Mit tollpatschigen Clowns und Tierdompteuren hat das Ganze aber nicht mehr viel zu tun.<BR /><BR /><BR />Fast täglich steht seine Welt Kopf. Der Handstand zählt für Alex Aufderklamm derzeit nämlich zu den wichtigsten Übungen des Kurses, den der 22-jährige Unterlandler belegt. Seit 10 Uhr morgens weilt er in der „National Circus School“, um – nach dem Unterricht in Theater, Kunst, Zirkusgeschichte sowie Englisch und Französisch – seine Muskeln spielen zu lassen. Am liebsten übt er an seiner „Flying-Pole“, einer Stange, die nur am Oberboden befestigt ist. Es ist dies seit mehreren Jahren schon seine Spezialdisziplin, wenn auch in einer etwas abgewandelten Form. <BR /><BR />„Ich spicke die fließenden, eleganten Bewegungen mit akrobatischen Elementen und habe damit eine etwas extremere Version von ‚Flying-Pole‘ kreiert“, erzählt der junge Mann von seinem eigenen Stil an der Stange. Einer Stange, die momentan in Kanada hängt. Genauer gesagt in Montreal. Dort hat Aufderklamm im Dezember 2021 nämlich die Aufnahmeprüfung an der „National Circus School of Montréal“ geschafft. „Es waren Kandidaten aus aller Welt und eine große Konkurrenz. Zum Glück hatte ich die richtigen Requisiten, um zu den 15 Auserwählten zu zählen, die hier an dieser weltbekannten Zirkusschule ihre Akrobatikkünste perfektionieren dürfen und eine Rundumausbildung bekommen“, erzählt der Branzoller. Doch so hürdenlos war sein Weg nicht. <h3> Mit Zielstrebigkeit zum Doppelweltmeister</h3>Begonnen hat „der ganze Zirkus“ vor vielen Jahren mit seiner Begeisterung für den Tanz. In der Oberschule schließlich entdeckte der junge Modellathlet den Pole-Sport für sich. Gemeinsam mit seinen beiden jüngeren Schwestern trat er in den Folgejahren mit kleinen Showeinlagen auf Events auf. Doch das lange, harte Training an der Stange und im Fitnessstudio, aber auch die Teilnahme an der TV-Show „Amici“ forderten ihren Tribut. <BR /><BR />Die vierte Oberschulklasse musste Aufderklamm wiederholen. „Zu diesem Zeitpunkt war das natürlich ein Weltuntergang, doch im Nachhinein bin ich froh, dass alles so gekommen ist“, erzählt er. Warum? Weil er ein Jahr länger an der Schule bleiben musste, konnte er noch mehr trainieren und durfte 2018 zur Pole-Sport-Weltmeisterschaft nach Montreal reisen. Dort kürte sich Aufderklamm nicht nur zum Doppelweltmeister („Pole Sport – Kategorie Junior Male“ und „Artistic Pole – Kategorie Junior Mixed“); er traf auch auf Saulo Sarmiento, einen bekannten Coach und Artisten der Kompanie des „Cirque du Soleil“. Sarmiento sah sofort das Potenzial des jungen Südtirolers. „Er riet mir, mich an einer Zirkusschule einzuschreiben. Anfangs konnte ich mit dem Wort Zirkus wenig anfangen, ich kam vom Tanz, vom Sport. Doch je mehr ich mich mit dieser zeitgenössischen Form auseinandersetzte, desto mehr reifte der Entschluss, in diese Richtung weiterzumachen.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="833816_image" /></div> <BR /><BR />Nach der Matura ging es für Aufderklamm darum zunächst für ein zweijähriges Studium nach Turin auf die Akademie „Cirko Vertigo“ und von dort schließlich nach Kanada auf die renommierte Zirkusschule. Dass Aufderklamm nicht aus einer traditionellen Zirkusfamilie stammt, spielt hierbei keine Rolle. Der zeitgenössische Zirkus hat nämlich nur mehr wenig mit exotischen Tieren oder Clowns zu tun – wie es im 20. Jahrhundert noch der Fall war. Es geht vielmehr um neue Kunstformen, Tanz, Theater und Emotionen. „Eine Show erzählt eine Geschichte, es geht nicht mehr um reine Unterhaltung, sondern auch darum, etwas zu vermitteln“, erklärt der angehende Zirkusperformer diese Art von Kunst, die von zeitgenössischen Kompanien in die ganze Welt hinausgetragen wird. <h3> Sein großes Ziel: Der „Cirque du Soleil“</h3>Wo Aufderklamm momentan ein und aus geht, sind auch sie zu Hause: die Artisten des „Cirque du Soleil“. Die kanadische Großstadt Montreal ist gewissermaßen die Wiege des Zirkus, die Basis aller großen Kompanien der Welt und auch die Talentschmiede für die Artisten von Morgen. Aufderklamm ist momentan für ein Jahr in Montreal, 2023 wird sich dann entscheiden, ob er weitere drei Jahre anhängt oder in die Arbeitswelt geht. „Ich hoffe, es wird eher der Studienweg werden“, sagt der adrenalinhungrige Performer, einfach aber sei dies nicht. Sein Lebenstraum ist teuer. Ein Stipendium und finanzielle Unterstützung der Akademie helfen dabei das WG-Zimmer zu finanzieren, den Rest bezahlen seine Eltern. „Für mich ist es extrem wichtig, meine Familie hinter mir zu wissen. Sie unterstützen mich sehr und helfen, wenn es darum geht, wichtige Entscheidungen zu treffen. So sind wir im Laufe der Jahre ein echt gutes Team geworden.“<BR /><BR />Sollte es mit der Weiterführung des Studiums in Kanada trotzdem nicht klappen, möchte der 22-Jährige seinen Studientitel in Italien abschließen. „In Kanada ist die Zirkusschule als Uni anerkannt, und auch in Italien wurde seit kurzem die ‚Cirko Vertigo‘ in Turin als Universität DAMS anerkannt.“ Was er mit dem Studientitel in der Tasche anfangen möchte, dazu hält sich Aufderklamm noch bedeckt. „Vielleicht entscheide ich mich für zeitgenössisches Theater, mache TV-Shows oder arbeite als Model“, sinniert der junge Mann, der sich gern auf seinen unstillbaren Hunger nach Erfolg verlässt. Sein großes Ziel ist es darum auch, irgendwann die große Welt zu sehen, als Teil der Kompanie des „Cirque du Soleil“. <BR /><BR />„Der „Zirkus der Sonne„ ist das Synonym für etwas Großartiges, Riesiges, Erstaunliches – technisch und artistisch. Dort ist alles möglich!“, schwärmt Aufderklamm, für den seine Arbeit keine Kunst, sondern ein Lebensstil ist – ein Mittel, um die Realität aus einer anderen Perspektive zu sehen. „Künstler zu sein, kann man nicht studieren, man bekommt nur die Mittel in die Hand, seine Kunst zu vermitteln.“ Und dies möchte der Südtiroler in Kanada perfektionieren. So gut, dass er eines Tages Geld dafür bekommt, wenn seine Welt Kopf steht.