Dabei möchte er vermitteln, dass Tätowieren eine Kunstform ist mit vielfältigen kulturellen und gesellschaftlichen Hintergründen.<BR /><BR />Auch wenn an diesem regnerischen Tag seine Tattoos unter Jacke und Hose verborgen bleiben, die Faszination für das Tätowieren und die Vorliebe für großflächige, farbige Designs mit Symbolcharakter sind Jakob Kerschbaumer förmlich auf die Haut geschrieben. <BR /><BR />Bereits während seines Besuchs des Kunstlyzeums in Bozen entdeckte der Brixner seine Leidenschaft für diesen „kreativen, künstlerischen Beruf“.<h3> <h3> Erste Tattoo-Versuche auf der Schweinehaut </h3> </h3>Nach der Matura suchte er nach einer Lehrstelle als Tätowierer. Es verschlug ihn in die Nähe von München, wo er als Lehrling in einem Tattoo-Studio eine Anstellung fand. „Ich habe Kundengespräche geführt, Termine vereinbart, Tattoo-Vorlagen vorbereitet und die Arbeitsplätze sauber gemacht. Im Gegenzug hat mir der Lehrmeister beigebracht, was man als Tattoo-Künstler können muss“, erzählt Kerschbaumer. <BR /><BR />Geübt hat er auf Schweinehäuten, die er sich beim Metzger besorgt hat. Als er das „richtige Gefühl“ für die elektrische Tätowiermaschine entwickelt hatte, versuchte er sich erstmals an Menschen – „kostenlos und unter den Augen des Lehrmeisters“.<BR /><BR />Neben dem Erlernen des Handwerks und anatomischer Grundlagen galt es auch ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie ein Motiv auf der Haut funktioniert, wie die Farben harmonieren, wie das Bild aufgebaut sein muss, um auch auf der alternden Haut noch schön zu wirken.<BR /><BR />„Ich arbeite gerne mit Farbe – am liebsten mit Bildern und Symbolen – und entwerfe gerne großflächige Designs“, sagt Kerschbaumer, dessen Arbeiten sich am von der amerikanischen Tattoo-Kunst der Zwischenkriegszeit inspirierten Old-School-Stil orientieren. „Diese Motive sind im Milieu des Militärs und der Seefahrt entstanden, wie Segelschiffe oder Anker, in die symbolisch viel hineininterpretiert werden kann“, berichtet Kerschbaumer.<h3> <h3> Ein Gefühl, ein Ereignis wird ein Leben lang markiert</h3> </h3>Während seine Kunden meist genau wissen, wo sie ihr Tattoo haben möchten, fehlt oft eine Vorstellung davon, welches Motiv es sein soll. „Das wird dann gemeinsam entwickelt“, erzählt Kerschbaumer, der sich auf geschmackliche Fragen nicht einlässt. Es stehe ihm nicht zu, darüber zu urteilen, was schön sei oder nicht. Stattdessen verweist er auf den emotionalen Bezug, die zwischenmenschliche Komponente oder die Überzeugung hinter dem Motiv, das für immer auf der Haut getragen wird. <BR /><BR />„Die Beweggründe, sich ein Tattoo stechen zu lassen, sind sehr unterschiedlich. Für viele ist es ein Mittel, um die eigene Identität ein Stück weit auszudrücken. Für andere steht der künstlerische Ausdruck, den Körper ästhetisch ansprechend zu schmücken, im Vordergrund“, beobachtet Kerschbaumer. Auch werde eine tiefe Überzeugung, ein starkes Gefühl (Trauer, Begeisterung) oder ein wichtiges Ereignis im Leben, wie die Geburt eines Kindes, markiert. So erinnert sich Kerschbaumer an ein Paar, das sich sein erstes Tattoo, einen kleinen Schmetterling, tätowieren ließ – um sein viertes Kind, das es verloren hatte, zu ehren.<BR /><BR /><embed id="dtext86-62210476_gallery" /><BR /><BR />„Ein Tattoo ist viel mehr als nur ein Bild auf der Haut“, betont Kerschbaumer, der den Menschen das Tätowieren als vielfältige Kunstform vermitteln will, welche die Menschheit seit jeher begleitet und dementsprechend viel über eine Kultur aussagt.<BR /><BR />In diesem Sinne hat Kerschbaumer in den vergangenen 2 Jahren mit der Dokumentarfilm-Studentin Jana Weissteiner aus Brixen 2 Filmprojekte umgesetzt, die er jüngst im Pharmaziemuseum in Brixen vorgestellt hat. <BR /><h3> <h3> Tätowieren als Kunstform und Kulturerbe vermitteln</h3> </h3><BR />Im Kurzdokumentarfilm „Il tatuaggio lauretano – Die Pilgertattoos von Loreto“ wird Jonatal Carducci begleitet, der die Jahrhunderte alte Tradition der Pilgertätowierung in der italienischen Pilgerstätte Loreto am Leben erhält. „In der Geschichte der Christen haben Tätowierungen immer eine Rolle gespielt, wenn auch in unterschiedlichen Kontexten“, erklärt Kerschbaumer. So hätten etwa die Römer Christen auf Händen und Stirn zwangstätowiert, um sie zu stigmatisieren. In Loreto lassen sich Menschen Glaubensmotive, wie die Gottesmutter Maria mit Kind oder ein Kreuz, tätowieren, um Gott näher zu kommen, oder als Andenken an ihre Pilgerreise. <BR /><BR /> Der zweite Film „Die Zeichen der Seele 2023“ zeigt, wie die mit Kerschbaumer befreundete Tattoo-Künstlerin und Schamanin Alex Denver den beim Tätowieren erlebten Schmerz für das Heilen seelischer Verletzungen nutzt. „Hier geht es mehr um den Akt des Tätowierens selbst, der die Entscheidung, im Leben etwas ändern zu wollen, symbolisiert“, erklärt Kerschbaumer. <BR /><BR />Sein Filmprojekt „Die Pilgertattoos von Loreto“ hat Kerschbaumer für Veranstaltungen des Vereins Tätowierkunst e.V. realisiert, dessen Mitglied er ist. Dieser nennt u.a. die Etablierung des Tätowierens als Erscheinungsform der bildenden Kunst, die Anerkennung der Tätowierkunst als immaterielles Kulturerbe der UNESCO und die Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung im Bereich der Tätowierkunst als seine Ziele.