Südtirol Online: Sie leben bereits seit über zehn Jahren im Ausland. Was hat Sie in die Ferne gezogen?Christoph Schwingshackl: Mein Entschluss ins Ausland zu gehen stand ziemlich früh fest. Als ich an der TU-Wien mein Studium abgeschlossen hatte, wollte ich noch nicht zurück nach Südtirol, sondern etwas von der Welt sehen. Und damit nahmen die Dinge ihren Lauf. Ich ging an die „University of Southampton" in England, um dort am Institut für Luft- und Raumfahrttechnik meine Doktorarbeit zu schreiben. Und dann bin ich hier hängen geblieben. Heute arbeite ich am Imperial College London. STOL: Warum England? Schwingshackl: Wenn man in der Forschung arbeiten und in Europa bleiben will, dann ist England sicherlich eine gute Wahl. Ähnlich wie die amerikanischen Universitäten legen auch die englischen Hochschulen größten Wert auf die Forschung. Universität heißt nicht nur Lehre, sondern wird vor allem mit Geldverdienen gleichgesetzt. Je besser die Forschungsergebnisse sind, umso mehr finanzielle Unterstützung bekommt eine Uni, wodurch wieder mehr Forschung betrieben werden kann. Die Uni gewinnt an guten Ruf und zieht mehr nationale und gut zahlende internationale Studenten an. Dementsprechend stark wird Forschung in Großbritannien gefördert. In Deutschland, Österreich und in Italien ist das leider noch nicht so sehr der Fall, dort werden Studenten - im klassischen Sinn - ausgebildet, auch wenn in den letzten Jahren der Trend zu Elite-Unis stark zugenommen hat. STOL: Sie forschen am Imperial College London in der Luft- und Raumfahrttechnik. Wenn Sie einem Laien erklären müssten, was Sie dort genau machen, dann... Schwingshackl: ... wird das schwer (lacht). Momentan arbeite ich mit dem internationalen Konzern Rolls-Royce zusammen, der weltweit einer der größten Hersteller von Flugzeugtriebwerken ist. Da die Triebwerke während eines Fluges extremen Belastungen ausgesetzt sind, müssen sie während ihrer Entwicklungsphase aufs Genaueste untersucht und überprüft werden, um zu verhindern, dass es zu einem Versagen während des Fluges kommt. Ein Hauptaugenmerk dabei liegt auf den Vibrationen, denen das Triebwerk ausgesetzt ist. Zu starke Schwingungen über einen längeren Zeitraum hinweg, können dazu führen, dass das Material versagt. Ähnlich wie bei einer Büroklammer. Wenn man zu lange mit ihr herumspielt, dann bricht sie normalerweise auseinander. Meine Forschungstätigkeit liegt nun darin, die Vibrationen im Triebwerk zu reduzieren, um die Sicherheit zu erhöhen. Dabei arbeite ich sowohl hinter dem Computer, um unsere Vorhersagen zu verbessern, als auch im Labor um die Vorhersagen experimentell zu bestätigen. STOL: Waren Sie bereits als Kind ein Tüftler? Schwingshackl: Angeblich habe ich bereits im Alter von vier Jahren erklärt, dass ich Technik studieren möchte. Ich war derjenige in der Familie, der aus Lego-Teilchen alle möglichen und unmöglichen Maschinen gebaut hat. Es war also bereits sehr früh klar in welche Richtung ich mich bewegen werde. STOL: Sehr konsequent. Schwingshackl: Jein. Ich habe das Humanistische Gymnasium besucht. Das passt nicht so richtig in dieses konsequente Techniker-Bild. Da hätte ich eine andere Oberschule besuchen müssen. STOL: Um acht ins und um 17 Uhr wieder raus dem Büro oder Tüfteln bis in die Morgenstunden. Wie sieht Ihr Forscheralltag aus? Schwingshackl: Ich fahre in der Früh zeitig zur Uni, da ich am Abend nicht mehr sehr produktiv bin. Dort verbringe ich den Großteil des Tages, also zehn bis zwölf Stunden, entweder im Büro, wenn Berechnungen anfallen oder im Labor, wenn ich gerade experimentiere. STOL: Wenn jemand Mathematik hasst ist Ihr Beruf wahrscheinlich der falsche. Welche Eigenschaften braucht es? Schwingshackl: Falsch. Man muss kein Mathematik-Genie sein. Ich war jedenfalls keine Mathematik-Leuchte in der Schule und komme doch bestens zurecht. Eine Abneigung vor trockener Materie sollte man allerdings nicht haben. Auch ein ausgeprägtes technisches Verständnis und eine gute dreidimensionale Vorstellungskraft sind in diesem Bereich sehr hilfreich und notwendig. Leider schreckt das viele Auswendiglernen und Formeln-Pauken einige davon ab, in diesen Bereich hinein zu schnuppern. Aber nachdem das Studium so ein weites Gebiet abdeckt, kann ich es nur weiterempfehlen. Es findet jeder einen Bereich, der ihn interessiert. STOL: Wie international ist ihr Arbeitsumfeld? Schwingshackl: Sehr international. Das ist wahrscheinlich der Hauptgrund, weshalb mich England so fasziniert. Bei mir im Büro ist nur unser Chef Engländer, alle anderen kommen aus den unterschiedlichsten Ländern dieser Welt. Wir haben Chinesen, sehr viele Osteuropäer und erstaunlicherweise viele Italiener bei uns am College. In einem solchen Ambiente zu arbeiten macht Spaß. Vor allem, da man auch als Nicht-Engländer sehr schnell Anschluss findet. STOL: Sie beschäftigen sich täglich sehr intensiv mit Flugzeugen. Möchten Sie eines Tages selbst eines steuern? Schwingshackl: Vielleicht ein kleines Flugzeug. Ehrlich gesagt hält sich dieser Wunsch aber in Grenzen. Hinter dem Piloten-Dasein steckt eine sehr harte Ausbildung, die mich nicht so sehr reizt. Da baue ich schon lieber Flugzeuge.STOL: Autos fahren bald schon mit Strom. Mit welchem Antrieb werden Flugzeuge in hundert Jahren unterwegs sein? Schwinghackl: Wir werden in hundert Jahren immer noch nach dem gleichen technischen Prinzip wie heute unterwegs sein. Vielleicht verbrennen wir dann kein Kerosin mehr, sondern Wasserstoff. Aber die Energiemenge, die ein großes Flugzeug braucht, um den immensen Schub erzeugen zu können, wird wohl nicht so schnell aus Batterien kommen. Eine große Revolution wird daher ausbleiben, auch wenn die Triebwerke sicherlich sparsamer, effizienter und leiser werden. Es kann durchaus sein, dass kleinere Flugzeuge bis dahin elektrisch angetrieben werden. Bei großen Flugzeugen glaube ich das nicht. STOL: Ab wann wird eine Reise ins All für jedermann erschwinglich sein? Schwingshackl: Da müssten wir zunächst die Begriff „jedermann" und „erschwinglich" definieren (lacht). Es gibt bereits einige Firmen, die Reisen ins All verkaufen, auch wenn noch keine abgehoben hat. Für den Otto-Normalverbraucher wird es noch einige Zeit dauern. Vor allem dann, wenn ein Ticket ins All den gleichen Preis wie ein Ticket nach Amerika haben soll. Zwanzig bis dreißig Jahre könnten schon noch verstreichen. STOL: Würde Sie eine solche Reise reizen? Schwingshackl: Nur wenn ich länger als zehn Minuten im All bleiben dürfte. Momentan ist das nicht der Fall. Die meisten Anbieter planen einen ins All zu fliegen, wo man zehn Minuten schwerelos herumtreiben kann, um dann wieder zur Erde zurückzukehren. Das interessiert mich nicht. STOL: Was Forschung und Innovation betrifft, schneidet Südtirol relativ schlecht ab. Was müsste Südtirols Politik tun, um internationale Spitzenforscher anzulocken bzw. um die eigenen Kräfte im Land zu behalten? Schwingshackl: Hier kann ich nur über den technischen Bereich sprechen. Dort bräuchte es gezielte Investitionen vom Land und eine starke Industrie, die hinter der Forschung steht. Topforschung braucht nun leider mal viel Geld, nicht nur was die Forscher, sondern auch was die Einrichtungen betrifft. Es ist also nicht nur Südtirols Politik, sondern vor allem auch der Industriesektor gefragt, um Forschung und Innovation voranzutreiben. STOL: Was betrachten Sie als den größten Vorteil Ihres Forscher-Daseins? Schwingshackl: Die Freiheit. STOL: Inwiefern?Schwingshackl: Nehmen wir an ich würde in einer Firma arbeiten. Dort sagt mir der Chef: „Das und das ist bis zu dieser Deadline zu machen". Das ist natürlich effizient und in der Industrie auch notwendig, aber es schränkt mögliche Entscheidungsfreiheiten ein. In der Forschung ist es so, dass ich mich mit meinen Sponsoren zusammensetze und austausche. Anschließend muss ich eigenständig entscheiden, was ich mit dem Projekt erreichen will. Selbstverständlich muss ich den Wünschen des Geldgebers bis zu einem bestimmten Grad nachkommen, aber ich habe parallel dazu die Freiheit meine eigenen Ideen auszuprobieren und etwas Neues in wissenschaftlicher Hinsicht zu entwickeln. Und genau darin liegt für mich der Reiz der Forschung: Dass ich Herr des Projektes bin.STOL: Das klingt nicht nach Team-Arbeit. Schwingshackl: Bis zu einem bestimmten Punkt ist es Team-Arbeit. Ich bin Mitglied einer relativ kleine Gruppe, die an diesem Rolls-Royce-Projekt arbeitet. Und jeder von uns hat sich auf einen gewissen Bereich spezialisiert. Es gibt jene, die Mathematik-Spezialisten sind und das theoretische Gebilde ausarbeiten. Und dann gibt es solche wie mich, die sich mehr mit der praktischen Seite beschäftigen und die Anwendung der Mathematik betreiben. Das heißt, wir versuchen durch Experimente die Simulationen für die Praxis nachweisbar zu machen. Am Ende müssen aber alle in der Gruppe zusammenarbeiten, um zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen.STOL: Was stört Sie an Ihrem Job? Schwingshackl: Der größte Nachteil sind die befristeten Verträge. Fixe Anstellungen gibt es nur sehr selten. Im Normalfall ist es so, dass man sich nach drei bis vier Jahren nach einem neuen Projekt umsehen muss. Es kann dann sein, dass man auch mal einen Job annehmen muss, der einen nicht unbedingt glücklich macht. Im schlimmsten Fall steht man ohne Arbeit da. STOL: Waren Sie schon in so einer Situation? Schwingshackl: Gott sei Dank nicht. Ich arbeite zwar an der Uni und werde von dieser bezahlt, letztendlich arbeite ich aber nicht für die Uni, sondern für ein Forschungszentrum des Rolls-Royce-Konzerns, der mir die Forschungsaufträge gibt. Er ist der Projektsponsor. Meine Jobsicherheit ist folglich um einiges größer, zumindest solange Rolls-Royce Interesse an unserer Forschung hat. STOL: Trotzdem: Es klingt nach ziemlich ungewisser Zukunft. Schwingshackl: Das stimmt. Insbesondere jetzt, wo in zahlreichen Firmen das Sparen großgeschrieben wird. Leider ist die Forschung häufig - insbesondere in Zeiten der Krise - von Kürzungen betroffen. Allerdings weiß ein Weltkonzern wie Rolls Royce, dass die nächste Generation von Triebwerken besser, energieeffizienter, leiser und kostensparender sein muss. Nur so kann Rolls-Royce weiterhin erfolgreich sein. Das heißt, der Konzern steckt weiterhin viel Geld in die Forschung, um zu verhindern, dass er in fünf Jahren nur mehr hinterher hinkt. Mein Vertrag für die nächsten Jahre wurde deshalb erst vor kurzem verlängert. Das beruhigt. STOL: Die Flugzeugindustrie steckt arg in der Krise. Lufthansa, Austrian Airlines, Alitalia und viele europäische Fluglinien mehr klagen über Passagierschwund und Kostenexplosionen. Haben Sie nicht Angst, dass sich diese Krise auch auf Ihre Branche auswirken könnte. Schwingshackl: Eigentlich nicht. In der Flugzeugindustrie wird sehr langfristig geplant. Das heißt: Wenn eine Fluglinie beschließt, dass sie in den nächsten zwanzig Jahren vierzig neue Flieger braucht, dann werden diese meistens Jahre im Voraus bestellt und dann in Raten abbezahlt. Die Auftragsbücher von Rolls-Royce sind, soweit ich weiß, für die kommenden acht Jahre bereits voll. Der Konzern arbeitet momentan das ab, was er vor zehn Jahren in Auftrag bekommen hat. Außerdem hilft im Augenblick der günstige Dollar-Pfund-Wechselkurs. Rolls- Royce erhält momentan mehr Pfund für seine Produkte, als es noch vor einem Jahr der Fall war. STOL: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? Schwingshackl: Ich würde mich gern von der reinen Forschung hin zur Lehre bewegen und mehr mit Studenten zusammenarbeiten. Das Endziel wäre dann natürlich eine Professur, aber so weit in die Zukunft will ich heute noch nicht blicken. STOL: Angenommen Sie sind in zehn Jahren Professor. Bleibt es beim Standort London? Schwingshackl: Muss nicht sein. Wie gesagt, London ist - was die reine Forschung betrifft - super. Im Bereich der Lehre kann es auch das europäische Festland sein. Das ergibt sich. Letztendlich hängt es von den Job-Angeboten ab. STOL: High-Tech-Forscher sind begehrt. Ist ein solcher Job lukrativ? Schwingshackl: Erstaunlicherweise kann man als Forscher im Bereich der Technik ganz gut verdienen. Vor allem, weil dieser Bereich den Unis sehr viel Geld bringt. In England müssen die Unis für den Großteil ihres Budgets selbst aufkommen. Und unsere Projekte bewegen sich meistens im Millionen-Euro-Bereich. Allerdings verdient man in der Industrie noch um einiges mehr. STOL: Sie interessierten sich bereits als Kleinkind für Technik. Waren damals auch Flugzeuge Ihre große Leidenschaft? Schwingshackl: Nein, eigentlich nicht. Zur Matura-Zeit wollte ich noch Elektrotechnik studieren. Der Entschluss, etwas mit Flugzeugen zu machen, ist erst in den Sommerferien gereift. STOL: Der nächste Schritt war jener zur TU Wien. Schwingshackl: Genau. Ich hab mich für Wien entschieden, da ich die Stadt liebe und das Maschinenbau-Studium keinen schlechten Ruf hat. Während meiner Studienzeit habe ich ein Erasmus-Jahr in Salford in England verbracht. Ich habe die Zeit damals sehr genossen und gesehen wie das englische Hochschulsystem funktioniert. Einige Freunde, die ich in Salford kennengelernt habe, haben mich ermuntert das Doktorat in England zu machen. Gelandet bin in schließlich in Southampton am Institut für Luft und Raumfahrt. Nach dem Abschluss des Doktorats habe ich mich in zahlreichen Ländern und bei verschiedenen Institutionen beworben. Es haben sich mehrere Möglichkeiten aufgetan - letztendlich habe ich mich für London entschieden. Das Imperial College London hat einen guten Ruf und das Team, zu dem ich gehöre, zählt zu den besten in meiner Branche. Das macht die Arbeit spannend. STOL: Sprachliche Barrieren hat es nie gegeben? Schwingshackl: Als ich das erste Mal nach England kam schon. Nach sechs Monaten war die Sprache aber kein Problem mehr. Sobald man in England lebt und „gezwungen" ist Englisch zu sprechen, findet man sich sehr schnell zurecht. STOL: Gibt es bereits einen Forscher-Höhepunkt in Ihrer jungen Karriere? Schwingshackl: Die heutige Flugzeugindustrie verwendet eine Messmethode, an deren Entwicklung ich massgeblich beteiligt war. Als das bekannt wurde, habe ich mich wahnsinnig gefreut. Es ist toll, wenn die Arbeit nicht nur akademisch schön ist, sondern auch in der Praxis ihren Stellenwert genießt. STOL: Für Ihr Forschungsgebiet ist Südtirol zu klein? Schwingshackl: Sollte ich in der reinen Forschung bleiben, dann ist Südtirol zumindest momentan noch zu klein. STOL: London in drei Worten.Schwingshackl: Groß, aufregend und interessant. STOL: Wie wirkt London auf Sie? Schwingshackl: Zu Beginn mochte ich London überhaupt nicht. Ich war die Kleinstadt Brixen und das gemütliche Wien gewohnt. Hier war mir alles zu groß. Jetzt lebe ich seit drei Jahren in London und muss gestehen, ich gewöhne mich mehr und mehr an das Großstadtleben. Es hat seine Vorteile. Gerade was das kulturelle Angebot am Abend betrifft kann man aus einem Riesen-Angebot auswählen. Das beeindruckt mich, wenngleich es nichts London-typisches ist. Im Zentrum von London zu wohnen, könnte ich mir nicht vorstellen. Derzeit wohne ich etwas außerhalb und das ist ideal für mich. Ich bin kein Großstadtmensch, dafür ist mir die Innenstadt immer noch zu voll, zu laut und zu hektisch. Kurz zusammengefasst: Mir ist an 24 Stunden zu viel los. STOL: Was genau stört Sie? Schwingshackl: Die Millionen von Touristen. Unsere Uni befindet sich ganz nahe an einigen großen Museen. Ich warte nicht selten ewig auf die U-Bahn, weil tausende von Amerikaner, Japaner, Italiener, Deutsche und viele mehr in gleiche Richtung wollen. Das ist mühsam und anstrengend. Ich bin immer froh, wenn ich wieder draußen bin. STOL: Hat Sie London verändert? Schwingshackl: Ich bin überzeugt, dass ich auch in anderen Städten einen ähnlichen Entwicklungsprozess durchgemacht hätte. London war vielleicht der Crashkurs. Die Jahre im Ausland haben mich geprägt und sicherlich verändert. Ich bin älter geworden und hoffentlich weiser (lacht). Wahrscheinlich auch offener der Welt und anderen Kulturen gegenüber. Dieser Hunger nach der weiten Welt war bei mir seit jeher vorhanden. Dank meiner Eltern durfte ich bereits als Kind verschiedene Städte und Länder kennenlernen. Wäre ich in Südtirol geblieben, dann hätte ich bestimmte Erfahrungen nicht gemacht. Erfahrungen, die ich heute nicht missen möchte. STOL: Inwiefern spürt man in London die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise? Schwingshackl: Wenn man am Abend schicker Essen geht, dann fällt auf, dass dies immer weniger Londoner tun. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel werden viel stärker in Anspruch genommen. Ansonsten merkt man nicht sehr viel. Vielleicht auch deshalb, da das Pfund immer schwächer wird und damit immer mehr Touristen nach England bzw. London kommen. STOL: Wie wirken die Engländer auf Sie? Schwingshackl: Den typischen Engländer gibt es nicht. Es kommt ganz darauf an, wo man sich in England bewegt. Ich nenne es immer Nord-Süd-Gefälle. Während in Italien die Menschen des Südens sehr gemütlich und jene des Nordens eher hektisch und geschäftsorientiert sind, ist es in England genau umgekehrt. Je mehr man in den Norden vordringt, desto gemütlicher werden die Menschen. Was die englischen Jugendlichen betrifft: Diese empfinde ich als relativ rau. Sie trinken wahnsinnig viel und sind sehr laut. STOL: Stichwort: Schneechaos in London. Wie haben Sie das „weiße London" erlebt? London: Als der erste Schnee fiel, war das einer meiner schönsten London-Tage. Ich habe in der Stadt noch nie so viel Schnee gesehen. Das Chaos, das infolge des Schneefalls ausbrach, war immens und beeindruckend zugleich. Meine U-Bahnlinie fuhr als einzige und so ruhig war es auf der Uni noch nie (lacht). Alles stand plötzlich still. Kein Wunder, denn England ist auf einen solch extremen Wintereinbruch nicht vorbereitet. STOL: Was muss ein Gast von Ihnen in London gesehen haben. Schwingshackl: Jeder, der mich in London besuchen kommt, muss mit mir von der St. Paul-Kathedrale aus entlang der Themse nach Westminster spazieren. Das ist etwas vom Schönsten, was man in London - vor allem am Abend - machen kann. Der Spazierweg ist zwar nicht kurz, dafür umso beeindruckender. STOL: Wie sehen Sie Südtirol aus dem Ausland? Schwingshackl: Als eine heile Welt. Ich informiere mich ziemlich regelmäßig über das Tagesgeschehen in Südtirol und da fällt mir auf, dass die Themen und Vorfälle, über die man sich in Südtirol aufregt, im Vergleich zu den Problemen anderer Länder ein Klacks sind. Dann denke ich mir meistens: Mein Gott, habt ihr es schön. STOL: Gibt es bestimmte Fehlentwicklungen, die sie anprangern? Schwingshackl: Ich bin schon sehr lange weg. Den Mahner aus der Ferne zu spielen, das liegt mir nicht. Nur so viel: Es würde Südtirol nicht schaden, wenn es sich - zumindest im Bereich der Forschung - etwas mehr der Welt öffnen würde. Ich kann mich noch gut an meinen Religions- und Philosophieprofessor in der Oberschule erinnern. Er hat immer vom Dolomiten-Horizont gesprochen. Wenn dieser etwas erweitert werden würde - und wenn es nur das Alpenende ist - dann wäre das nicht schlecht. Ich rate deshalb auch jedem jungen Südtiroler den Sprung in das Ausland zu wagen, um dort eine etwas andere Luft zu schnuppern. STOL: Fehlt Ihnen Südtirol manchmal?Schwingshackl: Oft. Ich verbringe beinahe jeden Urlaub daheim. Es sind vor allem die Berge, die mir fehlen. Mit den Billigfliegern geht es deshalb auch drei bis vier Mal im Jahr in Richtung Heimat STOL: Eine Rückkehr nach Südtirol gibt es nur, wenn ...Schwingshackl: ... sich das Land im Bereich der Forschung weiterentwickelt. Sobald auch in Südtirol industrielle Forschung professionell und intensiver betrieben werden kann, steht einer Rückkehr nichts im Wege. In den nächsten paar Jahren wird mein Wohn- und Arbeitsort aber London bleiben. Interview: Johanna Gasser