Fünf kleine mobile Wohneinheiten werden von Obdachlosen bereits genutzt. Modell Nummer sechs steht am Eingang des Wohnhauses von Johannes Inderst im Meraner Stadtbezirk Obermais. <BR /><BR />Beim ersten Anblick handelt es sich um ein merkwürdiges Gestell, denn vor einem steht eine kompakte bläuliche Box, deren Verwendungszweck sich nur schwer einordnen lässt. Augenblicklich macht sich Johannes Inderst daran, die ausziehbaren Teile zu fixieren und auf diese Weise die Merkmale des kleinen Wohnmobils zu erklären. Wenige Schritte reichen. Nach und nach kommen die seitliche ausklappbare Öffnung, die stabilisierenden Füße mitsamt Holzstoppern und die kleinen Fensternischen im Inneren zum Vorschein. Voilà, fertig ist das annähernd zwei Meter lange mobile Zuhause. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1182213_image" /></div> <BR />„Hier handelt es sich um eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Prototyps mit einigen Besonderheiten, insbesondere die seitliche Öffnung erweist sich bei diesem Modell als praktisch“, führt Johannes Inderst aus und erwähnt ganz nebenbei einige technische Details. So lässt sich etwa das Gefährt von innen ganz einfach mit einem Holzstift versperren, zudem kann man es mit einem Nummernschloss sichern.<BR /><BR /> Besonders funktionell: die Isolierung mithilfe von gängigen Luftpolsterfolien Pluribol. „Dank dieser Methode kann dieser kleine Innenraum im Winter mithilfe der eigenen Körperwärme sehr schnell um 10 Grad aufgeheizt werden“, erklärt der Erbauer der Box. In Kombination mit dem Schlafsack seien die Nutzer so auch an knackigen Winternächten sicher. <BR /><BR />Die mobilen Wohneinheiten sollen Obdachlosen Schutz vor Kälte und vor dem Ausgeliefertsein bieten, mit ihnen bekommen die Schwächsten der Gesellschaft ein wenig Sicherheit, Würde und auch Selbstachtung zurück. Ein derartiges Gefährt sei zwar etwas fragil, biete aber allemal ein Mindestmaß an Schutz und Sicherheit. „Ich konnte durchaus beobachten, wie sie eine Freude damit haben, wobei Menschen, die auf der Straße leben, natürlich völlig unterschiedliche Charaktere haben“, sagt Johannes Inderst.<BR /><BR />Dabei kommt er auf einige gesellschaftspolitische Aspekte der Obdachlosigkeit zu sprechen, so etwa die Tabuisierung des Phänomens, die damit zugrunde liegende Ausgrenzung der Betroffenen sowie deren leidvollen Erfahrungen. Die Thematik bewegt ihn, gerade mit seinem Einsatz möchte er wachrütteln und sensibilisieren. Das ist ihm bereits gelungen, er steht im Austausch mit sozialen Organisationen und Gleichgesinnten. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1182216_image" /></div> <BR />Seit rund 30 Jahren ist Johannes Inderst, Jahrgang 1967, als Lehrer tätig, Technik und Kunst sind seine Fächer. Derzeit arbeitet er an der Mittelschule in Eppan, vorher war er in Mölten tätig. <BR /><BR />Er erklärt: „Ein zentraler Punkt dieses Schulprojekts ist die Selbstwirksamkeit. Durch das Tun erkennen die Schüler, dass man nicht machtlos ist und alles hinnehmen muss, wie es ist, sondern sehr wohl etwas für die Mitmenschen bewegen kann. Das ist ein wichtiger, motivierender Gedanke hinter diesem Projekt. Man merkt den Schülern auch die Begeisterung an, viele gehen mit Idealismus ans Werk. Wahr ist allerdings auch, dass man im Rahmen eines zeitlich sehr begrenzten Schulprojekt nur sehr schwerfällig vorankommt.“ Gleichzeitig betont er, dass er von den leitenden Schulkräften und Kollegen sehr viel Unterstützung erfahren hat. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1182219_image" /></div> <BR />Der entscheidende Impuls für diese außergewöhnliche Initiative kam von einer Schülerin. Als Abschlussarbeit präsentierte sie einen funktionstüchtigen, aus drei alten Windjacken zusammengenähten Schlafsack. Genau diese Art von Selbstständigkeit versucht der Lehrer bei seinen Schülern zu fördern. Daraufhin verfolgte er diese Idee weiter und machte daraus ein Schulprojekt. <BR /><BR />Der Clou an den Windjacken-Schlafsäcken: Der untere Teil lässt sich dank eines Klettverschlusses abtrennen, sodass die Windjacke separat genutzt werden kann. Mehrere dieser Modelle überließen Inderst & Co. an den karitativen Bozner Verein „Schutzhütte“, damit dieser sie an Obdachlose verteilen konnte. <BR /><BR />Parallel dazu kam der Gedanke, ob man gerade diesen schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft nicht einen kleinen mobilen Unterschlupf zur Verfügung stellen könnte. Gedacht, getan – im Internet fand er ein Modell, die entsprechenden Baupläne konnte man online für 20 Dollar herunterladen. Und so hat er sich drangemacht, den Prototypen an Südtiroler Gegebenheiten anzupassen, mit Bauteilen und Materialien experimentiert („Polypropylen-Platten mit den typischen Luftkammern eignen sich am besten“), Recyclinghöfe abgeklappert, Schüler involviert.<BR /><BR /> Ganz ohne Baumarkt-Einkäufe geht es dann doch nicht, aber an ein paar Hundert Euro Kosten, die er selbst stemmt, soll das Projekt nicht scheitern. Vor vier Jahren wurde das allererste Fabrikat im Zuge einer Ausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt, mittlerweile sind in aufwendiger Kleinarbeit mehrere Schlafboxen entstanden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1182222_image" /></div> <BR />„In Abstimmung mit der Tagesstätte Plus haben wir in Meran bereits fünf mobile Schlafstätten an Obdachlose verteilt“, schildert er. Zusammen mit den Sozialarbeitern gelte es abzuwägen, welches Gefährt sich für welchen Bedürftigen am besten eignet. Das sechste – ebenjenes aus Spanplatten – kommt als nächstes dran. Wenn Johannes Inderst nicht als Lehrkraft tätig ist, so widmet er sich zusammen mit seiner Partnerin Valeria der Kunst, vor allem in Mailand und Turin sind sie aktiv. Gerade diese interdisziplinäre Art des Denkens und Schaffens entspreche seinem Naturell.<BR /><BR /> „Das Projekt ist aus sozialer, pädagogischer und künstlerischer Sicht interessant, das gefällt mir daran, deshalb habe ich es weiterentwickelt“, resümiert er nachdenklich. Nun sei aber der Punkt gekommen, an dem man es nicht mehr länger als Schulprojekt fortführen solle, sondern die Zusammenarbeit mit einem Unternehmen in Erwägung ziehen müsse. Der Bedarf wäre beträchtlich, das weiß nicht nur Johannes Inderst.