Wir haben mit Martin Pezzei, dem Leiter des Amts für Dialog in der Diözese Bozen-Brixen, über die unzähligen Glaubensgemeinschaften in Südtirol und den sachlichen Umgang mit ihnen gesprochen. Außerdem erklärt er im Interview, wie die Kirche mit den verschiedenen Gruppierungen umgeht und wieso das Wort Sekte negativ behaftet ist.<BR /><BR /><BR /><b>Herr Pezzei, was ist eine Sekte?</b><BR />Martin Pezzei: Der Begriff wird heutzutage nur mehr selten verwendet, weil der Begriff mit negativen Konnotationen behaftet ist. Automatisch werden mit dem Begriff Personen und Gemeinschaften abgestempelt und verurteilt. Deswegen wird heute viel mehr von weltanschaulichen Gruppen, Gemeinschaften und Bewegungen gesprochen.<BR /><BR /><b>Wieso ist das Wort Sekte negativ behaftet?</b><BR />Pezzei: Die negative Beurteilung rührt daher, dass es in bestimmten religiösen Gemeinschaften und Gruppen zu Abhängigkeiten und finanzieller Ausbeutung kommen kann.<BR /><BR /><b>Wie viele Sekten bzw. weltanschauliche Gruppierungen gibt es in Südtirol?</b><BR />Pezzei: Es gibt, und da muss man ganz offen und ehrlich sein, eine Fülle und Vielfalt an sehr unterschiedlichen Bewegungen. Man kann nicht genau sagen, wie viele es sind. Es gibt etablierte Gemeinschaften wie zum Beispiel die Zeugen Jehovas oder die „Mormonen“. Dann gibt es einen ganz großen Bereich der Esoterik. Dazu gehören die Anthroposophen mit Rudolf Steiner, die Freimaurer oder die Rosenkreuzer, wie es sie in Bozen gibt. Zuletzt gibt es noch den unübersichtlichen Bereich der Gebrauchsesoterik, wo verschiedene Heilungsmethoden ganz stark in Südtirol blühen. <BR /><BR /><b>Würden sie keine dieser Gruppierungen als Sekte bezeichnen?</b><BR />Pezzei: Das habe ich nicht gesagt. Ich sage, dass der Begriff Sekte heute aus guten Gründen nicht mehr verwendet wird. Man versucht diesen Begriff einfach zu vermeiden, weil damit ein negatives Vorzeichen verbunden ist. Wenn es uns um eine sachliche Diskussion geht, sollen nicht irgendwelche Verurteilungen im Zentrum stehen. <BR /><BR /><b>Wie geht die Kirche mit diesen Gruppierungen um?</b><BR />Pezzei: Wir betreiben Feldforschung, d.h. wir können bei Treffen verschiedenster Gruppen dabei sein und Gespräche mit den betroffenen Personen führen. Während Corona gibt es die Möglichkeit bei Online-Treffen dabei zu sein. Neben der Feldforschung geht es auch darum, sachliche Informationen über diese Gruppierungen zu geben. <BR /><BR /><embed id="dtext86-52404684_quote" /><BR /><BR /><b>Gibt es Gruppierungen, die in das Weltbild der Kirche passen und solche, die es nicht tun?</b><BR /><BR />Pezzei: Es geht nicht um irgendwelche Verurteilungen. Man versucht immer zu schauen, wo es Gemeinsamkeiten gibt und wo es Bereiche gibt, die trennend sind. Wenn man sich den großen Bereich der Esoterik anschaut und dort das Phänomen der Wiedergeburt betrachtet, kann man sagen, dass die Wiedergeburt nicht neutral gegenüber dem Christentum ist. Wiedergeburt und Christentum schließen einander aus, da Auferstehung und Wiedergeburt nicht in Verbindung gebracht werden können. <BR /><BR /><b>5 Frauen wurden vor einigen Wochen festgenommen, weil sie 2 Kinder zum stundenlangen nächtlichen Beten gezwungen haben. Gibt es in Südtirol eine Radikalisierung im Glauben?</b><BR /><BR />Pezzei: Einzelfälle zu verallgemeinern bringt relativ wenig. Es gilt sicherlich immer die jeweilige Situation und Gruppe zu betrachten, nur dann ist es möglich sachlich und gut zu informieren. Es geht immer darum die Gruppen und die Lehre der Gruppen kennenzulernen. Zum Beispiel habe ich mich in den vergangenen Monaten sehr intensiv mit Benjamin Lechner und „Kreis Menschsein“ beschäftigt. Wir haben uns persönlich und online getroffen und ausgetauscht, um seine Ansichten und Wünsche kennenzulernen. Nur im Gespräch mit Personen ist es möglich sachliche Informationen zu geben.