<b>STOL: Wie kam es zu dieser Reise?</b><BR />Hartwig Messner: Es fing alles damit an, dass wir vor einigen Jahren Schrott-Rallyes gefahren sind. Da stand einem ein 500-Euro-Auto zur Verfügung, mit dem man dann für eine Woche über Stock und Stein fahren konnte. Das individuelle Umbauen der Schrott-Rallye-Wagen gehörte natürlich auch dazu – und solche technischen Kniffe zu machen, gefiel mir schon damals äußerst gut. Vor geraumer Zeit habe ich dann von Leuten gehört, die mit speziellen Allroad-Lkw um die Welt reisen – das gab mir dann sozusagen den finalen Anstoß. Ich beschloss einen Laster zu kaufen und diesen – mit tatkräftiger Unterstützung meines Vaters – umzumodellieren und für eine längere Reise fahrtauglich zu machen. Das ursprüngliche Reiseziel war die Mongolei, weil gute Freunde bereits dorthin gereist waren und uns auf den Geschmack gebracht hatten: Daraus wurde leider nichts, da die Fahrt durch Länder wie Aserbaidschan oder Turkmenistan derzeit so gut wie unmöglich ist.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wie sind Sie gereist?</b><BR />Messner: Gereist sind wir mit dem zuvor bereits angesprochenen, ummodellierten Lkw, den wir ohne wirklichen Hintergrund „Stanis“ getauft haben. Die Suche nach so einem Allroad-Lkw gestaltete sich allerdings schwierig, da man im Voraus bereits ganz individuelle Vorstellungen davon hat. Für ein halbes Jahr bin ich zu vielen Orten gefahren – immer auf der Suche nach dem perfekten Gefährt. Ein paar fertige Fahrzeuge habe ich mir in Italien angeschaut, ein weiteres in Ostdeutschland – das ich im Übrigen sogar kaufen wollte, aber der Verkäufer machte mir da kurzfristig einen Strich durch die Rechnung. Fündig wurde ich dann schließlich in Bayern: Ein altes britisches Militärfahrzeug – natürlich mit Lenkung auf der rechten Seite, wie es in Großbritannien ja üblich ist – machte das Rennen. Sobald die Formalitäten und das ganze Drumherum geklärt waren und das gute Stück bei uns zuhause ankam, machten mein Vater und ich uns direkt an die Arbeit. 18 Monate und ungefähr 1500 Arbeitsstunden haben wir in den kompletten Ausbau investiert – das war ein Wahnsinnsprojekt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="832511_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Wie sieht die Ausstattung des „Stanis“ aus?</b><BR />Messner: Der „Stanis“ verfügt über eine Küche mit 2 Gasherden, einen Kühlschrank mit Gefrierfach; eine Heizung, die mit Diesel betrieben wird und uns warmes Wasser liefern kann; einen Warmwasserboiler, ein Badezimmer mit Dusche und Toilette, ein französisches Bett, einen 200-Liter-Wassertank und eine Fotovoltaik-Anlage, die uns den nötigen Strom zur Verfügung stellt. Zudem hat der „Stanis“ über 150 PS und bringt rund 7 Tonnen auf die Waage.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="832514_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: 198 Tage sind eine lange Zeit. Welche Länder haben Sie in diesem Zeitraum bereist?</b><BR />Messner: Wir waren insgesamt in 12 Ländern: Österreich, Slowenien, Kroatien, Bosnien, Montenegro, Albanien, Nordmazedonien, Griechenland, Türkei, Georgien, Armenien und Iran.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Wie sah Ihre Ausrüstung aus, und würden Sie jetzt im Nachhinein etwas davon zuhause lassen?</b><BR />Messner: Kleidungstechnisch musste man auf alle Fälle gut vorbereitet sein, da es in manchen Orten richtig heiß und in anderen wiederum ziemlich kalt war: beispielsweise in den Hochebenen der Türkei oder in Armenien, wo die Temperaturen unter 0 Grad rutschten. Es war wirklich ein stetiger Wechsel zwischen Bergschuhen und Flip-Flops. Natürlich haben wir dennoch versucht, so wenig Zeug wie möglich mitzunehmen; daher genügte mir in Sachen Kleidung, neben den Oberteilen, eine kurze und eine lange Hose – denn die meiste Zeit war ich in meiner Lederhose unterwegs, da man die ja bekanntlich nicht waschen muss. Insgesamt hat unsere gemeinsame Ausrüstung – bestehend aus Kleidung, Geschirr (ein paar Gläser, Teller, Besteck und 2 Töpfe), technischen Geräten wie beispielsweise einer Kamera, und Badeutensilien – in 4 Schubladen Platz gefunden. Im Nachhinein daheim lassen hätte man das Nudelsieb können, das eine oder andere Kleidungsstück und einen Dosenöffner – der nie verwendet wurde und wirklich immer nur im weg war.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="832517_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Wie gestaltete sich Ihr Alltag?</b><BR />Messner: Ein gewöhnlicher Reisetag begann um 7.30 Uhr mit dem Frühstück und den anschließenden Küchenarbeiten. Zu 90 Prozent bereiteten wir unser Essen selbst zu – die Küche der verschiedenen Länder haben wir uns natürlich dennoch nicht entgehen lassen: Speziell im Iran war das Essen wirklich super. Nach dem Abwasch ging die Fahrt auch schon los. Am Abend zuvor hatten wir meistens schon eine Route geplant, die wir dann in Angriff nehmen wollten. Wenn es die Zeit hergab, entschieden wir uns auch manchmal dafür, längere Routen über Passstraßen zu fahren, anstatt uns nur schnell schnell irgendwo durchzuschlagen. Meistens war man dann zwischen 2 und 5 Stunden am Tag mit dem „Stanis“ unterwegs. Logischerweise machten wir in der einen oder anderen Ortschaft auch länger Halt, um uns Sehenswürdigkeiten anzusehen und die Kultur besser kennenzulernen. Gegen 17 Uhr bezogen wir meistens einen Stellplatz, um dort zu kochen, den kommenden Tag zu planen und zur Ruhe zu kommen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="832520_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Gibt es einen Reisemoment, der Ihnen ganz besonders im Kopf geblieben ist?</b><BR />Messner: Das Fahren einer der gefährlichsten Routen der Welt – von der wir im Übrigen, als wir sie befuhren, nichts wussten – der D915 in der Türkei. Was die Route so gefährlich macht, ist das fast immer vorherrschende schlechte Wetter und der dazugehörige dichte Nebel. Gefahren wird ausschließlich auf Schotter und wenn einem das Fahrzeug von der Route abkommen würde, hätte man ein riesiges Problem, da man sofort über 100 Meter in die Tiefe stürzen würde. Glücklicherweise passierte uns nichts dergleichen – und die Strecke kam uns im Endeffekt nicht einmal so gefährlich vor (lacht). Ansonsten war es auch allgemein wirklich beeindruckend, in den Hochebenen herumzufahren: Auf einer Meereshöhe von rund 2500 Metern – wo bis auf ein paar Nomaden mit ihren Schafen wirklich nicht mehr allzu viel an Zivilisation zu sehen war – fanden wir riesige Wiesenflächen vor und irgendwann gab es dann keine Wege mehr und man musste sich mit Hilfe des GPS irgendwie durchschlagen. In der Türkei waren wir ganze 3 Tage in den Hochebenen unterwegs.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="832523_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Welche waren die größten Herausforderungen auf Ihrer Reise?</b><BR />Messner: Die schwierigste Zeit hatten wir definitiv im Iran. Als Tourist bekommt man dort nämlich keinen Diesel-Treibstoff, da er kontingentiert ist und nur gewissen Lkw-Fahrern zur Verfügung gestellt wird. Privatpersonen verkehren im Iran ausschließlich mit Fahrzeugen, die mit Benzin betrieben werden. Wir mussten daher den einen oder anderen Lkw-Fahrer fragen, ob er so nett wäre und uns seine Diesel-Karte borgen könnte. Manchmal hatte auch der zuständige Tankwart eine auf Lager. Dann musste man auch noch verhandeln, denn der offizielle Dieselpreis im Iran beträgt nur einen Cent und für ihre Hilfe wollten die Lkw-Fahrer natürlich auch ein wenig Profit machen. Die „teuerste“ Tankladung belief sich auf etwa 30 Cent pro Liter. Im Iran ist das zwar das 30-fache im Verhältnis zum Basispreis, aber immer noch meilenweit von den Preisen hierzulande entfernt. Ein weiteres Problem, das der Iran mit sich bringt, ist die stetige Ungewissheit bezüglich der echten und falschen Polizisten; denn dort behaupten einige normale Bürger den Touristen gegenüber, dass sie Ordnungshüter seien – dabei handelt es sich nur um faule Tricks, um irgendwie an Geld zu kommen.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Während solcher Reisen nimmt man als Mensch unzählige Dinge mit. Was hat diese Reise Ihnen mit auf den Weg gegeben?</b><BR />Messner: Mir persönlich hat die Reise vor allem eines mit auf den Weg gegeben: Dankbarkeit. Ich bin einfach dankbar, das Privileg haben zu dürfen, in einem Land wie Südtirol zu leben. In Albanien und Armenien erklärten uns die Leute beispielsweise, dass ein durchschnittlicher Bürger im Monat um die 400 Euro verdient – und die Preise für Lebensmittel und andere Produkte sind dort nicht wirklich sehr viel günstiger als hier bei uns. In diesen Ländern müssen die Leute wirklich aufpassen, wofür sie ihr Geld ausgeben – wenn ihnen neben den zu tilgenden Fixkosten überhaupt noch etwas davon übrig bleibt. Ein weiterer Punkt, der mir einfällt und den wir in Südtirol nicht einmal mehr groß wertschätzen, ist das wirklich gut strukturierte Müllsystem. In Bosnien sind wir in den Bergen herumgefahren und man konnte dort nichts als Müll sehen. Wir hatten wirklich das Gefühl, durch eine riesige Müllkippe zu fahren: Von Waschmaschinen bis hin zu Sofas lag wirklich alles herum – und das inmitten der Natur.<BR /><BR /><BR /><b>STOL: Würden Sie so eine Reise erneut unternehmen?</b><BR />Messner: Auf alle Fälle. Wenn sich jemandem so eine Möglichkeit bietet, dann sollte er sie auch nutzen – denn so eine Reise zu unternehmen, ist wirklich ein ganz besonderes Gefühl.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="832526_image" /></div> <BR /><BR />