Sonntag, 10. Dezember 2017

Schwimmkappen für Afros und Dreadlocks

Eine Südafrikanerin hat Badehauben für Leute mit Afros, Dreadlocks und dicken Lockenköpfen entwickelt. Die Kappen sind nicht nur schick, sie verhelfen im Land am Kap vielen Leuten auch erst zum Badespaß.

Silikon-Schwimmkappen: Mitte 2016 ging unter dem Markennamen „Swimma“ die erste Linie in Produktion, zunächst für Erwachsene, wenig später auch für Kinder.
Silikon-Schwimmkappen: Mitte 2016 ging unter dem Markennamen „Swimma“ die erste Linie in Produktion, zunächst für Erwachsene, wenig später auch für Kinder.

Mit ihren langen Dreadlocks musste Nomvuyo Treffers ihren Töchtern beim Baden fast immer vom Beckenrand zusehen. „Komm rein, Mama!“, riefen die Mädchen. Doch Treffers, die mit ihrer Familie im südafrikanischen Kapstadt lebt, dachte an die vielen Stunden, die es trotz des warmen Klimas dauert, ihre dichten, krausen Haare zu föhnen – und blieb draußen.

Badeanstalten mit Schwimmkappen-Pflicht waren für die 40 Jahre alte Fotografin komplett außer Frage. Es gab keine Bademütze, die über ihre Haarpracht passte. „Ich habe über die Jahre Dutzende von Kappen ausprobiert. Selbst die für lange Haare waren viel zu klein“, erzählt Treffers.
Manchmal habe sie versucht, zwei Kappen gleichzeitig aufzuziehen – eine vorne am Kopf, die andere hinten – aber auch das funktionierte nicht.

Das Besonderer der Afrolocken

Der Unterschied zwischen glatten Mähnen und Haaren mit starker Kräuselung, die meist bei Menschen afrikanischer oder afroamerikanischer Abstammung vorkommen, ist enorm. Bei Afrolocken ist jedes einzelne Haar nicht nur dicker, es ist auch poröser. Die Haare saugen mehr Wasser auf – dicke Afros brauchen oft 36 Stunden zum Lufttrocknen -, werden daher schneller von Chlor geschädigt und verfilzen rascher.

Das Badekappen-Problem wurde zur Barriere, die Treffers ausgrenzte. „Ich hatte ständig das Gefühl, wichtige Momente mit meinen Kindern zu verpassen“, sagt die Südafrikanerin. Einen Sommer habe sie sich aus schierem Frust den Kopf rasiert. Doch mit dem Kurzhaarschnitt habe sie sich einfach nicht wohl gefühlt. „Mir wurde klar, wie ein simples Kleidungsstück enorme Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl haben kann“, so Treffers. Wer dazu gehören wolle, müsse sich ändern, sei die implizierte Botschaft gewesen.

Eine rettende Idee

Dann die Idee: Sie entwarf ihre eigenen Silikon-Schwimmkappen. Mitte 2016 ging unter dem Markennamen „Swimma“ die erste Linie in Produktion, zunächst für Erwachsene, wenig später auch für Kinder. Das größte Modell ist 36 Zentimeter lang und passt selbst über bis zum Po reichende Dreadlocks.

„Die Nachfrage war sofort riesig“, erinnert sich Treffers. Die Kappen, die umgerechnet zwischen 6 Euro und 12 Euro kosten, seien ihr in ihrem Online-Shop geradezu aus den Händen gerissen worden. Kunden aus Südafrika, aber auch Deutschland, Schweden, England, Italien, den USA, Jamaika und Brasilien gaben Bestellungen auf. „Erst dann wurde mir klar, wie viele Leute mit dem gleichen Problem kämpfen.“

 Menschen außerhalb der „europäischen Norm“

Der Mangel an Produkten für Menschen außerhalb der „europäischen Norm“ sei ein weltweites Phänomen, erklärt Melissa Steyn, Professorin für Diversitätsstudien an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg. „Der weiße Körper gilt noch immer als Standard, egal ob es um Hautfarbe oder Haarstruktur geht“, so Steyn. Dahinter stecke unter anderem die Annahme von Konzernen, dass diese Zielgruppe die größte Kaufkraft habe, meint die Professorin.

So gibt es Pflaster noch immer hauptsächlich in beige, Puppen werden in der Regel mit europäischen Gesichtszügen produziert, und Shampoos sind zumeist für die Haarstrukturen von Europäern optimiert. Das Sortiment für den „afrikanischen“ Markt sei generell kleiner und überteuert, sagt Steyn. Selbst in Ländern wie Südafrika, wo nach Schätzungen des nationalen Demografie-Instituts Stats SA weniger als zehn Prozent der Bevölkerung von 56 Millionen Menschen als „weiß“ kategorisiert sind, häufen sich Produkte für Kunden europäischer Abstammung in den Regalen.

Diese Form des „Eurozentrismus“ habe ernsthafte psychologische Auswirkungen, sagt Steyn. „Selbst in Südafrika, wo schwarze Menschen effektiv in der Mehrheit sind, entsteht ein Gefühl des Ausgeschlossenseins, des Nicht-Dazu-Gehörens“, sagt sie. Produkte sollten Pluralität statt Konformismus widerspiegeln, meint Steyn.

„Meine Marke steht für Inklusion“

Treffers hofft, dass ihre Badekappen dazu einen kleinen Beitrag leisten. „Meine Marke steht für Inklusion“, meint Treffers. „Ich wollte nicht, dass meine Kinder mit dem Glauben aufwachsen, dass ihre Haare zu dick sind, obwohl es die Kappen sind, die zu klein sind!“ Ihre Töchter, Tamasha (8)und Zawadi (10), hätten viel mehr Spaß am Baden, seitdem sie Hauben haben, die komplett über ihre dichten Afrolocken passen.

Inzwischen gibt es Swimma-Kappen in einer Vielfalt von Größen und Farben. Schulen und Sportvereine bestellen die Kappen für ihre Schwimmteams.

Duschhauben für Afros

Anfang November hat Treffers eine weitere Produktlinie eingeführt: Duschhauben für Afros.

In Treffers Posteingang häufen sich Dankesbriefe glücklicher Kunden. Eine Mutter in Schweden schreibt, wie ihre Tochter die Kappe tagelang nicht mehr abnahm, sogar mit ihr Fernsehen schaute. Eine südafrikanische Mutter erzählt, wie sich ihre Tochter für Jahre weigerte, schwimmen zu lernen, bis sie eine Badekappe bekam, die über ihre Haare passte. Kunde Tuno geht mit seinem Lob auf der Swimma-Webseite noch weiter: „Die beste Erfindung seit Tiefkühlgemüse.“

dpa

stol