Wenn nicht jetzt, wann dann? Eben. Mehr als 30 Grad, nur kleine Wolken, die fast verschämt wie kleine Wattebäuschchen den Himmel und das gnadenlose Blau etwas auflockern. Und dann bleibt nur noch die Frage zu klären: Wohin, um sich zu erfrischen? Badesee, Schwimmbad im Ort oder doch schnell direkt ans Meer, was angesichts der bekannten Verkehrsüberhitzung auf den Autobahnen eine mutige, wenn nicht gar bescheuerte Idee wäre.<BR /><BR />Bleiben wir im Lande und sortieren erst mal unsere Utensilien für den Sprung ins kühle Nass. Vor allem die Badehosen sind natürlich wichtig. Es gibt sie in der Variante Hawaii. Knallbunt mit Palmen drauf. Oder schlicht klassisch in blau oder rot. „Du könntest Dir auch mal….“ Mein Herzblatt muss den Satz nicht komplettieren. Ich weiß eh, ich hänge an dem alten Zeug, das schon bei so manchem Kraulschlag in vielen Gewässern dieser Welt dabei war und sich immer als ein treues und vor allem stabiles Accessoire erwies. Sehr verlässlich. Das ist besonders wichtig an dieser Stelle. Die Hosen rutschten nie, selbst wenn ich mal einen Hechtsprung wagte. Früher mal. Dann blieben sie auf Gürtelhöhe. <BR /><BR />Jetzt steige ich eher gemächlich und gemütlich über die Einstiegsleiter in das erfrischende Element ein. Natürlich nicht, ohne mich vorher gründlich geduscht zu haben. Kalt. Dann ist der Übergang von der warmen Luft ins doch etwas kühlere Wasser nicht ganz so dramatisch. Denn ich bekenne: Ich war eigentlich immer etwas wasserscheu. Mein Vater hat mich früher förmlich in den Badesee gezogen. Gegen meinen erklärten Willen, den ich lautstark kundtat. Noch heute stecke ich erst einmal die Zehen rein, die bei mir wirken wie ein Thermometer. Aber wenn dann die erste Hürde geschafft ist, fühle ich mich pudelnasswohl. <BR /><BR />Ich musste ja während meiner Ausbildung zum Sportlehrer an der TU München auch schwimmen. Also Schwimmen lernen. Alle Stilarten. Es reichte am Ende zur einer 100m-Bestzeit von 1:14.00 Minuten. Ich habe mir sagen lassen, das sei so ganz ok und weit entfernt etwa vom Absinken in unendliche Tiefen des Ozeans. Mit Tauchen und allem was dazu gehört, bekamen wir sogar eine Bescheinigung zum Rettungsschwimmer. Das reichte, um im Sommer während der Semesterferien im Gemeindeschwimmbad als Bademeister zu arbeiten. Das hatte viele Vorteile, denn da ist man ja doch Respektperson und kann auch mal Hilfestellung geben beim Rückenschwimmen etwa. Ansonsten gab es da nicht allzu viel zu tun. <h3> Verbot von Bermudashorts</h3>Zum Glück hatte ich diesen Job in einer kleinen bayerischen Gemeinde und nicht in einer Badeanstalt in Frankreich. Denn dort, mon Dieu, herrschen raue Sitten und dort ist man als Bademeister mehr als nur für die Sicherheit im Wasser zuständig. Die Ordnungshüter im chlorgeschwängerten Bad müssen auf die Kleidung achten, also um das letzte Stück Würde, das man gerade noch so eben tragen muss in der Öffentlichkeit. Dabei trifft es vor allem die Männer knüppelhart. Sie dürfen nämlich nur in eng anliegenden Badehosen ins kühle Nass. Bermudashorts und andere kurze Hosen, deren Ende bis zum Oberschenkel reichen, sind verboten. Seit 1903. Das ist kein Schreibfehler. <BR /><BR />Damals nämlich wurde dieses Gesetz erlassen und ist bis heute gültig. 1903 startete die erste Tour de France, die Gebrüder Wright hoben zur ihrem ersten Motorflug ab, Èmile Laubet war Staatspräsident und das heutige noch geltende Gesetz des Laizismus, der vollständigen Trennung von Kirche und Staat, wurde in Frankreich etabliert. Und eben das Badehosengesetz. Damit will man übrigens verhindern, dass Kleidung, die außerhalb der Badeanstalt getragen wird, im Schwimmbad Verwendung findet. Keime und Dreck sollen draußen bleiben. Hofft man. Arme Franzosen. Also arme französische Männer. Denn je nach Ausstattung der Familienplanung kann das vermutlich durchaus ein bedrückendes Gefühl auslösen. Eng überall. Druckstellen gibt es möglicherweise. <BR /><BR />Die Freiheit ist somit arg eingeschränkt, gerade dort, wo man(n) sie natürlich gerne hat. So ein enges Teil sieht zudem nur akzeptabel aus, wenn der Körper oberhalb der zu verdeckenden Körperpartie einigermaßen definiert ist. Bei leichten Wölbungen ergeben sich unangenehme Sichtweisen. Vor allem für den Betrachter. Gut, im Wasser spielt das keine Rolle, aber irgendwann muss man ja wieder raus. Und dann? <BR /><BR />Schnell das Handtuch gegriffen und raus aus dem Korsett, das die Körpermitte gequält hat. Übrigens ist das wirklich alles kein Spaß. In Frankreich wurde tatsächlich dieser Tage ein Badegast in Boxershorts mit Enterhaken und heftig hinter ihm kraulenden Einsatzkräften aus dem Becken geholt. Er durfte erst wieder ins Wasser, nachdem er sich eine den Vorschriften entsprechende enge Hose gekauft und vor allem auch angezogen hatte. Zum Glück verfügt Frankreich über 5500 Kilometer Küstenlänge, inklusive der Überseegebiete. Das ist dann doch verhältnismäßig viel Platz, um dem Badehosengesetz ein Schnippchen zu schlagen. <BR /><BR />Und seit den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr soll man auch wieder in der Seine schwimmen können und vor allem dürfen. Mehr als 100 Jahre war das verboten. Der Fluss, lange auch die Toilette von Paris genannt, war zu dreckig. Am 5. Juli werden drei neue Bademöglichkeiten eröffnet. Jetzt ist nur noch die Frage für die Interessenten männlichen Geschlechts offen, ob die Badehosenverordnung von 1903 auch für die Freibäder 2025 gilt. Frankreich steht vor einem spannenden Sommer. <BR /><h3> Zum Autor</h3>Der vielfach prämierte Sportjournalist Sigi Heinrich (u.a. Gewinner des Deutschen Fernsehpreises, des Bayerischen Sportpreises und nominiert für den renommierten Grimme-Preis), ausgebildeter Sportlehrer, Buchautor, langjähriger Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung und seit 1989 Kommentator bei Eurosport, widmet sich in seiner wöchentlichen Kolumne der gesamten Vielfalt des Sports. Mal mit schmunzelndem Augenzwinkern, mal nachdenklich oder bewusst provozierend. Es soll ja für alle etwas dabei sein.