Samstag, 23. November 2019

Lieferservice „Rockin Beets“: Du bist nicht immer, was du isst

Veganes Essen ist nur was für Veganer? „So ein Unsinn“, wissen Petra und Stephen vom Bozner Lieferservice „Rockin Beets“. Ihr Kundenstock aus Fleischessern, Vegetariern und Veganern ist bunt gemischt, ihr Essen und ökologischer Fußabdruck sind vor allem eines: „grün“.

Petra Putz und Stephen Tierney stehen hinter dem veganen Lieferservice „Rockin Beets“.
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Petra Putz und Stephen Tierney stehen hinter dem veganen Lieferservice „Rockin Beets“. - Foto: © DLife/lo

Es ist Donnerstagvormittag und in der Rovigostraße in Bozen tummeln sich die Besucher des Wochenmarkts auf der Suche nach frischen Produkten, von Obst über Käse bis zum Gemüse.

Auch in der Küche von „Rockin Beets“, dem veganen Lieferservice von Petra Putz und Stephen Tierney, werden Frische und Lokalität großgeschrieben. „Wir legen besonderen Wert auf Nachhaltigkeit, sei es bei der Herkunft der Produkte als auch bei der anschließenden Auslieferung der fertigen Gerichte“, erklärt Petra.

Sie ist seit 7 Jahren mit dem ehemaligen Mitgründer der Bozner Temple Bar verheiratet, die beiden haben 2 kleine Söhne. Vor 4 Jahren entschloss sich das Paar zu einer Kehrtwende in Sachen Ernährung: „Ich habe schon einmal vegetarisch gelebt, für mich war es also keine so große Herausforderung. Anders bei Stephen, für den es völliges Neuland war“, erzählt Petra. Neuland, das der Ire aus Dublin schnell für sich eroberte: „Mittlerweile lebt Stephen völlig vegan, ich bin noch nicht soweit.“


Vom Nachtfalter zum frühen Vogel

Es brutzelt in der Küche von „Rockin Beets“. Am Herd steht Manuel Biteznik, erfahrener Koch und selbst überzeugter Vegetarier und Umweltliebhaber. Er macht das Dreiergespann komplett.


„Als wir noch ausschließlich Freunde und Bekannte beliefert haben, standen wir noch selbst am Herd. Das geht jetzt nicht mehr“, bedauert Petra. Sie kümmert sich nun hauptsächlich um den Papierkram, geht einkaufen und hilft, wo Not am Mann ist, am Nachmittag gehört ihre ganze Aufmerksamkeit den beiden Söhnen.

Stephen tritt früh morgens seine Runde mit dem E-Lastenfahrrad zum Ausliefern an, am Nachmittag und Abend knobelt er gemeinsam mit Manuel an neuen Gerichten.

„Als ich noch im Pub gearbeitet habe, bin ich manchmal erst um 4.30 Uhr ins Bett gekommen. Heute stehe ich um diese Uhrzeit auf“, vergleicht Stephen. Der Umstieg vom Leben eines Nachtfalters hin zum frühen Vogel fiel ihm nicht schwer: „Ich war es irgendwann leid, mir im Pub die Nächte um die Ohren zu schlagen. Außerdem hatten wir uns im Herzen schon dazu entschlossen, es mit „Rockin Beets„ zu versuchen. Als wir uns schließlich voll und ganz diesem neuen Abenteuer widmen konnten, war das ein tolles Gefühl. Und: Ich habe jetzt viel mehr Zeit für mich und meine Familie.“

4 Menüs für jeden Geschmack

Grün, grüner, Rockin Beets: Von der Anlieferung der Produkte hin zur Bestellung und Auslieferung liegt den „Tanzenden Rohnen“ vor allem die Nachhaltigkeit am Herzen: „Wir kaufen unsere Zutaten bei lokalen Anbietern, entweder direkt vom Bauern am Hof oder bei nachhaltigen Bio-Anbietern in der Stadt“, erklärt Petra.

In der Rovigostraße werden die lokalen Produkte dann verarbeitet: „Wir bieten täglich 4 Menüs an: Eines, das erwärmt werden muss, eines, das kalt oder warm gegessen werden kann, eines, das kalt genossen werden kann, sowie eine Süßspeise.“


Die Menüs werden via Whatsapp am Vortag bestellt, damit Koch Manuel und Stephen bis 7.30 Uhr die ersten 60 Gerichte in die Box des E-Lastenrades packen können. Dann geht die Fahrt los: vom Krankenhaus über die Reschenstraße radelt Stephen bis nach Bozen Süd, macht unter anderem beim Salewa und im NOI Techpark Halt.

Zurück in der Rovigostraße wird die nächste Fuhr aufgeladen, die dann in der Altstadt und am Bozner Boden verteilt wird: „Ich trete jeden Tag etwa 30 bis 35 Kilometer in die Pedale“, schätzt Stephen, der dafür mit dem 2. Platz des Mobilitätspreises 2019 ausgezeichnet wurde. Während seiner Runde holt er gleichzeitig die gebrauchten Glasbehälter alter Lieferungen wieder ab. Diese werden gereinigt und wiederverwendet – ganz im Sinne der Nachhaltigkeit: „Die Behälter selbst sind aus Glas, die Deckel allerdings noch Plastik. Das lässt sich derzeit leider noch nicht vermeiden.“

Auch wenn noch nicht alles so ist, wie sie es gerne hätten: „Wir versuchen, so wenig Kompromisse wie möglich zu machen. Viele fragen uns, warum wir nicht den einfacheren Weg gehen oder die billigeren Produkte kaufen. Aber dann würden wir unserer Grundidee nicht treu bleiben.“

„Don’t call it vegan“

Auch wenn die beiden selbst vegetarisch beziehungsweise vegan leben: Das v-Wort versuchen sie bei ihren Gerichten zu vermeiden. „Wir werden nicht gern in die “vegane„ Schublade gesteckt. Wir sind mehr als nur vegan, denn auch als Veganer kann man sich ungesund ernähren. Unsere Gerichte sind nicht nur lecker – auch ohne Fleisch, Milch oder Eier – sondern auch noch gesund. So verzichten wir wenn möglich sogar auf Zucker und holen die Süße für unsere Gerichte aus Agaven oder Datteln“, erklärt Stephen.

Ein weiterer Vorteil: Weil das Essen so gesund ist, kann man ohne schlechtes Gewissen so viel davon verzehren, wie man will.

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Die Idee zu einem nachhaltigen Lieferservice auf veganer Basis kam dem Ehepaar übrigens auf ihren zahlreichen Reisen um den Globus: „Wir haben viele Orte bereist und unglaublich leckere Sachen gegessen, die es in Südtirol so noch nicht gab. Also haben wir uns gedacht: Warum machen wir es nicht einfach selbst?“

Die Entscheidung, zum zweiten Mal einen für Bozen völlig neuen Betrieb aufzubauen, fiel nicht schwer: „Durch die Temple Bar wusste ich bereits, was uns erwartet. Ich wusste, es wird Probleme geben und wir werden Fehler machen“, erklärt Stephen.
Aber er habe viel Geduld – und Petra eine seltene Sympathie für die Tücken der Bürokratie. Außerdem: „Wenn man ein gutes Angebot aus gesunden und lokalen Zutaten hat… warum sollte es dann nicht funktionieren?“

liz