Die landesweite Kampagne mit den 80 überdimensionalen T-Shirts, die seit wenigen Tagen in ganz Südtirol an Masten und Fahnenstangen zu sehen sind, habe ihre Wirkung nicht verfehlt. „Spannend waren jene Momente, als eine ganze Schar von Menschen vor den T-Shirts stand, um die Botschaften zu lesen“, sagt Verena Geschnell von der oew Brixen (Organisation für Eine solidarische Welt). Darauf gab es kurze Geschichten und Gedanken von jenen Leuten zu lesen, welche von der globalen Textilbranche ausgebeutet werden – vorwiegend Frauen und Kinder in den ärmsten Ländern. Die internationalen Konzerne erzählen diese Geschichten natürlich nicht, aber sie gehören eben auch zur Wahrheit, die nicht verschwiegen werden sollte. Kampagne richtet sich an Hersteller und KonsumentSo wie gewisse erschreckende Fakten, die Verena Gschnell zusammengetragen hat: Die Arbeiterinnen verdienen nicht mal 1 Prozent des Endpreises eines T-Shirts, der Durchschnittslohn einer Näherin in Bangladesch beträgt nur 50 Euro im Monat, weltweit verbraucht der Anbau von Baumwolle gleich viel Wasser wie alle Privathaushalte der Erde zusammen. Und, und, und.Am anderen Ende derselben Realität steht sozusagen der durchschnittliche Kleiderschrank von Mitteleuropäern im Fokus: Pro Kopf kauft jeder Europäer 60 Kleidungsstücke im Jahr, ein T-Shirt reist circa einmal um die Erde, bevor es im Schrank hängt. „Hersteller und Konsumenten müssen gleichermaßen umdenken“, sagt Gschnell, „deshalb wird der Fashion Revolution Day weltweit begangen.“ In Südtirol wurde der Aktionstag wegen der schlechten Witterung auf den 14. Mai – dem Welttag des Fairen Handels – verschoben.Zu den wichtigsten Forderungen zählen faire Löhne, sichere Arbeitsbedingungen und das Verbot von Kinderarbeit. Eigentlich hatte die Polizei das Gebäude, in dem sich am 24. April 2013 das denkwürdige Unglück mit 1.100 Todesopfern und über 2.500 Verletzten ereignete aus Sicherheitsmängeln geschlossen, aber die Menschen arbeiteten aus Angst vor einer Kündigung trotzdem. Einige „zarte Pflänzchen“ in SüdtirolÄhnlich wie bei Lebensmitteln sollte man sich auch beim Kleiderkauf öfter mal die Frage nach der Herkunft und dem Produktionskreislauf stellen. Dabei ließe es sich sehr wohl öfter mal sorgfältiger und bewusster handeln. Gschnell stellt fest, dass in Südtirol die Sensibilisierungsarbeit durchaus Früchte trägt: „Es gibt einige Geschäfte, die fair gehandelte Kleidung im Sortiment haben, und immer mehr Second-Hand-Geschäfte oder Tauschkammern eröffnen ihre Tore.“Dabei kommt sie auch auf den Trend der Kleidertauschpartys zu sprechen, die privat oder von Organisationen wie der Urania in Meran und der Cusanus-Akademie in Brixen organisiert werden. Es werden einfach Ort und Uhrzeit fixiert, jeder Teilnehmer bringt fünf Kleidungsstücke mit und schon wird getauscht. So habe man immer wieder etwas Neues im Kleiderschrank hängen und müsse nicht ständig neu kaufen.Darüber hinaus gebe es hie und da auch wieder Werkstätten und Shops mit vollständig heimischem Produktionskreislauf – vom Rohstoff bis zum fertigen Stück. In diversen anderen Branchen liegt diese Rückbesinnung und das Credo vom lokalen Handeln voll im Trend – in der Textilbranche handelt es sich lediglich um einige zarte Pflänzchen. Noch. stol/az