Freitag, 18. September 2020

Oktoberfest: Ein Herbst ohne „Wiesn“ – da fehlt einfach etwas

Weiß-blauer Himmel, Sonne: Perfektes Wiesn-Wetter ist angesagt für diesen Samstag. Um Punkt 12 Uhr hätte am 19. September der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter in der Lederhose das erste Fass Bier mutmaßlich mit 2 Schlägen angezapft und das größte Volksfest der Welt eröffnet. Hätte wohlgemerkt, wenn es das Virus nicht gäbe. Und auch in Südtirol fallen die beliebten Oktoberfeste aus.

Auf der Theresienwiese in München heißt es in diesem Jahr Testzelt statt Festzelt.
Auf der Theresienwiese in München heißt es in diesem Jahr Testzelt statt Festzelt. - Foto: © Shutterstock
Auf der Münchner Theresienwiese etwa heißt es Testzelt statt Festzelt. Wo sonst Millionen Liter Bier fließen, lassen sich Menschen auf das Coronavirus testen. Zum ursprünglich geplanten Wiesnstart könnte es ausgerechnet dort sogar ein Alkoholverbot geben, um private Ersatzpartys mit hohem Infektionsrisiko zu verhindern. Erstmals seit 70 Jahren ist das Münchner Oktoberfest abgesagt – eine historische Entscheidung. Was halten Sie davon? Stimmen Sie ab in der Frage des Tages.





„Ein Herbst ohne Wiesn – da fehlt einfach etwas“, sagt Oberbürgermeister Reiter. Am Samstag hätte er Ministerpräsident Markus Söder die erste Maß Bier gereicht. Stattdessen aber waren die beiden im April gemeinsam vor die Presse getreten, um die Entscheidung zur Absage der Wiesn zu verkünden. „Es tut uns weh“, sagte Söder damals. Reiter sprach von einem traurigen Tag und einem emotional schwierigen Moment.

„Wiesn als Lebensgefühl“

Trotzdem wird es am Samstag in München dutzendfach heißen: „O'zapft is“. „WirthausWiesn“ heißt die Alternative zum geplatzten Volksfest, mit dem mehr als 50 Wirte bis zum 4. Oktober Wiesnstimmung schaffen wollen. „Für uns ist die Wiesn kein Ort und keine Veranstaltung. Die Wiesn ist ein tiefes, in uns verankertes Lebensgefühl“, sagt der Sprecher der Innenstadtwirte, Gregor Lemke.

Der „Koa Wiesn-Krug“

Wiesnbier fließt schon seit Wochen – meistens „Dahoam“: Die Brauereien haben viele Millionen Liter trotz der Absage gebraut – der Gerstensaft fand teils besseren Absatz als sonst. Passend gibt es den originalen Wiesn-Maßkrug, sinnreich beworben als „Koa Wiesn-Krug“.

Ebenfalls seit Wochen drehen auf verschiedenen Plätzen Karussells. Am Königsplatz ermöglicht ein Riesenrad den Blick über die Stadt, ein 90 Meter hohes Kettenkarussell kreist am Olympiagelände. Es gibt Schießbuden, Trachtenstände, Zuckerwatte und Lebkuchenherzen – „Sommer in der Stadt“ heißt das Alternativ-Programm.

Beim „Trachtival“ lockt die Kult-Achterbahn „Wilde Maus“. Statt auf der Wiesn drehen die Ochsen „Max“ oder „Paul“ nun am Chinesischen Turm im Englischen Garten am Grill, am Samstag zum Anstich gibt es Ochsenfleisch auch im legendären Hofbräuhaus.

Hohe Verluste durch Absage

Für Schausteller, Wirte und Budenbesitzer bringt das zumindest etwas Verdienst. Auch Hotels, Gaststätten, Taxifahrer und Einzelhändler verpassen Einnahmen. Die Wiesn 2019 hatte laut Stadt einen Wirtschaftswert von rund 1,23 Milliarden Euro – 6 Millionen Gäste aus aller Welt kommen sonst zur Wiesn. Volle Fahrgeschäfte, überfüllte Zelte – das Fest wäre ein Mega-Infektionsherd geworden. Schon sonst grassierte regelmäßig die sogenannte Wiesngrippe.

Ärzte sehen auch die Wiesn-Alternativen zurückhaltend. Bei Einhaltung der Hygieneregeln sei das Risiko einschätzbar, sagt Bernd Zwißler von der Klinik für Anästhesiologie am Klinikum der Universität München. Das Ideal zur Vermeidung der Krankheitsübertragung sei es, sich nicht zu treffen. Derartige Veranstaltungen komplett zu verbieten, sei aber weder gesellschaftlich akzeptiert noch verhältnismäßig.

„Wilde Wiesn“

Was am Samstag auf der Theresienwiese als originärem Ort des Volksfestes passiert, ist offen. Nur ein paar Buden stehen auf der Fläche, die mit trockenen Grasbüscheln und Schotter eher eine Steppe als Wiese ist. Gerade dort wollte man keine Fahrgeschäfte. Als Wiesn-Alternative wollen Klimaschützer dort demonstrieren, zugleich ist aber neben dem Alkoholverbot sogar ein Betretungsverbot im Gespräch: Befürchtet wird, dass Oktoberfestfans eine „wilde Wiesn“ feiern könnten – mit großem Infektionsrisiko.

dpa/stol