Mittwoch, 07. Oktober 2015

Schuften statt schunkeln: Lüsnerin schleppt Maß auf dem Oktoberfest

Auf der „Wiesn“ kommt’s auf die Technik an. „Du musst die Maß fest zusammenrücken, damit sie möglichst wenig wackeln. Und dann eng am Körper tragen“, erklärt Silvia heiser. 16 Tage lang arbeitete die Lüsnerin als Kellnerin im Marstall-Festzelt, dem Promi-Magneten auf dem Oktoberfest.

Maße stemmen? Kein Problem für Wiesn-Neuling Silvia Federspieler - Foto: Markus Hannich / BILD-Zeitung
Maße stemmen? Kein Problem für Wiesn-Neuling Silvia Federspieler - Foto: Markus Hannich / BILD-Zeitung

Seitdem Münchens Oberbürgermeister am 19. September „O’zapft is!“ in die fröhliche Runde im Schottenhamel-Festzelt gerufen hat, ist es schwierig geworden, Silvia Federspieler zu erreichen. Maß hier, Schweinshaxen da und überall „Ein Prosit auf die Gemütlichkeit“. Zwischen 9 und 24 Uhr schleppt die Lüsnerin Bier und Champagner. Offiziell zehn Stunden am Tag.

Als Südtirol Online Silvia Federspieler am letzten Wiesn-Wochenende in ihrer Mittagspause am Handy erreicht, meint sie: „Jetzt ist es schon gut, dass irgendwann fertig ist.“ Die 24-Jährige klingt heiser. „Ich habe meine Stimme verloren – und das schon am dritten Tag“, sagt sie lachend.

Unter Promis: Mit Weißwurst und Champagner

Es ist das erste Mal, dass Silvia das Münchner Oktoberfest nicht als Vergnügen, sondern als Job erlebt. Mit 139 Kollegen versorgt sie die Besucher im Marstall-Zelt, das als Nachfolge-Zelt des Hippodroms als Hotspot für Promis gilt. Elyas M’Barek, Uschi Glas, Edmund Stoiber, Verona Pooth und Roberto Blanco haben heuer im Marstall ihre Weißwurst gezuzelt.

Der Marstall steht für Bier und Brezn genauso wie jedes andere Zelt auf der Wiesn – gespickt mit etwas Schick und Niveau. „Komasaufen ist hier nicht“, erklärt Silvia. Auf den Bänken tanzen geht erst ab 21 Uhr. Die Tische tragen Decken, die Bedienungen ein einheitliches Dirndl für 500 Euro. Statt Stehmaßen gibt’s Sojagrillsteak mit Kartoffelsalat.

 

Wiesn, etwas feiner. Im Marstall-Festzelt hat bereits "Fack ju Göhte"-Star Elyas M'Barek gefeiert. - Foto: Privat 

 

Champagner fließt. Die günstigste Moët & Chandon-Flasche gibt’s um 98 Euro. Die teuerste Flasche misst 15 Liter und kostet 15.000 Euro. „Als Wiesn-Wirt muss man eine bestimmte Klientel ansprechen“, weiß Silvia. „Zu uns kommen Leute, die Service und Küche schätzen.“

Lukrativer Knochenjob

Potenziell sind das viele. 4000 feierwütige Gäste kann das Zelt fassen. „Es gibt Leute, die kommen jeden Tag. Wir bemühen uns sehr darum, dass sich die Gäste wohl fühlen, nochmal kommen, vielleicht auch jemanden mitbringen“, berichtet Silvia.

Denn: „Als Kellner auf dem Oktoberfest arbeitet man wie ein kleiner Unternehmer.“ Kostet die Maß 10,30 Euro, können die Servicekräfte einen Prozentsatz davon selbst einstecken. „Der Verdienst besteht aus 50 Prozent Trinkgeld und 50 Prozent Umsatzbeteiligung.“

Kellnern am Oktoberfest wird so zum lukrativen Knochenjob. Gerüchten zufolge sollen in 16 Tagen Summen im fünfstelligen Bereich zu verdienen sein. Vierstellige Summen seien durchaus üblich, meint Silvia. Wie viel am Ende rausschaut, hänge allerdings nicht zuletzt vom Erfolg des Oktoberfestes ab. „Und wie man weiß, läuft’s heuer nicht ganz so gut“, sagt sie. „Aber wenn man zum ersten Mal dabei ist, ist es auch nicht schlimm, wenn’s mal etwas ruhiger zugeht“, meint die 24-Jährige und erinnert sich an die Rückenschmerzen der ersten Tage.

Maß schleppen: Wissen wie

„Am Anfang hatte ich wirklich Sorge, dass ich die Maß nicht tragen kann“, blickt sie lachend zurück. „Immerhin wiegt der Krug allein einen Kilo. Mit Bier drin kommt man pro Maß auf 1,8 Kilogramm.“

 

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Aber, wie so oft im Leben, kommt es auch auf der Wiesn auf die Technik an. „Wenn man richtig stapelt, klappt das schon“, sagt Silvia, die heute zehn Maß stemmt und schon von der Münchner „Bild“-Zeitung zum Geheimnis der Wiesn-Kellnerinnen befragt wurde. Männliche Kollegen schaffen bis zu 14. „Und alles darüber ist utopisch“, grinst die Lüsnerin.

„Ich zähle die Tage“

Nach zwei Wochen „Oans, zwoa, g'suffa“ gibt Silvia unumwunden zu: „Ich zähle die Tage, bis das Oktoberfest fertig ist. Man muss sich hier auch viel gefallen lassen. Die Wiesn ist wie eine eigene Welt – von alldem, was draußen passiert, kriegt man wenig mit. Da sagt man sich: ‚16 Tage. Ich muss einfach durchbeißen.‘“

Wenn deshalb Gäste am Ende eines feucht-fröhlichen Abends „Sehen wir uns im nächsten Jahr!“ rufen, grinst Silvia nur etwas. Sie sagt: „Es wäre schon interessant, den Job noch einige Jahre zu machen. Aber sicher nicht allzu lange.“ „Dahoam“ ist bei Silvia Federspieler immer noch der heimische Herolerhof auf 1650 Metern in Lüsen Berg.

stol

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Dem Oktoberfest und der Bilanz mehrerer Südtiroler Betriebe, die mit der Wiesn gute Geschäfte machen, ist die Titelgeschichte der aktuellen „WIKU-Ausgabe“ gewidmet. Die Reportage des "Dolomiten"-Wirtschaftskuriers mit dem Titel "Das Umsatz-Karussell" beleuchtet auf drei Seiten umfassend und anschaulich, welche Geschäftszweige am Oktoberfest-Kuchen mitnaschen.

stol