Gerüste. Kräne. Ein unaufhörliches Hämmern auf Metall. Nicht anders kennen die Barceloner die Sagrada Família – und genau so wird sie wohl auch noch eine ganze Weile klingen. <BR /><BR />Doch dieses Jahr erhebt sich die ewige Baustelle in eine neue Dimension: Der zentrale Christus-Turm, architektonisches Herzstück und spiritueller Höhepunkt des Bauwerks, ist vollendet. Besetzt mit einem Kreuz aus einer Werkstatt aus dem süddeutschen Gundelfingen, steigt er nun mit 172,5 Metern zum höchsten Kirchturm der Welt auf. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1298232_image" /></div> <BR /><BR />Zum Vergleich: Das Ulmer Münster ist 161,5 Meter hoch und die Basilika Notre-Dame de la Paix an der Elfenbeinküste 158 Meter. Der Kölner Dom kommt auf 157 Meter. Die Arbeiten im Inneren des Christus-Turms werden noch zwei weitere Jahre dauern, teilte die Verwaltung der Sagrada Família mit. Die gesamte Kreuzkonstruktion ist von innen begehbar und soll als Aussichtsplattform genutzt werden. Obwohl nicht ganz fertig, wird der Turm am 10. Juni – punktgenau zum 100. Todestag von Architekt Antoni Gaudí – feierlich eingeweiht. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1298235_image" /></div> <BR /><BR />Die Geschichte der Basilika Sagrada Família beginnt bereits im 19. Jahrhundert – und sie beginnt mit Idealismus, Beharrlichkeit und einer ordentlichen Portion Vision. Im Jahr 1866 gründete der Buchhändler Josep Maria Bocabella die „Spirituelle Vereinigung der Gefolgschaft des Sankt Josef“. Deren Ziel: ein Gotteshaus, das der Heiligen Familie gewidmet ist. <BR /><BR /> Dank zahlreicher Spender konnte die Vereinigung 1881 ein geeignetes Grundstück an der „Carrer Mallorca“, schlicht „Mallorca-Straße“, im Stadtviertel Eixample von Barcelona erwerben. Am 19. März 1882 wurde dort der Grundstein gelegt – der Startschuss für einen zunächst eher konventionellen, neogotischen Entwurf von „Bischofsarchitekt“ Francisco de Paula del Villar y Lozano. <BR /><BR />Heftige Meinungsverschiedenheiten zwischen Lozano und der „Spirituellen Vereinigung der Gefolgschaft des Sankt Josef“ führten schnell dazu, dass das Bauwerk ohne Architekt dastand – noch bevor es richtig begonnen hatte. Ein Rückschlag? Im Gegenteil: ein Glücksfall. Denn Lozanos Nachfolger war Antoni Gaudí. Und der dachte nicht in Kategorien, sondern in Visionen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1298238_image" /></div> <BR /><BR />Dank großzügiger Spenden konnte dieser den Entwurf der Sagrada Família bereits zu Beginn komplett neu ausrichten. Er entwarf ein monumentales Gesamtkunstwerk, das mit innovativen Formen, kühnen Strukturen und neuartigen Bautechniken seiner Zeit weit voraus war. Gaudí wollte mehr als nur ein Gebäude errichten: Er wollte ein steinernes Abbild der Schöpfung schaffen, eine Symbiose aus Natur und Glauben.<BR /><BR />Sein Konzept war ebenso komplex wie symbolträchtig. Jedes zentrale Element des Christentums sollte architektonisch sichtbar werden: der höchste Turm für Christus (der nun vollendet wird), ein Turm für Maria, zwölf Türme für die Apostel und vier für die Evangelisten. Was unter Lozano als schlichte neogotische Kirche begann, verwandelte sich unter Gaudís Einfluss in einen geradezu surrealen, organisch wirkenden Steintraum. Kein Wunder, dass man ihn später ehrfürchtig den „Architekten Gottes“ nannte. Insgesamt plante er ein Bauwerk mit 18 Türmen – ein ehrgeiziges Vorhaben.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1298241_image" /></div> <BR /><BR />Ab 1914 widmete sich Gaudí ausschließlich der Sagrada Família. Er zog sogar auf das Baugelände und machte die Baustelle zu seinem Lebensmittelpunkt. Andere Projekte? Gab es für ihn nicht mehr. Alles drehte sich um dieses eine Werk.<BR /><BR />Finanziert wurde der Bau nicht durch den Staat, sondern durch die Bevölkerung. „Peseta für Peseta“ wuchs die Kirche empor. Doch während des Ersten Weltkriegs versiegten die Spenden zunehmend, und das Projekt geriet ernsthaft in Gefahr. Die Lösung war ebenso pragmatisch wie wirkungsvoll: Ab 1915 wurde Eintritt verlangt – eine Peseta für den Zugang zu Modellen und unvollendeten Türmen. Ein Konzept, das bis heute funktioniert. Rund fünf Millionen Besucher jährlich sorgen mit Eintrittspreisen ab etwa 34 Euro dafür, dass der Bau weitergeht.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1298244_image" /></div> <BR /><BR />1923 konnte Gaudí das Kirchenschiff und das Dach vollenden. Zwei Jahre später, 1925, war der erste Glockenturm fertiggestellt – der einzige, den er selbst noch in seiner Vollendung erleben durfte. Nur ein halbes Jahr später, am 10. Juni 1926, starb Gaudí nach einem tragischen Straßenbahnunfall. Begraben wurde er in der Krypta der Sagrada Família, in der Kapelle Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1298247_image" /></div> <BR /><BR />Nach seinem Tod übernahm sein engster Mitarbeiter Domènec Sugrañes die Bauleitung. Unter seiner Führung entstanden unter anderem die Geburtsfassade, ein Portal und die erste Turmzinne, die symbolisch einen Zypressenbaum darstellt. <BR /><BR /> Dann folgte eine der dunkelsten Phasen in der Geschichte der Basilika: Im Spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) wurden die Krypta und die Werkstatt der Sagrada Família in Brand gesteckt. Teile der Werkstatt wurden zerstört, und mit ihnen verschwanden auch originale Entwürfe, Zeichnungen und Modelle Gaudís. Ein kaum zu ermessender Verlust. Doch das Projekt wurde nicht aufgegeben. Dank detaillierter Beschreibungen und fotografierter Skizzen gelang es, die Arbeit fortzusetzen. <BR /><BR />1955 brachte eine große Spendenkampagne neuen Schwung und die dringend benötigten finanziellen Mittel. In den folgenden Jahrzehnten übernahmen verschiedene Architekten die Verantwortung für den Weiterbau, darunter Isidre Puig Boada, Lluís Bonet i Garí, Francesc de Paula Cardoner i Blanch und Jordi Bonet i Armengol. Seit 2012 liegt die Leitung bei Jordi Faulí i Oller.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1298250_image" /></div> <BR /> Unter ihrer Ägide wurden entscheidende Fortschritte erzielt: Die Gewölbe des Kirchenschiffs und des Querschiffs wurden im Jahr 2000 vollendet, die Arbeiten am Fundament der Glorienfassade begannen, und 2001 wurden die eindrucksvollen Bleiglasfenster von Joan Vila Grau installiert, die die Auferstehung Jesu darstellen. <BR /><BR />Auch künstlerisch wurde weitergearbeitet: Zwischen 2002 und 2005 gestalteten die Bildhauer Josep Maria Subirachs und Etsuro Sotoo die Passionsfassade sowie Fenster im Mittelschiff.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1298253_image" /></div> <h3> Papst Benedikt XVI. weihte unfertige Kirche</h3> 2010 war ein wichtiges Jahr für die Kirche: Obwohl sie noch immer nicht fertiggestellt war, wurde sie von Papst Benedikt XVI. zur Basilika geweiht, seit 2005 ist die Kirche auch UNESCO-Weltkulturerbe.<BR /><BR />2016 begann der Bau der sechs zentralen Türme: die vier Türme der Evangelisten und der Heiligen Maria und Jesus Christus; im Dezember 2021 wurde der Turm der Heiligen Maria geweiht; 2022 wurden zwei der vier Türme der Evangelisten fertiggestellt (Lukas und Markus), vor wenigen Wochen der Christus-Turm.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1298256_image" /></div> <BR />Heute befindet sich der Bau der Sagrada Família in seiner finalen Phase. Doch auch wenn damit die wichtigsten strukturellen Elemente abgeschlossen sind, ist das Gesamtwerk noch nicht vollendet. Dekorative Details und die umstrittene Treppe an der Glorienfassade werden den Bau noch Jahre begleiten. <BR /><BR />Regelrecht prophetisch war des Meisters Aussage, die sein Nachfolger Faulí wie folgt zitiert: „Es werden Leute aus aller Welt kommen, um zu sehen, was wir hier machen.“ Und das wird noch einige Zeit dauern. Es fehlen vier weitere Türme. Faulí wagt kaum Prognosen: „Vielleicht haben wir in zehn Jahren damit angefangen. Oder erst 2040. Die Zukunft kennt nur Gott.“<h3> Heuer läuft die Baugenehmigung aus</h3>Eine fast kuriose Randnotiz rundet die Geschichte ab: Eine offizielle Baugenehmigung erhielt die Sagrada Família erst im Jahr 2019 – ganze 137 Jahre nach Baubeginn. Die Stadtverwaltung unter Bürgermeisterin Ada Colau stellte fest, dass der berühmteste Bauplatz der Welt formal nie genehmigt worden war. Der Grund liegt in historischen Verwaltungsstrukturen und Eingemeindungen, bei denen das Baurecht schlicht nicht angepasst wurde.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1298259_image" /></div> <BR />Als die Basilika im späten 19. Jahrhundert zu wachsen begann, lag sie noch mitten im Niemandsland, umgeben von Brachflächen und Schafherden. Offenbar hatte bei der Eingliederung des Gebiets in das expandierende Barcelona niemand daran gedacht, die rechtlichen Grundlagen zu aktualisieren. Die Bau-Stiftung musste schließlich rund 4,6 Millionen Euro zahlen, um die Genehmigung nachträglich zu erhalten – gültig allerdings nur bis heuer.<BR /><BR />Und so bleibt die Sagrada Família das, was sie immer war: ein Bauwerk im Werden. Ein steingewordener Traum, der sich unbeirrt weiter in den Himmel schraubt – begleitet vom Klang von Hämmern, vom Staunen der Welt und von der leisen Gewissheit, dass große Visionen manchmal einfach ihre Zeit brauchen.