Natürlich ist wieder viel passiert in den letzten Tagen und Wochen. Die Nachrichten reißen ja nie ab. Die Welt dreht sich unwiderruflich weiter und weiter. Was sollen wir tun? Sollen wir uns gegen all die scheinbaren Unzulänglichkeiten stemmen in dem Wissen unserer eigentlichen Machtlosigkeit gegen Dummheit und Ignoranz? Akzeptieren? Ignorieren? Vielleicht, so denke ich mir, hilft es manchmal, sich an wundersamen, irgendwie aber doch schönen Meldungen (die gibt es!) zu erfreuen und sie zu beleuchten aus verschiedenen Blickwinkeln. <BR /><BR />Und siehe da: Ich kann lächeln, obwohl es eigentlich tieftraurig ist und beinahe schon mein Leben und das vieler anderer auch, total aus der Bahn wirft. Miriam hört auf. Miriam Stockl. Die Polizeisekretärin der „Rosenheim-Cops“. „Es gabad a Leich.“ Was eh mittlerweile ein Wunder ist in einer Stadt und einer Region, in der wöchentlich mindestens ein Toter zu beklagen ist. 25 Jahre, 500 Episoden. Macht 500 Tote und dazu kommen die vielen, die zum wiederholten Mal in der Wiederholung ihr Leben erneut aushauchen. <BR /><BR />Da wundert es einen, dass in Rosenheim überhaupt noch wer wohnen will. Es scheint eine gefährliche Ecke zu sein dort im Chiemgau. Die Serie ist ein Knüller, denn sie ist Volkstheater im Fernsehen. Es könnte alles auch auf einer Bühne stattfinden, denn im Grund ist es ein immerwährendes Kammerspiel. Viele Requisiten brauchte es nie. Ein wenig schöne Umgebung in den Schnittbildern. Als Sprache bayerisches Hochdeutsch (wenn es so etwas gibt). Und Figuren, mit denen man sich identifizieren kann (ein guter Kommissar braucht einen Bauch, daher eben „Bauchgefühl“). Und eben Stockl. Doch Stockl hört auf, obwohl Stockl natürlich unsterblich ist. <BR /><h3> Die Sekretärin als Mittelpunkt</h3>Es ist Marisa Burger, die Schauspielerin, die jetzt, verständlicherweise wohl, mal raus will aus der Serie, der sie als Miriam Stockl ihren Stempel aufgedrückt hat. Denn die Kommissare in Rosenheim waren nie das Wichtigste, auch wenn sie natürlich genial gearbeitet haben, weil sie stets innerhalb der Sendezeit ihren Täter hinter Schloss und Riegel brachten. „Michi, bitte.“ Und er ließ folgen, zum Täter gewandt: „Wenn ich sie bitten dürfte.“ Es war der Tratsch und das Bürogezeter, das so viel Charme in dieses Programm brachte. Es war nie blutig, gewalttätig. <BR /><BR />Softcrime. Und man konnte, bequem vom Sofa aus, von Anfang an mitraten, wer denn nun am Ende überführt werden würde. Selten war es der Gärtner. Dazwischen kochte Stockl Kaffee, organisierte Gebäck, zauberte Bankauszüge hervor und erleichterte so den schwer gestressten Kollegen die Arbeit, ohne dafür gelobt zu werden. Wie das halt so ist auch im richtigen Leben. Stockl hat sich selten beschwert, obwohl ihr schon anzusehen war, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlte. Vermutlich sprach sie ihrem Millionenpublikum in diesen Momenten aus der Seele. <h3> Beförderung für die Poststelle</h3>Und nun: Die Fernsehmacher beweisen Mut. Sie setzen auf Evolution statt auf einen brutalen Neuanfang. Christin Lange steigt auf. Von der Information am Eingang des Polizeipräsidiums einen Stock höher für Stockl. Sarah Thonig (33) übernimmt die Stockl-Stelle, was wiederum auch eine gewaltige Motivation ist für unsereins, weil sich zeigt, dass man aufsteigen kann. Man muss nur lange genug warten manchmal. Für die neue Stockl ist das freilich nicht einfach. Und für uns schon gleich gar nicht. Denn sie ist ja auch noch Polizistin bei „Watzmann ermittelt.“ <BR /><BR />Gut, es ist machbar. Von Rosenheim nach Berchtesgaden sind es 96 Kilometer. Bei günstigem Verkehr, also nicht im Sommer, im Herbst und im Winter, kann man die Strecke in eineinhalb Stunden bewältigen. Es kann also schon sein, dass Stockl die Zweite, manchmal zu spät kommt an ihrem neuen Arbeitsplatz. Darauf müssen wir uns einstellen. Zum Glück kann sie auf die Erfahrung von Marie Hofer zurückgreifen, die früher Pathologin war in Wolfratshausen, als Hubert und Staller noch gemeinsam ermittelten. Die Entfernung ist allerdings auch geringer. <BR /><BR />Es sind nur 70 Kilometer vom Chiemsee nach Wolfratshausen. Irgendwann freilich war die Doppelbelastung nicht mehr möglich für die Schwester des ehemaligen Kommissars. Sie hat ja einen großen Bauernhof zu organisieren, stets einen Beamten, der bei ihr unterkommt und frühstücken will und dann ist da noch die Musikakademie, die ohne sie kaum funktionieren könnte, weil der Chef, Polizeidirektor Gert Achtziger (Alexander Duda) ja auch noch polizeilich irgendwie tätig sein muss, wenn er nicht gerade mit Ministerialrat Dr. Dietmar Lauser König telephoniert. (den habe ich noch nie kennengelernt). <BR /><BR />Schön, dass Karin Thaler alias Marie Hofer in Rosenheim bleibt. Auch der umtriebige Michael Mohr (Max Müller) unterstützt weiterhin die unterschiedlichen Kommissare und wenn allen mal die Decke auf den Kopf fällt und die Morde in Rosenheim zu viel werden, trifft man sich beim Jo (Christian K. Schaeffer) im „Time Square“. Jo schenkt weiter gerne Rotwein aus für den Hamburger Kommissar Sven Hansen (Igor Jeftic), auch wenn er (kleines Insiderwissen) selbst gerne Kommissar geworden wäre, als die Stellenausschreibungen bekannt wurden. Ich mache mir eigentlich nur Sorgen um Marianne Grasegger (Ursula Maria Burkhardt), die jetzt ganz alleine die Informationsstelle besetzen muss (es ist eine Heidenarbeit) und die auch noch ihrer ehemaligen Kollegin Christin Lange (die beiden saßen 14 Jahre an ihren Schreibtischen gegenüber) die Post hochbringen muss. „Guten Morgen Christin, die Post.“ Das kribbelt. Ich bin gespannt, wie sich die Neue schlägt an ihrem neuen Arbeitsplatz. Vielleicht wird sie ja noch eingearbeitet von Miriam Stockl, die uns viele Nachmittage, pünktlich um 16.10 Uhr und in den Vorabendprogrammen, zur lieben Gewohnheit geworden war. Geben wir Christin eine Chance für die nächsten 25 Jahre. <h3> Zum Autor Sigi Heinrich</h3>Der vielfach prämierte Sportjournalist (u.a. Gewinner des Deutschen Fernsehpreises, des Bayerischen Sportpreises und nominiert für den renommierten Grimme-Preis), Sportlehrer, Buchautor, langjähriger Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung und seit 1989 Kommentator bei Eurosport, widmet sich in seiner wöchentlichen Kolumne der gesamten Bandbreites des Sports und wildert, wie auch diesmal, gerne mal in fremden Gefilden. Mal mit schmunzelndem Augenzwinkern, mal nachdenklich oder bewusst provozierend. Es soll ja für alle etwas dabei sein.