Dass die Coronapandemie die Welt auf den Kopf gestellt hat, hatte für Moritz Geier ausnahmsweise auch etwas Gutes: Ob er in München, zu Hause in Obermais oder in Seoul ist, spielt im Moment für sein Studium keine Rolle, denn die Vorlesungen finden online statt, sie sind gespeichert und damit jederzeit und überall abrufbar. So kann der 20-Jährige das Modeln und das Studieren unter einen Hut bringen. <BR /><BR /><BR /><Fett>Herr Geier, wie verschlägt es einen zum Modeln nach Südkorea?</Fett><BR />Moritz Geier: Begonnen hat alles im Dezember vor einem Jahr. Nadia, die beste Freundin meiner Mutter, arbeitet für einen Münchner Kaschmir-Kleidungshersteller. Da durfte ich für einen Tag als Model aushelfen. Das hat mir riesigen Spaß gemacht und so habe ich sie gefragt, was ich tun muss, um das Modeln während des Studiums weiterzuverfolgen. Sie hat sich umgehört und ich habe dann ein, 2 Agenturen kontaktiert und zum Glück bin ich dann bei der relativ großen, internationalen Agentur „Eskimo Model Management“ gelandet.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-52033179_quote" /><BR /><Fett><BR /><BR />Und dann?</Fett><BR />Geier: Von einer Agentur aus Südkorea – MDI Model Management – kam ziemlich schnell die Anfrage, ob ich 3 Monate dorthin kommen könnte. Ich muss zugeben, am Anfang war ich eher skeptisch, auch weil ich mir nicht vorstellen konnte, ob und wie toll Südkorea wirklich ist, um dort 3 Monate zu verbringen. Dann habe ich mich eingelesen und festgestellt, wie modern und sicher der Staat ist. Starten sollte ich ursprünglich bereits Anfang August, aber dann hat sich alles auf Anfang November verschoben.<BR /><BR /><Fett>Warum?</Fett><BR />Geier: Erstens war alles zu kurzfristig, zweitens hätte ich in diesen Monaten nicht viele Aufträge gehabt. Als neues Model hätte ich mich ziemlich schwer getan. Die Verschiebung hat es gebraucht, denn ein Visum zu bekommen, war echt eine Herausforderung.<BR /><BR /><Fett>Wie ist der Model-Alltag?</Fett><BR />Geier: Im Normalfall kriege ich am Vorabend meine Termine für den Tag darauf zugeschickt, das heißt, wann ich wo sein soll. So kann es sein, dass ich an einem Tag 2 Castings habe, am nächsten Tag am Vormittag ein Casting, am Nachmittag ein Shooting und dann tags darauf einen vollen Tag an Shoots. Manchmal habe ich einen ganzen Tag frei, dann wieder 2, 3 Castings an einem Tag, und wenn man einen „Full Day“ hat, verbringe ich 8 bis 10 Stunden beim Modeln.<BR /><BR /><Fett>Wie läuft ein Casting ab?</Fett><BR /> Geier: Man wird von der Agentur zum Kunden gebracht, kriegt ein Outfit, das man anziehen muss. Dann stellt man sich vor eine Wand, zeigt sich von vorne und dreht sich dann in 45 Grad-Schritten einmal im Kreis. Danach pose ich für rund 10 Fotos. Das war’s. Normalerweise also 10 bis 15 Minuten für ein Casting.<BR /><BR /><Fett>Wenn man engagiert wird?</Fett><BR />Geier: Bei einem Job bzw. einem Shoot hat man eine sogenannte „Call time“, da wird man zunächst geschminkt und frisiert. Von den meisten Kunden bekommt man dann einen „Mood“ vorgegeben. Soll heißen, sie zeigen Fotos, welche Stimmungslage, welchen Gesichtsausdruck man haben sollte und dann geht’s zum Foto-Shooting, man wechselt wieder die Klamotten, Haare und Make up werden nachgebessert. Das geht dann den ganzen Tag so.<BR /><BR /><Fett>Und welchen Gesichtsausdruck wollen die Kunden?</Fett><BR />Geier: Die meisten Kunden wollen ein emotionsloses Gesicht. Aber es kann schon gut sein, dass ein Kunde einmal will, dass man „sierig“ drein schaut oder lacht oder alles Mögliche.<BR /><BR /><Fett>Wie leicht ist das Posieren?</Fett><BR />Geier: Das ist nicht so simpel, wie man denkt. Denn es wird ganz genau auf die Gesichtsausdrücke und Körpersprache geachtet. Meine Agentur ist aber sehr hilfsbereit. Wir hatten schon zweimal die Gelegenheit, das Posieren für ein paar Stunden zu lernen. Aber man braucht schon lange, bis man das dann wirklich beherrscht. Es hilft einem sehr, wenn man sich nicht geniert, vor anderen Leuten und vor der Kamera „ummerzuhupfn“ und wenn man selbstsicher ist.<BR /><BR /><Fett>Haben es junge Frauen leichter als Männer?</Fett><BR />Geier: Einfacher weiß ich nicht, aber ich denke, sie verdienen mehr als wir „Buam“.<BR /><BR /><Fett>Wie viel verdient man im Schnitt für einen Arbeitstag?</Fett><BR />Geier: Hängt von der Art des Jobs ab, bei einem normalen Arbeitstag sind es brutto 600 Euro.<BR /><BR /><Fett>Was ist mit Cat-Calling oder besser gesagt Kater-Calling auf der Straße: Pfeifen Ihnen die Südkoreanerinnen hinterher?</Fett><BR />Geier: Ich mit meinen blonden Haaren, blauen Augen und für koreanische Verhältnisse überdurchschnittliche Größe falle unweigerlich auf. Nachgepfiffen hat mir noch niemand, aber ich habe auch meistens die Kopfhörer auf (lacht). Beim Ausgehen wird man aber sehr oft angesprochen.<BR /><BR /><Fett>Wie wohnen Sie?</Fett><BR />Geier: Ich wohne mit 2 „Buam“ und 4 „Gitschn“ – alle so wie ich aus dem Westen – in einer Wohnung der Agentur. Und zugegeben, anfangs war ich überfordert, mit so vielen Leuten zusammenzuwohnen, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt und ich muss sagen, dass ich jetzt froh bin darüber. Sie haben mir Tipps gegeben, wo man einkaufen kann, wo es gute Sachen zum Essen gibt, wo man ausgehen kann; generell sind alle sehr hilfsbereit.<BR /><BR /><Fett>Modeln und Studium: Ist das unter einen Hut zu kriegen?</Fett><BR />Geier: Das lässt sich relativ gut zusammenbringen. Weil alle Vorlesungen zur Zeit online sind, kann ich sie von überall mitverfolgen. In diesem Studienjahr habe ich mir eigens die Kurse ausgesucht, bei denen ich nicht Projekte mit anderen Studenten machen muss. Zudem wird bei uns jede Vorlesung online gespeichert, also kann ich sie anschauen, wenn es am besten geht. So ist auch das Problem mit der Zeitverschiebung gelöst.<BR /><BR /><Fett>Wäre Modeln eine Alternative zum Informatik-Studium?</Fett><BR />Geier: Hauptberuflich nicht, aber neben dem Studium definitiv ja. Als Reisemöglichkeit ist es mega! Davon zu leben, ist relativ einfach. Aber wenn man gut verdienen will, muss man beispielsweise nach China gehen und „buggln“. Das Ziel wäre immer, das Gesicht einer Marke zu werden. Dann verdient man sehr gut. <BR /><BR /><Fett>Apropos Gesicht: Warum will eine südkoreanische Modelagentur westliche Gesichter?</Fett><BR />Geier: Soviel ich verstanden habe, haben die Koreaner und Asiaten generell ein westliches Schönheitsideal. Insofern hätten dann viele Firmen gern ein „ideales“ Model. Zudem arbeiten viele internationale Firmen in Südkorea, die ihre Produkte im Westen verkaufen, die meisten aus Russland, der Ukraine oder Litauen.<BR /><BR /><Fett>Koreanische Eigenheiten?</Fett><BR />Geier: Die Kultur ist schon sehr anders als die unsere. Einen älteren Bruder muss man in der Höflichkeitsform ansprechen. Koreaner werden nicht an ihrem Geburtstag um ein Jahr älter, sondern alle zu Silvester. Seoul ist mega, inmitten von Hochhäusern taucht plötzlich ein jahrhundertealtes kleines Holzhaus auf. Und was das Essen anlangt: Sie benutzen gefühlt kein Salz, alles schmeckt eher süßlich. <BR /><BR /><Fett>Wer oder was fehlt Ihnen am meisten?</Fett><BR />Geier: (lacht) Eine gute Frage. Mami, Papi, Omi höre ich fast jeden Tag, insofern kann ich nicht sagen, dass sie mir fehlen. Sie nicht zu sehen, bin ich vom Studium eh gewohnt. Eher sind es meine Kollegen, weil ich zum Beispiel unsere üblichen nächtlichen Runden alleine drehen muss, wobei ich das beim Studium ja auch schon gewohnt bin. Mir fehlen vor allem meine Halbschwestern und meine kleine Kusine, weil sie noch klein sind und sich in diesen 3 Monaten komplett verändern werden. Zudem fehlt mir noch das gute Essen. Eine gute Pizza oder Lasagne – leider Fehlanzeige.<BR /><BR /><Fett>Und wenn es jetzt auf Weihnachten zugeht?</Fett><BR />Geier: Jetzt, da es Richtung Feiertage geht, fehlt mir meine Familie schon. Ich bin auch null in Weihnachtsstimmung, denn das hat mit Daheim zu tun, mit dem Besuch am Weihnachtsmarkt usw. Aber Mami hat schon Geschenke verschickt und ich habe ein paar daheim zurückgelassen – eines natürlich fürs Bengele.<BR /><BR /><Fett>Südkorea und Weihnachten?</Fett><BR />Geier: Die Südkoreaner kennen Weihnachten, wir haben am 25. Dezember frei. Weihnachtsbeleuchtung sieht man manchmal in den Wohnungsfenstern, aber nicht auf den Straßen wie daheim. Schnee gibt’s. Es ist teils kälter als bei uns daheim, aber es regnet kaum im Winter.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-52033175_quote" /><BR /><BR /><BR /><Fett>Wie ist es mit Corona?</Fett><BR />Geier: Bei meiner Ankunft Anfang November war ich 2 Wochen im Hotel in Quarantäne. Man muss überall Maske tragen, außer in Bars, Clubs, Restaurants. Überall ist der Impfausweis vorzuzeigen, aber ich denke, daheim ist die Situation schlimmer.<BR /><BR /><Fett>Zum Schluss eine besondere Begebenheit?</Fett><BR />Geier: Da fällt mir jetzt auf Anhieb nichts ein. Aber ich habe es bis jetzt beim Ausgehen immer geschafft, mit Leuten ins Gespräch zu kommen, die entweder Italiener oder Deutsche waren oder zumindest eine der beiden Sprachen sprachen. Ich vermute jetzt einmal stark, dass ich im ersten Monat hier mehr Italienisch gesprochen habe als daheim in meinem ganzen Leben (lacht).<BR /><BR /><embed id="dtext86-52033794_gallery" /><BR />