<b> Herr Schmelzer, wie viele Menschen sind von Burnout betroffen?</b><BR />Manuel Schmelzer: Wenn wir von Burnout im klassischen Sinne ausgehen, also dass man sich völlig erschöpft und leer fühlt und jegliche Energie fehlt, dann betrifft das etwa 5 Prozent aller Personen. Anders gesagt: 5 Prozent der Menschen machen im Lauf ihres Lebens eine Burnout-Phase durch. Das ist im Verhältnis zur Depression gar nicht so häufig, denn dort beträgt die Rate 20 bis 25 Prozent. Allerdings ist zu sagen, dass dieser Wert stark von den Berufssparten und von den Verantwortungsbereichen abhängt. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>In welchen Berufen ist man denn besonders anfällig für Burnout?</b><BR />Schmelzer: Ein wichtiger Aspekt ist Verantwortung, die man für andere Menschen übernimmt. Das ist beispielsweise bei Pflegeberufen, sozialen Berufen oder Lehrberufen vielfach der Fall. Häufig betroffen sind Menschen in Führungspositionen. Natürlich stellt auch eine schwierige oder fordernde Lebensphase ein zusätzliches Risiko dar. Wenn man etwa im Privatleben besonderen Stressmomenten ausgesetzt ist, etwa einen pflegebedürftigen Angehörigen zu betreuen hat. Oder wenn man sich in der Freizeit bzw. Vereinsarbeit derart stark engagiert, dass die Energie knapp wird. Um es auf einen Nenner zu bringen: Wenn man viel Verantwortung und wenig Zeit hat. Ein weiterer Faktor ist mangelnde Wertschätzung. Wenn man also ständig die eigenen Leistungsgrenzen überschreitet und die Warnsignale nicht wahrnehmen kann, dann ist man stark gefährdet, an Burnout zu erkranken.<BR /><BR /><embed id="dtext86-68470673_quote" /><BR /><BR /><b>Was sind denn deutliche Warnsignale?</b><BR />Schmelzer: Der Körper und die Psyche geben uns gute Rückmeldungen über Situationen, wenn es zu viel wird. Häufig sind Schlafstörungen, Bluthochdruck, Rückenschmerzen oder ganz allgemein Schmerzen oder erhöhte Anfälligkeiten für Infektionen, weil das Immunsystem überlastet ist. Auch ein plötzlich auftretender Tinnitus oder ein Hörsturz sind typische Signale. Wenn man oft genervt oder gereizt ist oder gar zynisch im Umgang mit anderen Menschen wird, so sind das ebenso klassische Burnout-Indizien.<BR /><BR /><b>Es gilt also, derartige Signale ernst zu nehmen. Allerdings gibt es doch auch den positiven Stress. Vielen Menschen kann auch viel Stress nichts anhaben, einige blühen dann erst auf, oder?</b><BR />Schmelzer: In Stresssituationen reagiert der Körper automatisch, indem er Stresshormone ausschüttet und sich den Herausforderungen stellt. Prinzipiell ist diese Reaktion positiv, denn er macht Ressourcen frei. Die gemeisterten Herausforderungen stellen einen zusätzlichen positiven Impuls dar – man hat ein Problem bewältigt, eine Aufgabe geschafft und ist daran sozusagen gewachsen. Aber es gibt eben Grenzen, die von Mensch zu Mensch verschieden sind, und jeder Mensch braucht auch Phasen der Erholung und der Ruhe. <BR /><BR /><embed id="dtext86-68470676_quote" /><BR /><BR /><b>Es gilt also, diese Dynamik frühzeitig zu durchblicken, um sich vor Burnout zu schützen?</b><BR />Schmelzer: Das wichtigste Prinzip besteht im frühzeitigen Erkennen. Wenn die Betroffenen ausfallen, dann ist es schon zu spät. Leider ist das meistens der Fall. Umgangssprachlich heißt es oft, dass der Betroffene einen Zusammenbruch hatte. Es dauert sehr lange, bis so jemand wieder regeneriert und voll funktionsfähig ist. Außerdem ist es nicht damit getan, dass man dann weitermacht wie gehabt, sondern man muss etwas ändern. All das kostet Arbeitgebern und Unternehmen viel Zeit und Geld. Hinzu kommt, dass ein oder mehrere Ausfälle normalerweise vom Rest des Teams aufgefangen werden müssen. Die ohnehin große Arbeitslast wird auf die noch vorhandenen Schultern verteilt, sodass auch die Gesunden bald überlastet sein können.<BR /><BR /><b>Ein Teufelskreislauf …</b><BR />Schmelzer: Richtig. Umso wichtiger ist es, die Thematik der psychischen Gesundheit in den Betrieben zu etablieren. In dieser Hinsicht gibt es hierzulande vielfach noch große Berührungsängste, man kann durchaus von einem Tabuthema sprechen. Ich meine damit generell Fehltage, die auf psychische Erkrankungen zurückzuführen sind. Diese sind in den vergangenen 20 Jahren laut einer Erhebung der Techniker-Krankenkasse um 150 Prozent angestiegen. Hier gilt es gezielt anzusetzen. Die Erfahrungen aus Deutschland oder Österreich zeigen klar auf, dass Präventionsarbeit sehr gut wirkt. Kurz gesagt, geht es zunächst einmal darum, ein Bewusstsein für diese Themen zu schaffen und aufeinander zu achten. Wenn sich etwa eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter zurückzieht oder das Verhalten sich stark verändert, sollte das nicht ignoriert werden. Allerdings weiß man vielfach nicht, wie damit umgehen, doch gerade durch Präventionsarbeit wie Schulungen für Führungskräfte oder Mitarbeitende werden diese Werkzeuge zur Verfügung gestellt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-68470850_quote" /><BR /><BR /><b>Durch Gesundheitsprävention am Arbeitsplatz kann der Betrieb also Geld sparen?</b><BR />Schmelzer: Natürlich, denn die Bandbreite reicht von krankheitsbedingten Ausfällen bis hin zur sogenannten „inneren Kündigung“. All das schadet den Unternehmen. Es gilt also, Stressquellen zu erkennen, die Belastung der Mitarbeitenden anzusprechen und zu steuern und Resilienz zu entwickeln. Die Führung sollte nach dem bewährten Prinzip „Fördern und Fordern“ erfolgen. Denn schließlich darf und soll man von allen Mitarbeitenden zunächst einmal Leistung verlangen können. <BR /><BR /><b>Speziell Führungskräfte sollten also auf die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz Wert legen. Sollte dieser Ansatz Teil der Unternehmenskultur sein? </b><BR />Schmelzer: Ja, wir sollten uns hierbei von Österreich und Deutschland etwas abschauen. Ich habe bisher rund 2000 Führungskräfte geschult, in den unterschiedlichsten Sparten wie zum Beispiel Automobilkonzerne, Spieleentwickler, Energiedienstleister, öffentliche Institutionen oder Kindergärten. Gesundheitsprävention als gelebte Unternehmenskultur bedeutet, dass die Gesundheit der Mitarbeitenden als das höchste Gut behandelt und von der Unternehmensleitung gefördert wird. Das wirkt sich positiv auf das Miteinander in der Firma aus, schafft Vertrauen und Identifikation im Betrieb. <BR /><BR /><i>Dr. Manuel Schmelzer ist Psychologe und Psychotherapeut und berät seit fast 10 Jahren internationale Firmen und Unternehmen zum Thema psychische Gesundheit und Burnout-Prävention am Arbeitsplatz. Er war selbst mehrfach in leitenden Positionen tätig und hat seine Praxis in Meran.</i>