Reinhold Messner war 1978 zusammen mit seinem österreichischen Begleiter Peter Habeler (70) der Erste, der den Everest ohne Sauerstoffgerät bestieg und 1980 außerdem der Erste, der den Berg im Alleingang bezwang.Ein Interview mit dem Bergsteiger, der gerade am Mount Everest ist:Herr Messner, was bedeutet Ihnen dieser Jahrestag?Messner: Also, ich bin ja nicht nur Bergsteiger, sondern auch jemand, der historisch interessiert ist an dem, was am Everest passiert ist, etwa seit den 20er Jahren. Die erste Besteigung am 29. Mai '53 durch Hillary und Norgay bleibt natürlich ein Highlight dieser Historie. Was mich aber noch mehr interessiert ist das, was heute am Mount Everest passiert.Es gibt Berichte darüber, dass es zeitweise einen Stau auf dem Weg zum Gipfel gibt. Mit welchen Gefühlen sehen Sie das?Messner: Also das muss man relativieren. Im letzten Jahr gab es einen fürchterlichen Stau. Das hing wohl auch damit zusammen, dass damals diese Massenaufstiege nicht koordiniert wurden. Heuer gab es diese Staus nicht – einige sind gerade unterwegs zum Gipfel. Es ist im Basislager aufgeräumt, sauber und relativ friedlich, von einigen Aggressionen abgesehen, die entstanden sind, weil eben nicht für alle Touristen, die die Infrastruktur nutzen wollten, auch Infrastruktur vorhanden ist. Viele wollen ja sozusagen im Windschatten der großen Tourismus-Expeditionen irgendwie in die Höhe kommen.Worin liegt dann der Konflikt genau?Messner: Der Konflikt besteht darin, dass eben einige im Windschatten dieser Expeditionen hinaufsteigen und so tun, als ob sie diese Klettersteige, diese Vorbereitungsarbeiten nicht bräuchten. Sie nutzen sie stillschweigend, ohne dafür zu bezahlen, ohne dafür den Sherpas die Anerkennung zu geben. Und die Sherpas, die das Ganze unter großer Gefahr aufbauen, sagen „Das lassen wir uns nicht mehr gefallen“.Es gibt viel Kritik an dem Massenansturm auf den Mount Everest, wie sehen Sie das?Messner: Also, ich glaube, wir können hier nicht über “Okay„ oder “Nicht okay„ sprechen. Das ist nicht moralisch einzuordnen oder moralisch zu rechtfertigen oder zu verurteilen. Sondern es ist eine Tatsache, dass am Everest heute hauptsächlich Tourismus stattfindet.Alleine schaffen es diese Bergsteiger also nicht...?Messner: In der Tat schaut das so aus, dass im Vorfeld Hundertschaften von einheimischen Sherpas aufsteigen und vom Basislager, vom Beginn des Aufstiegs bis zum Gipfel, einen Klettersteig anlegen. Das heißt, eine Spur anlegen, Seile spannen, Pritschen bauen, Lager aufbauen, Sauerstoffdepots anlegen – und dann steigen die Touristen, es sind wirklich Touristen, auf dieser Piste zum Gipfel. Die allermeisten – ich würde sagen 99,9 Prozent der Touristen, die da sind – könnten in Eigenregie niemals diese Besteigung machen. Aber inzwischen sind die Organisatoren so gut, dass sie eben viele dieser Klienten, die unbedingt auf den Everest wollen, die bereit sind, dafür zu bezahlen, dass die betreut und geführt hinaufkommen, und auch wieder hinuntergebracht werden.Es gab gerade in der vergangenen Woche einige Rettungseinsätze mit einem Hubschrauber, das gab es früher ja auch nicht, oder?Messner: Es sind ja heuer schon wieder mehr als ein Dutzend Tote zu beklagen. Darüber redet man gar nicht. Also, bei Sherpas und auch bei Bergsteigern. Dieser Pilot, der die Einsätze geflogen hat – übrigens ein italienischer Pilot – der hat inzwischen so viele Verletzte, Höhenkranke, Müde, ja im Großen und Ganzen nicht mehr zurechnungsfähige Bergsteiger, vom Everest geholt, dass die Totenzahl weit über 20 läge, wenn es nicht die Hubschrauber-Rettung gäbe.Wenn Sie jetzt am Everest sind, kribbelt es dann bei Ihnen noch?Messner: Also, der Everest ist ein aufregender Berg, sehr historisch. Wenn ich an diesem Berg stehe, sitze oder hinauflaufe, bin ich schon voller Bewunderung. Ich kann hier immer all meine Anstrengungen, die Zweifel, die Hochgefühle, die da oben möglich sind, nachempfinden. Dieser Berg ist nach wie vor ein Mythos, auch wenn er heute mehr genutzt und vielleicht zum Teil auch missbraucht wird. Aber ich wünsche mir, dass man ganz genau beschreibt, was da stattfindet. Auf dass auch Außenstehende, die nie etwas Höheres als einen Barhocker bestiegen haben, nachempfinden können, was der Everest für uns alle bedeutet. Allen Menschen auf dieser Erde ist mindestens EIN Berg ein Begriff. Er ist nun einmal der Allerhöchste.Interview: Dirk Steinmetz, dpa