900.000 Menschen</b> innerhalb der letzten 3 Wochen gezwungen, an einen anderen Ort zu flüchten.<h3> Normalität als Lichtblick</h3>Trotzdem geben Mohammed und Omar nicht auf: Sie wollen es gemeinsam mit ihren Familien raus aus Gaza schaffen. Von dem Fünkchen Normalität, das ihnen bleibt, wollen sie sich nicht trennen und diesen kleinen Lichtblick mit anderen Flüchtlingen teilen. Schlussendlich mögen es vielleicht genau diese Lichtblicke sein, die die Bevölkerung in Gaza Tag für Tag anspornen, ihren Alltag zu bestreiten.