Freitag, 08. November 2019

Zimmerpflanzen doch kein Wundermittel für sauberere Luft

Zimmerpflanzen galten lange Zeit als prima Luftfilter. Eine Studie bringt die Annahme ins Wanken. Die Forscher empfehlen Pflanzen in Wohnräumen aber dennoch.

Zimmerpflanzen wirken sich kaum auf Luftqualität im Raum aus.
Zimmerpflanzen wirken sich kaum auf Luftqualität im Raum aus.

Pflanzen in der Wohnung oder dem Büro sehen nicht nur gut aus, sondern sind auch wichtig für ein gesundes Raumklima – so zumindest eine oft verbreitete Ansicht. Tatsächlich scheinen die Fähigkeiten von Efeu, Drachenbaum und Co. zur Luftreinigung allerdings viel geringer zu sein als bislang angenommen. Das ist zumindest das Ergebnis einer US-Studie über flüchtige organische Verbindungen in Wohnungen. Wesentlich effektiver sei es, wenn man regelmäßig lüfte, so das Fazit der Forscher im „Journal of Exposure Science and Environmental Epidemiology“.

„Pflanzen sind großartig, aber sie reinigen die Raumluft nicht
schnell genug, um einen Effekt auf die Luftqualität ihres Zuhauses
oder ihres Büros zu haben“, erläutert Michael Waring vom Drexel
University College of Engineering in Philadelphia. Gemeinsam mit
seinem Kollegen Bryan Cummings überprüfte er ein Dutzend
Untersuchungen aus 30 Jahren und stellte fest, dass der
Luftaustausch in Zimmern – ob natürlich oder durch Belüftungssysteme
erzeugt – die Konzentration flüchtiger organischer Verbindungen
(VOC, Volatile Organic Compounds) viel schneller senkt, als es
Pflanzen können.

Pflanzen selbst sondern auch VOC ab, was sich für die meisten Menschen beispielsweise bei einem Waldspaziergang wohltuend auswirkt. Daneben gibt es aber auch VOC in Form von Lösemitteln und anderen synthetisch hergestellten Stoffen, die ab einer bestimmten Konzentration schädlich wirken können. Bei letzteren wurde bislang davon ausgegangen, dass Zimmerpflanzen diese effektiv aus der Luft filtern könnten – eine Annahme, die nun widerlegt scheint.

Christian Lindermayr und Andrea Ghirardo vom Helmholtz Zentrum
München überrascht dieses Ergebnis nicht. So habe schon die
Untersuchung von Stickstoffmonoxid (NO) ergeben, dass Pflanzen
diesen zwar messbar aufnehmen können, allerdings in viel geringerem
Maße als erhofft, so Biochemiker Lindermayr. Sein in Italien
geborener Kollege Ghirardo ergänzt mit Blick auf VOC, Untersuchungen
in Wäldern hätten durchaus gezeigt, dass Bäume in der Lage seien,
deren Konzentration zu senken. „Wie und ob das mit Pflanzen in
Innenräumen funktioniert, ist allerdings noch nicht hinreichend
erforscht.“ Zudem würden manche Pflanzen einen besseren Gasaustausch
schaffen als andere, darunter beispielsweise tropische Gewächse, die unter der dichten Baumdecke der Regenwälder mit wenig Licht
auskämen.

Nach Berechnungen von Waring und Cummings wären zwischen 10 und 1000 Pflanzen pro Quadratmeter Nutzfläche erforderlich, damit diese mit dem Lüftungssystems eines Gebäudes oder sogar nur mit ein paar offenen Fenstern in einem Haus konkurrieren können.

Dennoch plädieren die Autoren der Studie nicht dafür, auf Topfpflanzen etwa in Büros zu verzichten. „Indem Zimmerpflanzen dazu beitragen, ein biophileres Raumklima zu schaffen, können sie sich positiv auf das Wohlbefinden der Menschen auswirken, was sich auch in Produktivitätsverbesserungen für Unternehmen niederschlagen kann“, schreiben sie – ein Aspekt, den auch Lindermayr und Ghirardo betonen. Biophilie ist die Liebe zum Lebendigen.

Zudem setzten Pflanzen mit der Photosynthese Sauerstoff frei und
nähmen Kohlendioxid auf, was positiv für die Luftqualität sei, sagt
Ghirardo und fügt hinzu: „Außerdem sind sie nachhaltig, erneuerbar
und benötigen im Vergleich zur energieverbrauchenden modernen
Filtertechnologie weniger Wartung.“

Gerade in einer relativ geschlossenen Umgebung wie den energiesparenden Passivhäusern könnten Pflanzen durchaus nützlich für die Luftqualität sein.Allerdings stecke das Wissen über die Luftreinigung durch Pflanzen noch in den Kinderschuhen – hier seien noch ein gutes Stück Forschung nötig. Hilfreich wäre zudem eine Reduktion der VOC-Emissionen, die etwa von Möbeln oder Farben ausgingen, ergänzt Lindermayr.

dpa