Alles begann im Jahr 1896 – und zwar aus einem ziemlich pragmatischen Grund: Geld musste her. Für den Ausbau der Straße ins Passeiertal fehlten die finanziellen Mittel, also plante man kurzerhand ein großes Tiroler Nationalfest in Meran. Mit an Bord war eine ungewöhnliche Frau: die österreichische Salonnière Pauline Fürstin von Metternich-Sándor (1836-1921), bekannt für ihre Wohltätigkeit und ihr Organisationstalent. <BR /><BR />Unter anderem hatte sie seit 1886 den Wiener Blumenkorso mitorganisiert. Fürstin Pauline liebte auch Pferde – ihr Vater, Móric Sándor von Szlavniza, war berühmt für seine verwegenen Reitkunststücke. Fürstin Pauline – in Europas Adel bestens vernetzt und Aushängeschild der Meraner Kurverwaltung – übernahm mit Engagement die Patenschaft für das geplante Große Tiroler National-Fest zugunsten der Passeirer Straße.<BR /><BR />Doch der eigentliche Coup, so beschreibt es Erich Messner in der Festschrift zum diesjährigen Jubiläum, kam von einem Mann mit Gespür für Volkskultur: Karl Wolf, Schriftsteller, Volkskundler und Gründer der Meraner Volksschauspiele. Er wusste, was die Menschen bewegt – und brachte die Haflinger ins Spiel. Genauer gesagt: die Bauern mit ihren kleinen, robusten Pferden. <h3> 250 Kronen Preisgeld, aufgeteilt auf acht Plätze</h3>Anfangs skeptisch, ließen sich die Bauern schließlich überzeugen – unter einer klaren Bedingung: Nur Haflinger sollten beim Rennen antreten. Und natürlich nicht ohne ordentliches Preisgeld. Für den ersten Platz sollte es 100 Kronen, für den zweiten 60 und für den dritten 40 Kronen geben, und je zehn Kronen bis zum achten Platz. So sollten die 250 Kronen (heute ungefähr 2.345 Euro, Quelle: Österreichische Nationalbank) Preisgeld aufgeteilt werden, verlangten – laut Erich Messner – die Bauern.<BR /><BR />So kam es, dass am 7. April 1896, zwei Tage nach dem Ostersonntag, das erste Meraner Pferderennen über die Bühne ging. Auf einer improvisierten Rennbahn auf der Meranerhof-Wiese traten 23 Haflinger gegeneinander an, geritten von ihren Besitzern im Sonntagsg'wand. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1297356_image" /></div> <BR /> Viele ohne Sattel, manche auf Schaffell – dafür mit umso mehr Leidenschaft. Was folgte, war ein Spektakel: Stürze, spontane Zusatzrunden und ein Publikum, das aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Die Siegerstute „Liesl“ von Mathias Zöggeler, Schweiger in Labers, geritten von dessen Sohn, schrieb an diesem Tag Geschichte – und mit ihr ein ganzes Rennen.<BR /><BR />Szenenwechsel: 130 Jahre später. Aus dem improvisierten Bauernrennen ist eine feste Institution geworden, die seit 1935 – mit Unterbrechungen – am Ostermontag am heutigen Pferderennplatz ausgetragen wird. Der Renntag beginnt traditionell mit einem farbenfrohen Umzug durch die Altstadt; am Nachmittag wird es sportlich.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1297359_image" /></div> <BR /><embed id="dtext86-74222112_listbox" /><BR /><BR /> Auf der Rennbahn zeigen die Haflinger, was in ihnen steckt. In packenden Galopprennen über bis zu 1.600 Meter messen sich die besten Pferde des Landes. Wer die Haflinger nur als trittsichere, gutmütige und vielseitige Arbeitspferde kennt, erlebt am Ostermontag eine Überraschung: Auf der Rennbahn zeigen sie Temperament, Ausdauer und echten Kampfgeist. Ein Sieg in Meran ist nicht nur sportlicher Erfolg, sondern auch Prestige innerhalb der Haflinger-Community.<BR /><BR />Im Vorjahr gingen an die 50 Haflinger in mehreren Altersklassen an den Start. Siegerpferd war „Bizarra Hu“ mit Kathrin Erschbamer im Sattel (Besitzer: Georg Gasser). Pferd und Reiterin sind heuer wieder dabei und gehören zum engsten Favoritenkreis. <h3> Kulturelle Identität und Förderung der Zucht</h3>„Die Teilnehmer bereiten sich mit ihren Tieren sehr intensiv auf das Galopprennen vor“, erklärt Christoph Zöggeler aus Flaas, Obmann des Südtiroler Haflinger Pferdesportvereins (SHS), der den Wettbewerb gemeinsam mit Merano Galoppo und der Kurverwaltung Meran organisiert.<BR /><BR /> „Monatelang wird bis zu drei Stunden täglich trainiert, um eine perfekte Abstimmung zwischen Reiter(in) und Tier zu erreichen.“ Auf das diesjährige Jubiläum freut sich Zöggeler ganz besonders. „Das Haflinger-Galopprennen am Ostermontag ist etwas Einzigartiges, und schon als Bub war ich stets mit dabei.“ <BR /><BR /><embed id="dtext86-74222114_quote" /><BR /><BR /> Der SHS bildet seit fast fünf Jahrzehnten das sportliche Rückgrat für die Zucht und Nutzung der Haflingerpferde in ihrer Heimat. Gegründet im Jahr 1977 mit dem Ziel, die Interessen der Rennstallbesitzer zu bündeln, hat sich der Verein zu einer unverzichtbaren Institution für die Südtiroler Sportlandschaft entwickelt. Dabei steht nicht nur der Wettkampf im Vordergrund, sondern auch die Bewahrung kultureller Identität und die Förderung der heimischen Zucht in enger Kooperation mit dem Zuchtverband.<BR /><BR />„Das Herzstück des Vereinsjahres sind die Galopprennen am Pferderennplatz in Meran – in der Regel eröffnen und schließen die Haflinger die Saison“, erklärt Zöggeler. „Vor allem am Ostermontag sind die Haflinger wahre Publikumsmagneten. Das Rennen ist eine wunderschöne Tradition, und wir tun alles dafür, dass sie noch lange erhalten bleibt.“ <BR /><BR />Antreten dürfen ausschließlich im Herdebuch eingetragene Stuten, was die enge Verbindung zwischen Sport und Zucht unterstreicht. Das Preisgeld beträgt nunmehr, dank der Zusammenarbeit mit Sponsoren und Gönnern, mehr als 100 Kronen. Trotzdem: Weitaus mehr begehrt als das Geld ist der stattliche Glaspokal für den Sieger. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1297362_image" /></div> <BR />Neben dem Galoppsport auf Gras pflegt der Verein auch die winterlichen Disziplinen. Das Skijöring und die Schlittenrennen sind feste Bestandteile des Rennkalenders und fordern von Pferd und Reiter höchste Präzision und Schnelligkeit auf Schnee und Eis. <BR /><BR />Durch diese Vielfalt an Veranstaltungen sorgt der SHS dafür, dass der Haflinger als modernes, vielseitiges Sportpferd wahrgenommen wird, ohne seine tiefen Wurzeln in der bäuerlichen Tradition Südtirols zu verlieren. Mit ungefähr 200 Mitgliedern sichert der Verein heute, dass dieses lebendige Kulturerbe auch für künftige Generationen attraktiv bleibt.