Montag, 25. Juni 2018

Reifeprüfung im Rollstuhl: Wenn Tanzen zum Lebenselixier wird

Dem bewegenden Auftritt folgt ein Moment der Stille. Dann gibt es Standing Ovations. Als sich die 18-jährige Sophie Hauenherm am vergangenen Freitagabend bei ihrer Bachelor-Prüfung an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden verbeugt, muss sie dabei sitzen bleiben – im Rollstuhl. Das Publikum ist wie gebannt, manche haben Tränen in den Augen. Denn Sophies Tanz auf einem Stuhl und am Boden ist das ganze Gegenteil von dem, was man einem Menschen in einer solchen Lage zutrauen würde. Ihr Tanz gleicht einer Explosion an Stärke und Kraft. Er ist die Botschaft einer jungen Frau, die sagen will: „Gebt niemals auf und verliert den Mut!“

Die leidenschaftliche Tänzerin Sophie Hauenherm. - Foto: Facebook/Sophie Hauenherm
Die leidenschaftliche Tänzerin Sophie Hauenherm. - Foto: Facebook/Sophie Hauenherm

Wenn Sophie tanzt, sind ihre langen braunen Haare zu einem Zopf geflochten. Was ihre Beine nicht mehr können, macht der Rest des Körpers nun umso intensiver. Es wirkt fast so, als brauchte sie nicht mehr, um auszudrücken, was sie sagen will. Am Morgen nach der Prüfung spricht sie von einem „unglaublichen Abend“. Für eine Tänzerin oder einen Tänzer sei es emotional aufwühlend, eigene Choreographien vor Publikum zu zeigen: „Das ist, als würde man sich nackt auf die Bühne stellen. Man gibt die privatesten Gedanken und Gefühle frei und teilt sie mit den Leuten.“ Sie selbst hat ihre Gefühlswelt der letzten Monate ausgedrückt. Es ist ein Abschluss, aber auch ein Neubeginn.

Sophie stammt aus Leipzig und hat seit 2012 an Deutschlands einziger eigenständiger Tanzhochschule studiert. Im Dezember 2017 ist sie das letzte Mal im Palucca Tanzstudio aufgetreten, damals schon mit starken Rückenschmerzen. Die Ärzte vermuteten muskuläre Verspannungen. Sophie ließ sich selbst ins Krankenhaus einweisen. Ein MRT bekam sie erst, als sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte. Ein Abszess war immer größer geworden und hatte die Nerven abgequetscht. Seither ist sie von der Hüfte ab gelähmt. Sophie spricht von einer inkompletten Querschnittlähmung, weil die Nerven nicht komplett durchtrennt sind: „Das ist mein Glück“.

Stück für Stück zurück in den Alltag 

5 Monate hat sie im Krankenhaus gelegen, seit Mai macht sie eine Reha. Ihr Tag ist nun ausgefüllt mit Krankengymnastik, Stromtherapie, Sport, Alltagstraining, Gangschule, Wassergymnastik, Massage und Luftsprudelbad. Nachher wird sie wieder in ihre Wohnung gefahren. Dort hat sie nicht nur ihre eigene Küche und ihr eigenes Bad, sondern auch ihre Ruhe. Die Ärzte wissen noch nicht, ob, wann und wie viele Funktionen ihres gelähmten Körpers wiederkommen, berichtet Sophie. Inzwischen könne sie auf Unterarmstützen schon bis zu 200 Meter laufen. „Die Zukunft bleibt offen. Jetzt konzentriere ich mich erstmal auf die Ziele, die ich Schritt für Schritt erreichen kann.“

Das Schicksal von Sophie ist ihren Kommilitonen nahegegangen. „Das war ein Schock“, erinnert sich Leon Damm: „Ich wusste, dass sie starke Schmerzen hatte und auch mit sehr starken Schmerzen noch getanzt hat.“ Als die Nachricht kam, dass sie nun gelähmt im Krankenhaus liege, habe man das trotzdem nicht glauben wollen. Gemeinsam mit einem anderen Studenten hat Leon Sophie in einer Spezialklinik im thüringischen Bad Berka besucht. Traurig ging es dort nicht zu. Gemeinsam haben sie Tanzvideos mit dem Handy gedreht. Das hatte Sophie auch zuvor schon getan – sehr zur Verwunderung der Putzfrau im Krankenhaus.

Aufmunternde Gesten der Dozenten

Als Sophie dort ans Bett gefesselt blieb, kamen auch Dozenten mit Kuchen vorbei. Eine Mitarbeiterin aus dem Kostümfundus schickte jede Woche einen Brief oder ein Päckchen – mit lieben Worten, Gummibären, selbstgebackenem Bananenbrot oder Ostereiern zum Basteln. „Die Erfahrungen aus dem Studium haben mir geholfen, die Erkrankung zu bewältigen“, meint Sophie rückblickend und verweist auf „Palucca- Tugenden“ wie Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen und eiserner Wille. „Ich bin vom Typ her nicht jemand, der sich hängen lässt und den Kopf in den Sand steck. Ich habe mir aber immer gesagt: Ich schaffe das, ziehe das durch, mache jede Therapie mit, alles, was ich kann.“

Ted Meier, freier Dozent an der Palucca Tanzschulen, zieht vor seinem Schützling den Hut. Bei den Proben für die Prüfung hat er oft mit ihr gescherzt. Auch Lachen kann wie eine Medizin wirken. „Sophie ist eine echte Durchbeißerin“, sagt Meier. Sie selbst drückt es nicht viel anders aus: „Das bin ich, voller Energie und Ehrgeiz – und genau das war ich schon immer. Ich zeige nur meinen aktuellen Zustand und auch den Weg, auf dem ich bin.“ In einem Jahr werde sie schon ganz anders auf der Bühne zu sehen sein, ist sich die Tänzerin sicher: „Es ist immer noch das schönste Gefühl der Welt, auf der Bühne zu stehen.“

dpa 

stol