Die Kromaweba Marianna erzählt aus ihrem langen Leben und sagt, dass „olbn nutz sei a net hilft“, eben – es nicht hilft immer nur brav zu sein. <BR /><BR /><BR /> Am 2. Juni wird Marianna ihren 100. Geburtstag feiern. „Dos ischt nichts Bsundos“, meint sie und wundert sich, dass um ihr Alter so viel Aufhebens gemacht wird. Sie ist aber gerne bereit aus ihrem Leben zu erzählen. Sie sitzt am Tisch, Zeitungen, Gebetsbilder und verschiedene Bücher griffbereit vor sich. Nur die Politik interessiert sie nicht, und auf diese Feststellung legt sie Wert. Daneben steht ein Bild ihres Hundes, ihres jahrelangen Begleiters. Treu und friedliebend sei er gewesen, „wie es Menschen nie sein können.“ <BR /><BR />Während des Gespräches läutet das Telefon. Am anderen Ende ist ihre Schwester Martha, die nach St. Pölten geheiratet hat und als einzige von ihren Geschwistern noch lebt. Die beiden unterhalten sich über alltägliche Dinge und bringen sich damit gegenseitig etwas Abwechslung in den Alltag. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="734849_image" /></div> <BR />Dann erzählt Marianna von ihrem Aufwachsen, von ihrem Heimathaus, dessen Bezeichnung Kromaweba wohl entstanden ist, „weil unsere Großeltern im Haus einen kleinen Laden hatten, wo vorwiegend Tabakwaren und andere kleinere Utensilien verkauft wurden“, sagt sie.<BR /><BR /><b>Aufgewachsen als „Hittna“</b><BR /><BR />Wenn die Marianna an ihre Kindheit zurückdenkt, schmerzt es sie noch immer, dass sie und ihre Familie abschätzig als „Hittna“ bezeichnet wurden und damit im Dorfleben keinen hohen Stellenwert hatten. Hittna stand für jene Leute im Dorf, die nur ein bescheidenes Haus, keine Felder und kein Vieh hatten. In solchen Häusern war die Not allgegenwärtig, so auch beim Kromaweba: Als Gelegenheitsarbeiter und mit dem Abbau von Schotter und Sand konnte Vater Peter seiner Familie nur ein bescheidenes Auskommen bieten, so dass alle Kinder von klein auf anpacken mussten. <h3> <embed id="dtext86-52812608_quote" /> </h3>Schon als Schulkind, im Alter von 12 Jahren, war Marianna als Kindermädchen im Dorfladen „ban Schneida“ angestellt. Zwischen den Messen an den Sonntagen hörte sie die Bauern im Geschäft diskutieren. Zuweilen wurde dabei auch abfällig über die ärmeren Leute geredet. Als einer der Bauern einmal meinte, „die Frozzn va die Hittna wewo ins schu höl“, fasste Marianna den Entschluss, nie bei einem Bauern in Dienst zu treten. An diesen Vorsatz hat sie sich gehalten. <BR /><BR />In der Zeit des Faschismus besuchte Marianna notgedrungen die italienische Schule im Dorf. Gelernt habe sie dort kaum etwas, wichtig sei nur der Religionsunterricht mit Pfarrer Menardi gewesen, sagt sie. Lesen und Schreiben habe sie sich im Laufe der Jahre größtenteils selber angeeignet.<BR /><BR /> Ihre erste Arbeitsstelle behält Marianna in sehr guter Erinnerung: „Ban Schneida gab es immer gutes Essen, oft Milchreis. Daheim konnten wir uns ein solches Essen höchstens am Kirchtag leisten“. Wenn sie wieder einmal ein paar Kekse geschenkt bekam, sparte sie diese für die Geschwister daheim auf. <BR /><BR /><b>Mit 16 Jahren nach Florenz ins Kloster und die Rückkehr nach Hause</b><BR /><BR />Als Marianna 16 Jahre alt war, beschloss sie auf Anraten ihrer Kusine Moidl nach Florenz zu ziehen, um im Kloster der „Grauen Schwestern“ verschiedene Hausarbeiten zu erlernen. „Mein Verwandter Vinzenz hat mich auf der Fahrt begleitet. Zuvor hatte ich noch nie einen Zug gesehen.“ 4 Jahr verbrachte sie im Kloster. Dazu erzählt sie auch von den Wirren der Kriegsjahre, der Judenverfolgung, den Juden, die Unterschlupf und Versteck bei den Ordensfrauen suchten. <BR /><BR />1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, kehrte Marianna nach Hause zurück, denn zunehmend mehr war ihr ihr bewusst geworden, dass ein mögliches Klosterleben keine Option für sie war. Die Rückkehr nach Hause war die richtige Entscheidung, ist sie auch heute noch überzeugt. Zeitlebens blieb sie mit ihrer Familie und dem Dorf Luttach eng verbunden. <BR /><BR /><b>Huamkemm und teilen</b><BR /><BR />Huamkemm, etwas mitbringen, das Essen mit den Geschwistern teilen und den bescheidenen Lohn, den sie auf verschiedenen Arbeitsstellen verdiente, den Eltern abgeben, das war ihr wichtig. <BR />Nach ihrer Rückkehr aus Florenz arbeitete Marianna an verschiedenen Orten als Haushälterin. In Österreich lernte sie dann einen Mann kennen, der ihre große Liebe gewesen wäre und den sie „nicht bekommen hat“, wie sie es formuliert. Dieser Mann verunglückte tödlich und da stand sie fest, dass sie nie heiraten würde.<BR /><BR /><embed id="dtext86-52812609_quote" /><BR /><BR />Mitte der 1950er-Jahre, als sie in Salò am Gardasee eine Dienststelle hatte, kam ihr Sohn Vinzenz zur Welt. Was sie heute als größtes Geschenk betrachtet, nämlich einen eigenen Sohn zu haben, musste in dieser Zeit erst gemeistert werden. Weil sie Angst vor dem Gerede im Dorf und der Reaktion ihres Vaters hatte, traute sie sich erst wieder nach Hause, als Vinzenz bereits 3 Monate alt war. „Als Älteste hab ich damals wohl kein gutes Beispiel abgegeben“, blickt sie selbstkritisch zurück, um dann aber schmunzelnd anzufügen, dass „olbn nutz sei a net hilft.“ <BR /><BR />Die schwierigen Zeiten, das Auf-sich-allein-gestellt-Sein haben Marianna und ihre Geschwister geprägt. Sie alle haben gelernt zu arbeiten und zu sparen und haben es alle zu etwas gebracht. <BR /><BR />In den 1960er-Jahren errichteten sich Marianne und ihre Schwestern Paula und Zenze gegenüber ihrem Heimathaus eine eigene Bleibe. Dort eröffneten sie eine Bar, die sie gemeinsam führten. Die Rollenverteilung war klar geregelt: Paula führte die Dorfbar und stellte das Eis her, Zenze war als Konditorin bekannt. Später half dann der Sohn Vinzenz im Betrieb mit. Marianna arbeitete währenddessen 21 Jahre lang als Köchin in Gröden und investierte das dabei verdiente Geld in das gemeinsame Haus, in die Webabar.<BR /><BR /><b>Mariannas Stärke und Zähigkeit <BR /></b><BR />Welche Stärke und Zähigkeit die Marianna an den Tag legen kann, belegt ein Ereignis, das in Luttach immer noch gerne erzählt wird: 2019, ihr Sohn Vinzenz war mittlerweile schon nach Holland gezogen, erlitt Marianna bei einem Sturz im Keller einen Oberschenkelhalsbruch. Zwei Tage und zwei Nächte lang lag sie im Keller, wurde immer wieder bewusstlos. All die Zeit lag ihr Hund neben ihr, wachte ohne zu fressen und zu trinken über seine Herrin, bis schließlich ein Nachbar sein Bellen hörte und nach dem Rechten im Hause sah. <BR /><BR />Waren bis dahin der Gang ins Dorf oder in die Nachbarschaft selbstverständlich gewesen, so hat das Alter Mariannas Handlungsspielraum im Alltag heute merklich eingeschränkt. Aber sie jammert nicht, resigniert nicht, sondern hat sich ihren Optimismus bewahrt. <BR /><BR /><b>Mit Optimismus und Gelassenheit</b><BR /><BR />Ja, es sei oft schon schwierig gewesen, meint sie, „obo es isch olls gong“. Und zu den Veränderungen und Entwicklungen in ihrem Heimatdorf Luttach stellt sie nur fest: „Es tüt awi wieniga huamilan.“ Irgendwann, wenn sie „oben“ sei wird, werde sie auf Luttach herabschauen und darauf aufpassen, kündigt sie an.<BR /><BR />Aber „solong meina Augen nö tien, solonge i nö halbwegs gut siech“, sei das Dasein lebenswert“, sagt sie. Sie weiß, dass sie sich auf ihre Familie, die Freundinnen im Dorf und auf die Betreuerin verlassen kann: „Sie schaugn schu af mi“, stellt sie überzeugt fest. Dabei sucht ihr Blick den Sohn Vinzenz, der aus Holland zu Besuch da ist. <BR /><BR />Und während ich mich verabschiede und zur Tür hinausgehe, ruft sie mir mit nach: „Honn i mio net gidenkt, dass uas amo ibo mi öppas schreibt.“<BR />