Wer am vergangenen Wochenende die Fachveranstaltung „Passion Art Tattoo Convention“ in der Messe Bozen aufsuchte, wähnte sich in einer Parallelwelt. Dutzende Interessierte ließen sich gleichzeitig ein Motiv in die Haut stechen, vielfach von Tattoo-Künstlern, deren Körper zumeist selbst von Tätowierungen übersät waren. Dabei durfte die Show mitsamt Wettbewerb nicht zu kurz kommen, zudem vernahm man aus vielen Ecken passende Metal-Klänge. <BR /><BR />Der große Andrang eines vornehmlich jungen Publikums zeigte: Tätowierungen sind nach wie vor sehr gefragt, nicht umsonst haben sich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hierzulande viele Tattoo-Künstler eine berufliche Existenz aufbauen können. So wie etwa Elisa Noir aus Schlanders, die unter dem Studionamen „Herzstickl“ signiert und mittlerweile zwölf Tätowierer beschäftigt. Bevor sie einem Kunden ein neues Motiv in den Oberschenkel sticht, äußert sie sich zum modernen Cyber-Sigilismus.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1380237_image" /></div> <BR />Hierbei kommen zumeist individuelle, stilisierte und verschlüsselte Motive zur Geltung. Diese stellen dann für den Träger einen besonderen Wert bzw. eine persönliche Geschichte dar. Ein gutes Beispiel ist das frisch eingearbeitete Tattoo auf Evelyn Thalers Oberarm. „Ich habe mir die Sternzeichen all meiner Familienmitglieder tätowieren lassen, weil mir die Familie das Allerwichtigste ist“, sagt die fröhliche Eisacktalerin aus St. Peter bei Lajen. Auf diese Weise trage sie die Familie immer bei sich. Ein weiteres Tattoo ziert ihren Rücken, dort ist es das Familienwappen. Ein Tattoo als Zeichen der Verbundenheit und Ausdruck von Zugehörigkeit. Emotionale Bedeutungen rücken somit verstärkt in den Vordergrund. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1380240_image" /></div> Gerade diese Deutungsmöglichkeit erklärt wohl den Siegeszug dieser einst sehr argwöhnisch betrachteten Körperkunst. Heute sind Tätowierungen Mainstream. Oder wie Domenico es formuliert: „Tattoos gehören heute zur Mode und zum Lifestyle, wobei die Influencer die Richtung vorgeben.“ Zusammen mit seiner Lebenspartnerin Melanie Ezechiele betreibt er seit neun Jahren das Studio „Holy Body Arts“ in Meran. Er vermisst den Pioniergeist der Anfangsjahre, viele Menschen würden sich mittlerweile ein Tattoo eher aus Pflichtgefühl und nicht mehr aus Passion stechen lassen. <BR /><BR />Dazu passt, dass Italien Spitzenreiter im weltweiten Ranking ist: Laut Umfrage des Statistik-Dienstleisters Statista gab fast jeder zweite Italiener (48 Prozent) an, eine Tätowierung zu haben. Mit knappem Abstand folgen dahinter Schweden und die USA, in Deutschland beträgt die Tattoo-Rate indessen 36 Prozent. <BR /><BR />Gerade weil die Körperkunst zum Massenphänomen geworden ist, kommt es zu Gegenreaktionen. Manche Tattoo-Künstler distanzieren sich vom Kommerz, andere wollen einfach eine besondere Nische bedienen. So ruft auf der Bozner Veranstaltung ein gewisser Dino Cima aus Rom großes Interesse hervor. Im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern pflegt er die Handpoke-Technik – sticht also das Tattoo manuell mit steriler Nadel. Er bevorzugt Motive aus der nordischen Mythologie, etwa Runenzeichen. Längst muss man sich eben auch als Tätowierer von der breiten Masse abzuheben wissen.