<b>Bei einer 2-tägigen Fachtagung in Neustift stand vergangene Woche das Thema der emotionalen Nähe im Mittelpunkt. Haben wir Menschen Angst vor Nähe?</b><BR />Hartmut Rosa: Ich denke man kann sagen, dass Nähe riskant geworden ist. Menschen haben Angst, sich auf Nähe und Beziehungen einzulassen. Nähe heißt nichts anderes als: „Ich lasse mich berühren.“ Das ist immer mit einer Verletzungsgefahr verbunden. Ich nenne Beziehungen, bei denen es zu Nähe kommt, Resonanzbeziehungen. In einer Gesellschaft, die auf Optimierung und schnelle Interaktion ausgerichtet ist, sind derartige Beziehungen riskant. <BR /><BR /><b>Nichtsdestotrotz macht Nähe den Menschen aus, oder?</b><BR />Rosa: Natürlich, unbedingt. Als Menschen sind wir auf diese Form des Austausches angelegt. Resonanz nenne ich eine Form der Beziehung, die damit beginnt, dass uns etwas berührt. Wir sind auf derartige Beziehungen angelegt – aber wie gesagt: Sie sind riskant geworden. Wir nähern uns einer berührungslosen Gesellschaft. Physische und psychische Berührungen delegieren wir an Experten – an den Physiotherapeuten oder an den Psychologen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67444422_quote" /><BR /><BR /><b> In Ihren Arbeiten sprechen Sie von „Entfremdung“. Was verstehen Sie darunter und hat das auch etwas mit Nähe zu tun?</b><BR />Rosa: Ja, absolut. Der Resonanzbegriff ist für mich zentral, ich verstehe darunter eine Form der Beziehung, in der ich Berührung zulasse und gleichzeitig andere berühre. Entfremdet bin ich, wenn mich nichts mehr berühren kann, wenn ich das Gefühl habe, ich lebe zwar in Beziehungen – bei der Arbeit oder auch in der Familie – aber sie berühren mich nicht mehr inwendig. Ich erreiche den anderen nicht wirklich, und mein Gegenüber berührt mich nicht. Das ist die Entfremdungsbeziehung. Ich glaube, dass die Gesellschaft immer mehr in solche Beziehungen gerät. <BR /><BR /><b>Sie beschäftigen sich auch mit Zeit. Der moderne Mensch hat Hilfsmittel an seiner Seite, ist aber immerzu gestresst. Gibt es kein Entrinnen mehr?</b><BR />Rosa: Als Soziologe will ich kein Ratgeber sein, aber eigentlich ist es schon so, dass man um resonanzfähig zu sein, erst einmal mit sich selbst in Resonanz sein sollte. Man muss diesen Dauerstrom an Interaktion und Kommunikation durchbrechen. Mein bester Ratschlag ist es da, in den Terminkalender an manchen Stunden „nichts“ reinzuschreiben. Und nichts heißt dann wirklich nichts – und nicht: Da mache ich die Steuererklärung. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67444423_quote" /><BR /><BR /><b>Als Soziologe beschäftigen sich Sie sich auch mit den großen Fragen der Zeit. Stehen wir mit der Wahl Trumps am Beginn eines neuen Zeitalters? </b><BR />Rosa: Ich würde da erst einmal vorsichtig sein. Wir haben immer wieder erlebt, dass nach einschneidenden Ereignissen wie 9/11, Corona oder dem Ausbruch des Ukraine-Krieges die Rede davon war, nun werde die Welt eine andere sein. Die Finanzmärkte, aber auch politische Institutionen sind schon auch robust, sodass das noch eine ganze Weile so weitergeht. Auf der anderen Seite ist es nicht zu übersehen, dass wir es mit massiven politischen Krisen zu tun haben. Wir beobachten eine innere Zersetzung von Demokratie – nicht nur in den USA. Ich deute das in der Tat als Reaktion einer massiven Entfremdungserfahrung der Menschen. Sie erleben, dass politische Instrumente wie Wahlen, Regierungen, nicht mehr als wirkliche Instrumente der Gestaltung wahrgenommen werden. Sie treten nicht in Resonanz, sondern in eine Kampfbeziehung. <BR /><BR /><b>Populisten finden Gehör...</b><BR />Rosa: Die so erstarkten Parteien versprechen den Wählern, dass ihnen die Kontrolle über ihr Leben zurückgeben wird. Trump macht sich diese Entfremdungserfahrung zunutze, er lebt von der Wut der anderen und verspricht den Menschen eine Stimme zu geben, gleichzeitig sagt er: „Ich bin eure Stimme“ und signalisiert: „Jetzt rede ich, ihr müsst die Klappe halten.“ <BR /><BR /><embed id="dtext86-67444424_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Mit Blick auf die aktuelle Weltlage – was lässt Sie da noch zuversichtlich sein? </b><BR />Rosa: Ich bin nicht einfach so direkt optimistisch, denn wir Menschen haben bewiesen, dass wir nicht in der Lage sind, ein Problem zu lösen – wir haben wieder Kriege, Seuchen, den fortschreitenden Klimawandel. Aber gewisse Restspuren von Optimismus habe ich mir erhalten: Große Umbrüche und Fortschritte waren in der Menschheitsgeschichte nie vorhersehbar und planbar. Und: Menschen sind von Natur aus auf Resonanz hin geeicht – diese Grundkraft des Menschen kann sich immer noch zum Positiven auswirken. Diese Grundfähigkeit verlieren wir nicht, wir können immer wieder neu anfangen. <BR /><BR /><b>Der Traum vom Glück beschäftigt den Menschen seit jeher. Wie lässt es sich finden?</b><BR />Rosa: Das Glück lässt sich nicht finden. Glück ist eine Nebenfolge davon, wenn uns etwas da draußen fesselt, berührt, in Resonanz bringt. Wenn ich durch die Welt laufe und glaube, ich muss jetzt das finden, was mich glücklich macht – dann würde ich sagen, wird man nie glücklich werden. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67444425_listbox" />