Wir haben den hinduistischen Mönch, der einst in Lana ansässig war und mit bürgerlichen Namen Stefan heißt, vor einer Versammlung in Gries getroffen und dabei über seinen ungewöhnlichen Weg, die Macht der Gedanken und die Suche nach Glück philosophiert.<BR /><BR /><b>Worüber werden Sie am heutigen Abend in Gries denn sprechen?</b><BR />Swami Aniruddha: Vorwiegend werde ich auf die Mantren eingehen, also auf die Kraft des Gebets und die Macht des Sounds auf unser Wohlbefinden. Damit helfen wir unserem Geist zur Ruhe zu kommen und unsere Aufmerksamkeit vom Verstand auf unser Herz zu richten. Vielen Menschen fällt das heutzutage sehr schwer. Es heißt, der Mensch hat zwischen 60.000 bis 80.000 Gedanken am Tag. 90 Prozent davon wiederholen sich, sind unbewusster und vielfach negativer Natur. Wenn man weiß, welche Macht und welche Manifestationskraft Gedanken haben, dann wird klar: Unser Denken macht glücklich oder unglücklich, gesund oder krank. <BR /><BR /><b>Warum hat diese Suche ausgerechnet zum Hinduismus geführt?</b><BR />Swami A.: Im Grunde habe ich schon immer gesucht. Bereits als sechsjähriges Kind bin ich nach der Messe zum Pfarrer gegangen und habe ihm sozusagen Löcher in den Bauch gefragt: Wer bin ich? Warum bin ich genau der und kein anderer? Heute würde ich eher sagen: Was macht mich als Mensch aus? Jedenfalls habe ich auf meine Fragen nie befriedigende Antworten bekommen. Und weil ich ein neugieriger Mensch bin, habe ich weitergesucht. Nachdem ich die Oberschule mit Fachrichtung Maschinenbau abgeschlossen hatte, habe ich in Innsbruck einige Semester Theologie, Psychologie und Philosophie studiert, danach bin ich eine Zeitlang mit dem Rucksack um die Welt gegondelt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1259397_image" /></div> <BR /><b>Immerzu auf der Suche nach der eigenen Bestimmung?</b><BR />Swami A.: Naja, sagen wir mal auf der Suche nach dem intensiven Leben, dem großen Glück, der Liebe. Pura vida – das reine Leben also. Dabei konnte ich auch stets eine schützende Kraft verspüren, die mich gelenkt hat. Ich wollte das Leben in seiner ganzen Fülle erfahren, zugleich mich meinen Ängsten und Zweifeln stellen. Sicher, mein Lebensstil war damals ein gänzlich anderer und stand in starkem Kontrast zum heutigen, obwohl ich schon damals spirituelle Übungen wie Meditation oder Atemübungen praktiziert habe. Die entscheidende Wende kam während meines sechsmonatigen Aufenthaltes in Indien, als ich 22-jährig im Jahre 2004 mit den Schriften der Bhagavad Gita und der Yogawissenschaft in Kontakt kam.<BR /><BR /><b>Was hat Sie daran derart fasziniert?</b><BR />Swami A.: Die Bhagavad Gita ist eine maßgebliche heilige Schrift des Hinduismus und des Yoga, welche die Essenz des spirituellen Lebens und verschiedener Yoga-Praktiken zum Inhalt hat. Sie wurde vor 5.000 Jahren geschrieben und ist heute so aktuell wie damals. Jedenfalls fand ich dort viele Antworten auf meine drängenden Fragen. Und dann war in jenem Ashram eine Heilerin, die vom wundersamen Wirken ihres spirituellen Meisters berichtete. Daraufhin verspürte ich ein großes Verlangen, ihm zu begegnen. <BR /><BR /><b>Und diese Begegnung hat dann auch stattgefunden?</b><BR />Swami A.: Dazu ist es dann tatsächlich gekommen, allerdings erst vier Jahre später in Assisi. Denn für eine Begegnung mit einem lebenden Meister mit entsprechender Segnung muss man erst bereit sein. Diese Erfahrung hat etwas Großes in mir entfacht, das seitdem nie mehr erloschen ist: Ein Feuer, ein tiefes Vertrauen, Freude und Liebe zum Leben. Jedenfalls war das der entscheidende Wendepunkt in meinem Leben. Danach wollte ich genauer verstehen, was es damit auf sich hat. Als bald darauf der neue Ashram in Heidenrod in der Nähe von Frankfurt öffnete, habe ich beschlossen, dort mitzuhelfen. Regelmäßig konnte ich mich mit meinem Meister austauschen, ich habe meine spirituellen Praktiken verfeinert und mich voll und ganz auf meinen Weg konzentriert. Ich weiß, so manches mag sich für Außenstehende befremdlich anhören, aber das sind nun mal meine Erfahrungen, das ist mein ureigener Weg.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1259400_image" /></div> <b>Ein allemal ungewöhnlicher Weg, keine Frage …</b><BR />Swami A.: Ja klar, ich sitze hier in orangen Kleidern und mit seltsamen Zeichen im Gesicht. Viele hier in Südtirol können damit nichts anfangen. Aber die Essenz, um die es geht, ist sicherlich nicht fremd: Jeder möchte doch in Einklang und im Reinen mit sich selbst sein, trachtet danach, sich zu akzeptieren und zu lieben. Liebe deinen nächsten wie dich selbst, hat schon Jesus gesagt. Je mehr man sich selbst liebt und akzeptiert, desto eher kannst du auch alles andere in dein Herz schließen. Hier gilt es anzusetzen. Alles das, was auf uns zukommt, gilt es als Möglichkeit des Wachsens, als Geschenk zu betrachten. Jeder hat es selbst in der Hand zu entschieden, das Glas als halb voll oder halb leer zu betrachten. <BR /><BR /><b>Ihre Aufgabe als Swami Aniruddha besteht nun darin, die Lehren des Meisters weiterzugeben?</b><BR />Swami A.: Ja, ich war soeben zwei Monate lang in Mexiko und in den USA unterwegs, nun bauen wir gerade einen Ashram in Rom auf, ehe es wieder weitergeht in die USA und nach Indien. Ich bin nach wie vor ein Schüler, der das Wissen seines Meisters teilt und weitergibt. Das ist das Mindeste, das ich tun kann. Wie ich gesehen habe, bewirken bei vielen Menschen schon kleine innere Veränderungen große positive Effekte. Das wiederum macht die Welt insgesamt zu einem besseren Ort. <BR /><BR /><b>Das klingt total easy.</b><BR />Swami A.: Ist es auch.<BR /><BR /><b>Blicken Sie hin und wieder zurück auf Ihr früheres Leben? Wie haben damals Ihre Eltern diese Wandlung aufgenommen?</b><BR />Swami A.: Zunächst waren sie sicherlich besorgt, denn ich war ein recht draufgängerischer Bursche. So stand die Angst im Raum, dass ich mich verlieren könnte. Nun bin ich aber schon 17 Jahre auf diesem Weg und ich kann bezeugen, dass ich mich jetzt besser fühle als in den Jahren davor. Auch mit meinen Eltern pflege ich eine gute Beziehung. Jedenfalls sehe ich es als eine konstante Weiterentwicklung, weil man nach und nach zu seiner inneren Bestimmung findet: So sehr man lebt, stirbt man auch konstant. Andererseits: Wenn man zu sehr am Jetzt angehaftet ist, stagniert man. Ich kenne genug Menschen, die man immerzu jammern hört, aber sich nicht aus ihrer Komfortzone bewegen, sich nicht loszulösen vermögen. Der Staat, die Nachbarn oder das liebe Geld werden dann als Probleme genannt. Mit einem Finger zeigen wir auf die anderen, aber mit drei Fingern können wir auf uns selbst zeigen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1259403_image" /></div> <BR /><b>Welche Rolle spielt Ihr Taufnamen denn noch und was bedeutet Swami Aniruddha?</b><BR />Swami A.: Daheim werde ich schon noch Stefan genannt, für mich hat er keine Bedeutung mehr. Swami ist in unserer Tradition ein Mönchsgrad mit der Aufgabe, die Lehre zu verbreiten. Aniruddha hingegen bedeutet so viel wie Gott. Mein tatsächlicher Name ist noch länger und kann übersetzt werden mit: „universelle, unlimitierte Glückseligkeit“. Den Namen bekommt man im Kloster zugewiesen, ähnlich wie es bei Franziskanern der Fall ist. <BR /><BR /><b>Sie thematisieren zeitlose Sinnfragen, die die Menschen auf ihrer Suche nach Orientierung gerade in unserer heutigen Zeit ansprechen. Wie reagiert denn die Zuhörerschaft bei Ihren Auftritten?</b><BR />Swami A.: Recht unterschiedlich. Ein großes Problem ist einfach die Unwissenheit. Man versucht sich immerzu abzulenken und tritt deshalb nicht mit sich selbst in Kontakt. Es geht darum, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, gerade das ist Teil des Erwachsenwerdens. Und sicher, es ist nicht einfach: Sobald man die Tür nur einen Spalt öffnet, kommt zunächst ein wenig frischer Wind rein, aber gleich darauf folgt ein mittlerer Sturm. Man muss sich eben alles anschauen, und genau davor schrecken dann doch wieder die allermeisten Leute zurück. Jeder sucht das Glück, aber in unserer äußeren Welt lässt sich nur das kurzlebige Glück finden. <BR /><BR /><b>Das heißt: Zunächst einmal sollte man das Glück bei sich selbst suchen?</b><BR />Swami A.: Das ist der springende Punkt. Der Schlüssel zu allem ist Gott bzw. die Liebe zu dir selbst, nur das macht unabhängig von anderen Dingen glücklich. Auf dieser Grundlage bekommt auch alles andere im Leben einen tieferen Wert, wie etwa Gesundheit, eine gute Partnerschaft, ein schönes Auto oder eine feine Wohnung. Ich selbst habe oft gesehen, wie Menschen trotz vieler Besitztümer depressiv sind. Wenn wir uns nur einmal den materiellen Wohlstand vor Augen halten, so leben wir heute alle wie die Könige im Mittelalter – also umgeben von lauter materiellen Dingen. Und dennoch sind Depressionen allgegenwärtig. Sich auf Materielles zu fixieren, macht also nicht glücklich. Somit stellt sich also die Frage: Wo liegt denn dieses Glück? Die östliche Philosophie, der Hinduismus, die Yogaphilosophie und mein Meister sagen gleichermaßen: Es liegt in dir drinnen, dort sollst du es finden.