Es ist einfach nur erschreckend: 20 Prozent der Grundschüler in Deutschland bekommen erst schweißnasse Hände, dann eine ziemlich renitente Grundhaltung und schließlich eine absolute Verweigerungsposition, wenn sie Wasser vor der Nase haben. Und es ist verständlich. Sie haben schlicht Angst. Sie können nämlich nicht schwimmen. <BR /><BR />Anstatt dagegen etwas zu unternehmen, hat man im 19. Jahrhundert aufgrund häufiger Ertrinkungsunfälle an deutschen Schulen und Universitäten Schwimmen als Sport vollständig verboten. Das war einfacher, als der Problematik mit gezieltem Unterricht zu begegnen. Verbotspolitik, wie sie auch heutzutage noch gerne angewandt wird, egal, welche Partei am Ruder ist. <h3> Erschreckendes Bild</h3>Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) hat vor ein paar Jahren eine repräsentative Forsa-Umfrage veröffentlicht, die ein erschreckendes Bild zu Tage förderte, denn auch mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland waren nach eigenen Angaben schlechte Schwimmer oder sogar Nichtschwimmer. Das ist auch deshalb traurig, weil es rund 2000 Seen, Flüsse und Meeresküsten gibt, die offiziell zum Baden geeignet sind. <BR /><BR />Die Folge: Es sterben immer mehr Menschen bei Badeunfällen. Dabei fehlte es nie an Vorbildern, die kraftvoll, elegant und vor allem auch schnell durch die Becken pflügten. Franziska von Almsick, Kornelia Eder, Kristin Otto, Michael Groß, Roland Matthes, Lukas Märtens, Gerhard Hetz. Die Liste ist unvollständig, natürlich. Aber nur die paar Namen drücken aus, dass der Schwimmsport durchaus populär ist. Aber es ist wie mit vielen anderen Sportarten auch: Die Vorbilder führen nur ein kurzes Leben und ihre Wirkung reicht meist nicht hinein in die Schulen und Kindergärten. <h3> 20 Stunden Schwimmkurs</h3>Was also wäre zu tun? Schwimmbäder renovieren, neue bauen, Schwimmkurse anbieten. Das wären erste sinnvolle und mögliche Maßnahmen. Ein Erwachsener, so rechnet die DLRG, müsste etwa 20 Stunden investieren, um sich ordentlich über Wasser halten zu können. Im Vergleich zur durchschnittlichen Lebenserwartung (Männer über 78 Jahre, Frauen über 83 Jahre) wäre das also nur ein minimaler bis gar kein Aufwand. <BR /><BR />Oder man versucht, möglichst früh Kontakt mit der gar nicht so feindlichen Umgebung aufnehmen. Schließlich besteht der Mensch bei seiner Geburt zu 95 Prozent aus Wasser. Da mit zunehmendem Alter die Fähigkeit der Wasserspeicherung abnimmt, sinkt der Anteil später auf nur noch knapp 70 Prozent. Ein durchschnittlicher Erwachsener schleppt so immer noch etwa 40 Liter mit sich herum, was sich im Wasser selber natürlich nicht so anfühlt. Schwimmen ist wie Schweben, wie sanftes Dahingleiten auf einem watteweichen Kissen, schaukelnd in leichten Wellen. <h3> Früh übt sich…..</h3>Spielerisch möglichst früh mit dem kühlen Nass Kontakt aufnehmen, wäre die wohl beste Idee, um dem drohenden Niedergang der Schwimmkultur zu begegnen. Es ist eine Urlaubserinnerung, die mich in die Fluten dieses Themas geworfen hat. Am Strand in Grado trampelte plötzlich eine ganze Kinderschar an meinem Liegestuhl vorbei. Keine Grundschüler. Es war ein Kindergarten, der zum Baden ausrückte. Nicht einer der Buben und Mädchen hatte einen Schwimmreifen dabei oder Schwimmflügel an den Oberarmen. Die einzige Ausrüstung war ausufernde Freude. Ich dachte an die Betreuerinnen, die eine für mich unfassbare Verantwortung in diesen Augenblicken trugen. <BR /><BR />Es waren freilich Kinder aus Grado und Umgebung, für die das Meer vermutlich ein täglicher Anblick und somit fast Alltag ist. Ich habe die Szenerie beobachtet und mir gedacht: Nein, in Deutschland wäre das nicht möglich. Niemand würde sich bereit erklären, für die Sicherheit der Kids zu garantieren. Vermutlich fänden sich ja auch keine vier Betreuer, die selbst schwimmen können. Aber auch im Familienverbund war immer wieder zu erkennen, dass Kinder sich wohl fühlen im Wasser. Sie plantschen, sie springen in die kleinen, sich kräuselnden Wellen. Man bringt sie kaum raus dem Wasser. <BR /><BR />Die Eltern strecken meist erst die Zehen ins Nass, die Kinder sausen vom Sand direkt ohne Hemmungen, Angst und Sorgen in die Fluten. Nach ihrem Ausflug ins Meer kam der Kindergartentross wieder bei mir vorbei. Glücklich sahen alle aus, tropfnass noch immer aber frohgemut. Wasser ist für sie, das war zu erkennen, kein fremdes Element, sondern eines, das zum Leben dazu gehört. Wir brauchen keine Zuchtmeister, die uns erklären, wie der richtige Kraulstil aussieht, wie der Armzug beim Brustschwimmen ausgeführt werden muss mit der dazugehörigen Atmung. <BR /><BR />Wir brauchen einfach nur Spaß und vor allem auch ein Umfeld, das uns die Scheu vor dem Wasser nimmt. Das wäre der erste und wichtigste Schritt oder auch der erste Schwimmzug. Erst danach können, wenn es denn schon sein muss, Schwimmabzeichen und irgendwelche Prüfungen folgen, nach denen man, typisch deutsch, Abzeichen in Gold, Silber und Bronze bekommt. Die Kinder in Grado brauchen das nicht. Für sie ist das Meer eine Spielweise, ein erweiterter Lebensraum. Sie sind zu beneiden. <BR /><h3> Zum Autor</h3><BR /><div class="img-embed"><embed id="1188684_image" /></div> <BR />Sigi Heinrich ist vielfach prämierte Sportjournalist (u.a. Gewinner des Deutschen Fernsehpreises, des Bayerischen Sportpreises und nominiert für den renommierten Grimme-Preis), ausgebildeter Sportlehrer, Buchautor, langjähriger Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung und seit 1989 Kommentator bei Eurosport, widmet sich in seiner wöchentlichen Kolumne der der gesamten Bandbreites des Sports. Mal mit schmunzelndem Augenzwinkern, mal nachdenklich oder auch bewusst provozierend. Es soll ja für alle etwas dabei sein.