Links in der Hand eine Banane, rechts den Proteinjoghurt. Wie versteinert stand Alex Weitgruber da und starrte nur noch auf den leeren Radständer. Das aufgezwickte Anhängeschloss baumelte noch. Daneben sein Arbeitslaptop und die kleine Verpflegungstasche. „Fahlt's mir iaz?“, entkam es ihm entgeistert. Es war der 22. Juni, kurz nach acht Uhr morgens, im dänischen Kopenhagen. Der Eppaner Amateur-Radler hatte sich soeben im Supermarkt sein Frühstück geholt, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel: Sein „Pinarello“-Rennrad war weg. <BR /><BR />„Ich fühlte mich nackt, wie ein Reiter ohne Ross“, erzählt er vom ersten Schock, aber auch von dem emotionalen Verlust des Diebstahls. Schließlich war das Fahrrad mehr als ein Drahtesel. Zehn Jahre lang trug es Alex Weitgruber durch die Welt und lebte mit ihm seinen großen Traum: alle Hauptstädte Europas mit dem Rad zu bereisen.<h3> Nach London wusste er: Es geht noch mehr</h3>Auf die Idee kam der Eppaner bei seiner ersten Hauptstadttour nach Rom 2017. In den vergangenen Jahren folgten dann Berlin, Wien, Paris, Zürich, Vaduz, Brüssel, Amsterdam, Luxemburg und das 1500 Kilometer entfernte London. Das war 2022. Und weil er dort gefühlt ruhig noch hätte bis Dublin pedalieren können, beschloss er heuer, weitere 700 Kilometer draufzupacken und von Eppan nach Kopenhagen und schließlich bis Stockholm zu radeln.<BR /><BR />„Der hat doch ein Rad ab!“, mögen sich manche denken, wenn sie von den Plänen des Hobby-Radlers hören. Weitgruber ist das einerlei: „Ich brauche keinen Applaus, ich radle aus Freude am Sport.“ Für ihn seien die Touren weder eine Schnapsidee, noch ein Abenteuer ins Blaue. Akribisch genau plant und tüftelt er an jedem Detail. Das reicht von Machbarkeitsstudien, Materialtests, Proviantoptimierung, Touren-Apps, Alkoholverzicht, bewusster Ernährung, Konditionstrainings bis hin zu Fahrtwindstudien.<BR /><BR />Ausgangspunkt einer jeden Planung sei dabei das Flugticket für seine Frau Isabel. „Neben meiner Familie ist sie die wichtigste Stütze und Motivation für mich. Darum reist sie mir immer hinterher, und wir treffen uns dann in der jeweiligen Hauptstadt. Um dieses Flugdatum herum beginne ich meine Etappen zu planen, meist sechs Monate vor Start“, schildert Weitgruber, der im Hauptberuf Juniorchef eines Import-Export-Unternehmens in Bozen ist – antreffen tut man ihn dort aber selten. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="914077_image" /></div> <BR /><BR />Seit zwei Jahren schon arbeitet der Ein- und Verkaufsspezialist während Bergfahrten auf die Mendel oder beim Langlaufkonditionstraining auf der Seiser Alm mit Stöpsel im Ohr. Seine Kunden seien den Fahrtwind im Hintergrund längst gewohnt. „20 Jahre lang saß ich zwölf Stunden im Büro. Heuer werde ich 45 Jahre alt – und wenn ich etwas erleben möchte, muss ich es jetzt machen. Am Schreibtisch kann ich auch noch in zehn Jahren sitzen“, beschreibt er den riesigen „Push“ an Lebensqualität. Den Kunden sei es egal, Hauptsache die Arbeit passe und er sei erreichbar, weiß der Unternehmer. „Manche gratulieren mir auch zu den Etappenzielen“, muss er schmunzeln. Und von denen hatte er heuer gar einige: 16, um genau zu sein (<I>siehe Grafik</I>). Täglich 100 bis 150 Kilometer spulte er täglich ab; das hieß : gut sieben Stunden Fahrt bei durchschnittlich 20 km/h. Um sich dabei die Kräfte bestmöglich einzuteilen, analysierte er schon am Vorabend die Winde und teilte die Strecke in schnelle und ruhigere Abschnitte.<h3> Zwei Pannen und 49 Bananen</h3>In seiner fünf Kilogramm leichten Verpflegungstasche hatte er nur das Notwendigste dabei. Gewascht, gebügelt und geschlafen wurde in Hotels, dort gab es abends meist einen Teller Pasta und ein alkoholfreies Bier. <BR /><BR />Tagsüber speiste Weitgruber Proteinjoghurts und Bananen aus dem Supermarkt. 49 Stück waren es bis zum Schluss, wobei ihm die eine in Kopenhagen fast im Hals stecken geblieben wäre. Denn der Diebstahl seines Rennrads brachte das Projekt ins Wanken. „Meine erste Emotion war darum auch nicht Ärger, sondern die Angst: Wie komm ich pünktlich nach Stockholm zu meiner Frau?“ 800 Kilometer lagen noch vor ihm, und die Uhr tickte. Wie von der Tarantel gestochen irrte er in Radschuhen durch Kopenhagen und fand tatsächlich ein Rad in seiner Größe. Es war ein „Grubble Bike“, zwei Kilo schwerer und breiter bereift, doch Weitgruber schlug nach einer Zehn-Meter-Probefahrt zu. „Der Verkäufer schüttelte nur noch den Kopf, half mir aber schließlich, Clips und Aufhänger zu montieren. Drei Stunden nach dem Diebstahl radelte ich schon wieder in Richtung Schweden“, erzählte er vom Spießrutenlauf, der sich im Nachhinein als Wink des Schicksals erwies. Denn Weitgruber hätte ohnehin bald ein neues Rad gebraucht. Zudem waren die breiteren Gummis weniger pannenanfällig und machten so den Zeitverlust rasch wett. <h3> Alter Schwede!</h3>Glücklich und noch erstaunlich fit erreichte der 44-Jährige am Dienstag dieser Woche schließlich nach 2150 Kilometern, drei Ländern, 17 Hotels, zwei Radpannen und einem Fahrradwechsel pünktlich sein Ziel. Während sich sein Hintern noch bis morgen bei ein paar erholsamen Urlaubstagen mit Ehefrau Isabel von den Strapazen erholt, schmiedet sein Kopf schon nächste Pläne. <BR /><BR />Madrid und Lissabon stehen 2024 auf seinem Agenda. Dann aber mit seiner Frau im Begleitwagen. „25 Tage ohne sie, das würde schwierig“, sagt er. Tja, Liebe geht eben auch bei einem Radler nicht nur durch die Waden.