Unter der Führung des heute 72-Jährigen wurde das „Vier Jahreszeiten“ in Hamburg zu einem der besten Hotels weltweit. STOL hat mit Gert Prantner über Luxushotels und Prominente, über die goldenen Zeiten des Tourismus in Meran, über seine Lieblingshotels und über den Preis seines Erfolges gesprochen.Südtirol Online: Herr Prantner, sieht man sich Ihr Leben an, könnte man überspitzt sagen: Wegen einer nicht bestandenen Latein-Prüfung sind Sie Millionär geworden.Gert Prantner: Wenn Sie mit den Millionen die Erfahrungen meinen, die ich in meinem Leben machen durfte, dann stimmt das.STOL: Was hat es mit dieser Prüfung in Latein auf sich?Prantner: Im Jahr 1954, ich war 14 Jahre alt, besuchte ich die Mittelschule in Brixen und hatte in Latein eine Fünf im Zeugnis. Das bedeutete: Nachprüfung. Die wollte ich aber nicht machen. Ich hasste meinen Lateinlehrer wie die Pest. Als das Schuljahr vorbei war, hatte ich das Glück, im Sommer im damals bekannten Nobelhotel „Bristol“ in Meran arbeiten zu dürfen. Der berühmte Direktor des Hotels, Vinzenz Schachner, - er eröffnete zu dieser Zeit auch das „Grand Hotel“ in Venedig - war ein Nachbar meiner Familie in Brixen. Er hat mir diesen Sommerjob gegeben und mich am 27. Juli 1954 als Page eingestellt. Die Arbeit im Hotel machte mir Spaß und als mein Vater am Ende des Sommers anrief und sagte, ich müsste zur Prüfung kommen, antwortete ich: Nein, ich komme nicht mehr.STOL: Wie hat er reagiert?Prantner: Mein Vater hatte im Zweiten Weltkrieg den Russlandfeldzug mitgemacht, war als Pilot abgeschossen und für tot erklärt worden, kam aber 1948 überraschend nach Hause zurück. Er war sehr streng. Wenn man also einem solchen Mann, der in seinem Leben so viel durchgemacht hatte, widersprach, gab es logischerweise eine dementsprechende Reaktion. Er hat mir ein Hausverbot bis zum 21. Lebensjahr erteilt.STOL: Sie durften nicht nach Hause zurückkehren, bis Sie 21 Jahre alt waren?Prantner: Ja. Zwischen meinem 14. und dem 21. Lebensjahr war ich nicht ein einziges Mal in meinem Elternhaus. Als ich dann zurückkehrte, habe ich das mit einem gewissen Stolz gemacht, denn den ersten Teil meiner Karriere hatte ich schon hinter mir. Meine Eltern lebten noch und ich war niemandem böse. Jeder Mensch hat andere Narben, die muss man respektieren.STOL: Wie lange sind Sie im „Bristol“ geblieben?Prantner: Zwei Jahre lang. 1956 bin ich zur Winterolympiade nach Cortina, dann wieder ins „Bristol“. Anschließend hat meine Karriere begonnen.STOL: Wie haben Sie diese Jahre in Erinnerung?Prantner: Das „Bristol“ war ein Luxushaus, eines der schönsten in Europa. Wenn man dort als Brixner, als eines von sechs Kindern, aus bescheidenen Verhältnissen landet, ist das eine fremde Welt. Ich konnte in diesen sieben Jahren eine Menge lernen und beobachten. Es waren für mich die wertvollsten Jahre.STOL: Wo sind Sie nach dem „Bristol“ hin?Prantner: Ich war sehr viel unterwegs, habe in vielen Hotels in vielen Städten - unter anderem in Venedig, in Rom, Paris und London - gearbeitet, viele Positionen bekleidet und war immer nebenbei an Hochschulen und Unis.STOL: Sie haben studiert?Prantner: Ja, aber immer nebenbei. An der Cornell University in Ithaca in den USA habe ich zehn Sommer lang im Urlaub Vorlesungen in den Bereichen Finanzen und Marketing besucht. Was ich dort gelernt habe, konnte ich nach meiner Rückkehr immer sofort bei der Arbeit umsetzen.STOL: Haben Sie die Uni mit einem Abschluss verlassen?Prantner: Nein, ich habe keinen Doktortitel. Ich, Gert Prantner, habe nach wie vor einen Abschluss der Mittleren Reife. Der Rest sind Kurse, Schulungen, Zeugnisse und Erlebnisse.STOL: Jedes Hotel hat seine Geschichten, sagt man. Stimmt das?Prantner: Oh ja. Wo Menschen sind, gibt es Geschichten. Manchmal ist man schockiert, manchmal kann man nur staunen, wie Menschen wirklich sind, wenn sie sich nicht beobachtet fühlen. Für mich war das schon als Page das Schöne. Ich konnte Menschen beobachten, denn ich war ja für viele gar nicht da.STOL: Ist Ihnen eine Episode besonders in Erinnerung geblieben?Prantner: In einem Hotel in München kam einmal ein Gast zur Rezeption und fragte den Portier nach seinem Zimmerschlüssel. Als der Concierge „Jawohl, Herr Konsul“ antwortete, machte der Gast dem Concierge eine große Szene, stampfte mit dem Fuß auf den Boden, beleidigte und beschimpfte ihn: "Sie Flegel, ich bin Generalkonsul!". Solche Beispiele gibt es hunderte, mit solchen Geschichten könnte ich einen Abend füllen.STOL: Sie haben im „Vier Jahreszeiten“ in Hamburg viel Prominenz aus Politik, Film, Fernsehen, Theater, Musik, Sport und Wirtschaft kennengelernt. Gab es Persönlichkeiten, die Sie besonders beindruckt haben?Prantner: Ich habe Helmut Kohl ebenso erlebt wie Helmut Schmidt - alles Persönlichkeiten. Hervorheben kann ich keinen. Manche Gäste suchten allerdings den Kontakt zu mir. Ich erinnere mich z.B. an den Schauspieler Kirk Douglas, der vier Monate mit seinem Sohn Michael, der damals noch klein war, im Hotel wohnte. Mit Kirk Douglas habe ich zu der Zeit jeden Tag gefrühstückt, weil er gerne quatschte, erzählte und froh war, sich entspannen zu können. Gleiches gilt für Luciano Pavarotti. Diese Leute suchten Entspannung.STOL: Udo Lindenberg lebt seit vielen Jahren im Hotel „Atlantic“ in Hamburg. Hatten auch Sie prominente Dauergäste?Prantner: Nein. Er hat nachgefragt, aber bei uns ging das damals nicht, wir hatten eine andere Klientel. Lindenberg hat seine Hamburger Residenz im „Atlantic“, wo er seine Jahresmiete zahlt, und eine zweite in Berlin. Ins „Vier Jahreszeiten“ hätte er nicht gepasst. Das „Atlantic“ ist das etwas größere Hotel, in dem viel los ist. Im „Vier Jahreszeiten“ habe ich immer versucht, Remmidemmi zu vermeiden. Udo Lindenberg kenne ich übrigens gut. Wenn er an der Bar ist, trinkt man eben mal etwas zusammen und dann geht jeder wieder seine Wege.STOL: Es heißt, wirklich prominente Leute, egal ob aus Politik, Sport, Kultur oder Wirtschaft haben keine Allüren.Prantner: Meiner Erfahrung nach waren Menschen, die viel mit dem Kopf gearbeitet haben oft die Bescheidensten.STOL: Welche Geschichten hat das „Vier Jahreszeiten“ in Hamburg?Prantner: Das Hotel hat eine Geschichte von 100 Jahren unter einer Dynastie, da scheint nicht immer nur die Sonne. Fritz Haerlin, er hat das „Vier Jahreszeiten“ in Hamburg 1932 von seinem Vater übernommen, war ein Nazi. 1933 trat er der SS bei. Als er 1975 starb, übernahm seine Frau Agnes das Hotel, das 1989 auf Druck ihrer beiden Töchter verkauft wurde.STOL: Hatten Sie kein Problem damit für einen Mann mit Nazi-Vergangenheit zu arbeiten?Prantner: Nein. Ich war neutral, ich bin polyglott.STOL: Sie arbeiteten von 1964 an vier Jahre in München, dann hat Fritz Haerlin Sie von der Isar an die Alster geholt. Warum?Prantner: Es hatte sich in der Branche herumgesprochen, dass es im „Vier Jahreszeiten“ in München, in dem ich als Erster Empfangsherr der beiden Inhaber arbeitete, aufwärts ging. Geholt hat mich Haerlin wohl, weil er keinen Sohn hatte. Seine beiden Töchter waren wenig geeignet, das Hotel zu führen. Fritz Haerlin selbst hat sich dann zu meiner Zeit aus dem Leben im „Vier Jahreszeiten“ fast komplett zurückgezogen.STOL: Welche Funktion haben Sie im Hamburger „Vier Jahreszeiten“ übernommen?Prantner: Zuerst war ich einer von fünf Direktoren ohne Kompetenz. Etwas später wurde ich dann, um es plastisch zu formulieren, Intendant und Dirigent in einem. Meine Aufgabe war es, das Haus an die Weltspitze zu führen und ich konnte meine Vorstellungen und Pläne nach und nach durchsetzen. 1982 war das „Vier Jahreszeiten“ zum ersten Mal das beste Hotel in Europa und 1989 weltweit die Nummer zwei nach dem „Oriental“ in Bangkok.STOL: Wie bringt man ein Luxushotel an die Weltspitze?Prantner: Ein Hotel ist ein Haushalt im Großen, mit dem Unterschied, dass die Leute bezahlen. Als Direktor muss ich immer ein Gebot im Kopf haben: Ich bin Gastgeber aus Überzeugung für Gäste, die sogar noch zahlen, wenn sie bei mir wohnen. Dann braucht es Sauberkeit - wenn ich ein Luxushotel bewerte, ist Sauberkeit alles -, sowie Harmonie und Mitarbeiter, die sich mit dem Haus identifizieren. Der Gast muss das Gefühl haben, er ist willkommen, nicht nur Kunde. Egal ob er vom Kellner oder vom Direktor begrüßt wird, es muss ehrlich gemeint sein. Die Freude, mit Menschen zu arbeiten, muss von innen kommen. So etwas spürt der Gast. Freundlich und herzlich zu sein bedeutet aber nicht devot zu sein, das war ich nie. Und natürlich muss ein Luxushotel bei der Ausstattung mit der Zeit gehen, es darf nicht stehen bleiben.STOL: Wie haben Sie im Hotel selbst verändert?Prantner: Das „Vier Jahreszeiten“ wurde renoviert, das Angebot an Zimmern antizyklisch von 212 Zimmern auf 165 gesenkt, denn Luxus ist die Spitze, nicht Masse. Das Geld dafür musste ich nach und nach selbst erwirtschaften. Meine Arbeit hat sich aber nicht nur auf das Hotel selbst beschränkt. Ich habe in mehreren Ländern weltweit Hotelfachschulen beraten und Top-Hotels begleitet. Die Arbeit ist mein Hobby.STOL: Als Sie ins „Vier Jahreszeiten“ wechselten, war das Hotel in der Krise. Lag das nur am Hotel oder auch an Hamburg selbst?Prantner: Damals war die Stadt tot. Als ich von München nach Hamburg ging, konnte man dort Freitagabend die Bürgersteige hochklappen. Zusammen mit dem damaligen Bürgermeister Hans-Ulrich Klose haben wir Stück für Stück aus der Stadt, in der der Schiffsbau gerade wegbrach, den Tourismus entwickelt. Wir haben Musicals geholt, ich nenne etwa „Cats“ und „Das Phantom der Oper“, um die Wochenenden zu füllen. Einkaufsstraßen mussten gebaut werden, die heutige Hafencity wurde geplant. Als Hoteldirektor war es wichtig, nicht nur auf sich selbst zu schauen, sondern auch an das Gesamte, an die Stadt, zu denken.STOL: Wie sehr haben Sie das „Vier Jahreszeiten“ geprägt und wie sehr hat es Sie geprägt?Prantner: Ich würde rückblickend sagen, dass ich saubere Arbeit geleistet habe. Ich habe das Hotel 1990 verlassen, aber erst vor wenigen Monaten hat mir das Hamburger Abendblatt einen ganzseitigen Artikel gewidmet, in dem es vor allem um meine Zeit im Hotel ging - 20 Jahre nachdem ich es verlassen habe. Geprägt hat mich sicherlich das Umfeld des Hotels, die Menschen, aber ich habe mich nie von Luxus vereinnahmen lassen. Ich esse immer noch gerne eine Wurst an einer Bude oder schlafe auf einer Almhütte, obwohl ich Luxus quer durch die Welt erlebt habe.STOL: Wie sehr haben Ihnen Ihre vielen Kontakte geholfen, Karriere zu machen?Prantner: Ich habe immer ein Gebot, das ich auch heute noch Managern mitgebe: Vergleichen Sie die Hotelbranche mit einer Bühne. Es gibt Zuschauer die klatschen, wenn der Dirigent reinkommt und ein Orchester, das stur sitzen bleibt, unruhig wird oder begeistert ist. Das ist die Rolle. Wenn der Vorhang dann nach dem dritten oder vierten Applaus fällt, gehen Sie bitte mit dem Orchester hinten durch den Personaleingang raus. Wenn dann ein Gast dasteht, ist es ein echter Freund für die Zukunft. Nach meiner Zeit im „Vier Jahreszeiten“ hätte ich auch Prantner-Hotels öffnen können. Das habe ich aber nicht gemacht, sondern eine „No-Name“-Firma gegründet. Es ist falsch, wenn man Bühnen für sich selbst missbraucht. Ich habe immer auf den Bühnen der nderen meine Rolle gespielt, egal ob ich Page oder Direktor war, und sie nie für mich beansprucht. Ich habe keine Familienfeiern im Hotel veranstaltet und auch nicht mit meiner Familie im „Vier Jahreszeiten“ gewohnt.STOL: Spiegeln Hotels Ihrer Ansicht nach ein Land wieder?Prantner: Auf jeden Fall. Mit meiner Firma bin ich in vielen Ländern vertreten und in jedem hole ich Gesellschafter und Manager aus dem Land in die Firma. 80 Prozent der Mitarbeiter vor Ort stammen in meiner Firma immer vom Standort selbst. Denn Hotels müssen zuallererst von der eigenen Bevölkerung akzeptiert werden. Sie trägt die Stimme hinaus. Jedes Hotel muss sich an seine jeweilige Umgebung anpassen, sehen, dass es dort eine Rolle spielt.STOL: Wie unterscheiden sich italienische Hotels von französischen, amerikanische von deutschen und von englischen?Prantner: Ich muss vorausschicken: Sehr viele Top-Hotels weltweit werden von internationalen Kapital- bzw. Aktiengesellschaften geführt. In solchen Hotels fehlt oft die Seele. Was Italien betrifft: In den 50er und den 60er Jahren war das Land in punkto Hotelmanagement weltweit mit der "Compagnia Grandi Alberghi Italiani" führend. Das war die beste Hotelkette der Welt. Heute ist Italien in der Hotelbranche zurückgefallen. Früher standen Gastfreundschaft, Freundlichkeit, das Dienen ohne devot zu sein im Mittelpunkt. Heute spürt man Übersättigung und Müdigkeit. Was Italien auch belastet: Die jungen Leute haben unsichere Jobs und können keine Zukunft planen. Das wirkt sich auch auf die Hotelbranche aus. Wer solche Mätzchen aus kurzfristiger Profitgier mitmacht, der schneidet sich selbst die Füße ab. In einem Hotel braucht man Mitarbeiter mit Wiedererkennungseffekt. Manager und Inhaber haben schließlich nicht jeden Tag direkten Kontakt mit den Gästen, wohl aber die Angestellten.STOL: Hotels in Frankreich?Prantner: Eine Katastrophe. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt überhaupt nicht, weder in der Luxus- noch in der Economy-Klasse. In sehr wenigen Häusern wird noch Qualität gefordert, dabei kostet das Zimmer dort 600 oder 700 Euro. In Deutschland sind es für die gleiche Leistung 300 Euro. Frankeich muss an sich arbeiten, todsicher.STOL: England?Prantner: Old fashioned. London ist sehr international und in der Provinz wiederholt sich der Prozess: Es gibt viele kleine und feine Häuser, die mit Liebe und natürlich in anglophilem Stil geführt werden. Leider hat sich aber viel Amerikanismus hineingeschlichen, z.B. in das Essen, das mit jenem auf dem Kontinent nicht zu vergleichen ist.STOL: Welche guten Hotels in Rom, London, Paris, New York, Peking, Indien und Shanghai empfehlen Sie?Prantner: In Rom das „Hassler-Villa Medici“. Auch das „Rocco Forte Hotel De Russie“ an der Spanischen Treppe ist empfehlenswert. In Paris ist das „Four Seasons V“ eine Perle, die man gesehen haben sollte. Auf der gleichen Ebene sind auch das „Bristol“, das „Ritz“ und das „Prince de Galles“. In Venedig sollte man ins „Cipriani“, nicht mehr in das „Danieli“. In London ist die Auswahl sehr groß. Ich gehe dort gerne ins „Dorchester“ oder ins „Claridge“. In New York ist das „The Pierre“ mein Favorit, sonst wohne ich im „Plaza“. In Peking ist das „Kempinski“ empfehlenswert, in Shanghai das „Carlton“ und in Bangkok das „Oriental“.STOL: Sehen Sie das Sieben-Sterne-Hotel Burj Al Arab als sinnvolle Krönung in der Kategorie der Luxusklasse-Hotels oder als unnötigen Auswuchs?Prantner: Das Burj Al Arabist für mich ein unnötiger wirtschaftlicher Auswuchs. Eine Rendite ist dort meilenweit entfernt.STOL: Sie waren als Direktor einerseits verantwortlich für die Bilanzen, die stimmen mussten, andererseits auch für all das, was man mit Zahlen in einem Hotel nicht erfassen und ausdrücken kann, was aber ein Luxushotel ausmacht. Wie haben Sie diesen Spagat geschafft?Prantner: Ich bin immer mit offenen Augen durch das Hotel gegangen, habe ein Stück Papier, das herumlag, selbst aufgehoben. Das mache ich auch heute noch in jedem Hotel so.STOL: Sie arbeiten schon lange nicht mehr im „Vier Jahreszeiten“, aber wenn etwas nicht in Ordnung ist, melden Sie sich beim Direktor?Prantner: Der Reklamationsordner in einem Hotel ist viel wichtiger als der Ordner mit dem Lob der Gäste. Ich mochte es noch nie, wenn ein Gast mir gesagt hat, alles sei in bester Ordnung und später hörte man hintenherum, dass das nicht stimmte. Wer zahlt, hat das Recht kritisch zu sein, zu sagen, was nicht in Ordnung war. Nur so hilft er dem Hotel weiter.STOL: Deutsche gelten in der Hotelbranche durchaus als sehr kritische Kunden.Prantner: Dazu kann ich nur sagen, dass Menschen, die mit möglichst wenigen Mitteln viel erreichen wollen, kritischer sind als jene, die gewohnt sind zu zahlen, was sie bekommen.STOL: Wenn Sie heute auf Ihre Karriere zurückblicken: Was sehen Sie?Prantner: Wenn man ganz ehrlich ist und sich immer vor Augen hält, dass das Beste und das Schlechteste passieren kann, ist man nie überrascht und hilflos. Das war schon meine Devise als junger Mensch. Dann ist man nicht euphorisch, wenn es läuft, aber auch nicht verzagt, wenn etwas passiert. Allerdings geht dadurch ein bisschen Qualität im Leben verloren.STOL: Gab es den Moment, in dem Sie gesagt haben: Ja, jetzt habe ich es geschafft, das ist der Moment, auf den ich hingearbeitet habe?Prantner: Nein. Ich habe schon in meiner Zeit als Direktor im „Vier Jahreszeiten“ meine Tätigkeit als selbständiger Unternehmer geplant, denn ich wusste, dass ich arbeiten will, bis ich im am Schreibtisch umkippe. Ich wüsste nicht, was ich ohne Arbeit tun sollte. Meine Arbeit ist wie gesagt mein Hobby. Wenn ich zwei Tage zuhause bin, bin ich bei meiner Frau flüssiger als Wasser, nämlich überflüssig. Ich hätte ja nach der Übernahme des „Vier Jahreszeiten“ durch den japanischen Investor Aoki im Jahr 1989 - er hat 215 Millionen D-Mark bezahlt - im Hotel bleiben können. Ich war der bestbezahlte Hotelmanager Europas.STOL: Also stimmt das mit dem Millionär doch...Prantner: (lacht) Nein, ich habe mein ganzes Geld in meine Firma gesteckt. Wir haben derzeit 1600 Mitarbeiter. Ich muss etwas bewegen, ich kann nicht ruhig bleiben.STOL: Nach Ihrem Abschied vom „Vier Jahreszeiten“ sind sie in der Hotelbranche geblieben. Sie haben mit einem Partner die RIMC GmbH gegründet.Prantner: Wir betreiben weltweit mehr als 50 Hotels. Das bedeutet, dass wir die Hotels unter ihrem jeweiligen Namen führen, sie aber nicht besitzen.STOL: Wie kann man ein Hotel, egal wo, so führen, dass es erfolgreich wird? Jedes Land ist anders.Prantner: Wenn wir in ein Land gehen, gründen wir dort eine Gesellschaft und holen uns erfahrene Manager des jeweiligen Landes, die sich auskennen. Das Personal, meist junge Leute, wird immer vor Ort von uns geschult.STOL: Ist es nicht so, dass es in vielen Hotels weltweit meist am Service mangelt?Prantner: Ja. Das liegt daran, dass diese Hotels Teile großer Hotelketten sind, die Kapitalgruppen, also Fonds, gehören. Dort zählt die Rendite, nicht die Menschen. Die Hoteldirektoren können ihren eigentlichen Aufgaben nicht nachkommen, sie sind Befehlsempfänger, die den Druck von oben nach unten weitergeben. Wenn man sich als Hoteldirektor in kritischen Situationen gegenüber dem Kapital nicht durchsetzen kann, wird eben sofort Personal entlassen. Das habe ich noch nie getan, auch nicht in Krisenzeiten.STOL: Sie haben eine außergewöhnliche Karriere gemacht. Was war der Preis dafür?Prantner: Ich hatte keine Kindheit und konnte durch mein ständiges Unterwegssein lange Zeit keine langfristige Bindungen aufbauen. Erst in Hamburg konnte ich Wurzeln schlagen. Erst hier konnte ich einen echten Freundeskreis aufbauen, Freunde, die nicht nur Passanten waren. Das Schlimmste aber war, dass ich als Vater bestimmt kein Vorbild war. Ich habe die gesamte Verantwortung meiner Frau übertragen. Zuhause war ich selbst oft in einem gewissen Sinne der Besucher. Wenn am Sonntag am Frühstückstisch heftig diskutiert wurde, musste ich manchmal auf den Tisch klopfen und sagen: Ich bin auch noch da. Zu meiner Frau, mit der ich seit mittlerweile 47 Jahren verheiratet bin, habe ich gesagt: Du übernimmst die Verantwortung für die Familie, ich übernehme im Hotel die Verantwortung für die Mitarbeiter und deren Familien. Das hat sie akzeptiert und das war mein Glück. Bei meinen mittlerweile vier Enkeln versuche ich die Vaterrolle nachzuholen, was sehr gefährlich ist, denn mein Sohn und mein Schwiegersohn sind nicht glücklich darüber. Ich verwöhne die Kinder.STOL: Sie sind Ihren Weg gegangen und hatten Erfolg. Sehen Sie sich als Beispiel?Prantner: Nein, ich würde es niemandem empfehlen, eine so krasse Karriere zu machen. Der Kopf arbeitet 24 Stunden, man kann nicht abschalten.STOL: Was würden Sie heute anders machen?Prantner: Ich würde heute als junger Mann etwas mehr studieren, um später etwas mehr Freizeit zu haben.STOL: Also würden Sie die Lateinprüfung heute doch machen...Prantner: (lacht) Ich würde heute Hindu oder Russisch lernen.STOL: Sie haben in Hamburg Wurzeln geschlagen. Wo ist Ihre Heimat?Prantner: Das werde ich oft gefragt. Im Herzen ist es Südtirol, aber Heimat ist für mich Hamburg. Die Sehnsucht nach dem Ort meiner Herkunft ist aber sehr groß. Mit meinem Bruder bin ich einmal für drei Tage nach Brixen zurück - wir waren im "Elephant" - um alte Erinnerungen aufleben zu lassen. Wir sind viel herumgefahren und ich würde, wenn ich könnte, gerne zwischen Hamburg und Brixen pendeln, aber das geht nicht. Ich bin geschäftlich in sieben Ländern auf mehreren Kontinenten tätig und expandiere in Indien, Russland, Israel und der Türkei. Deshalb lohnt es sich nicht für mich, eine Wohnung in Südtirol zu nehmen.STOL: Haben Ihre Kinder noch Bezug zu Südtirol?Prantner: Leider nein.STOL: Sie haben die große Zeit des Tourismus in den 50er Jahren in Meran miterlebt. Wie haben Sie diese Jahre in Erinnerung?Prantner: Es war eine glorreiche Zeit. Meran war eine internationale Destination mit großen Hotels wie dem „Emma“ und dem „Palace“. Das Meraner Pferderennen war sehr berühmt. Die Stadt zog Touristen aus der ganzen Welt an. Meran war international, heute ist die Stadt deutsch geprägt.STOL: Warum hat Meran dieses Flair verloren?Prantner: Kein großes Meraner Hotel war weltweit aktiv, alle haben nur darauf gewartet, dass die Tür aufgeht und die Gäste hereinstolpern. Die Meraner Hotelbranche hat es verschlafen, die Nachfolge der Kunden zu sichern. Hotels müssen immer diejenigen sein, die ihren Standort verkaufen.STOL: Wie sehen Sie Meran heute?Prantner: Südtirol ist eine ewige Destination, die Landschaft ist traumhaft. Allerdings werden in Meran einige sehr schöne Hotels in privater Hand nicht international vermarktet. Das können nur große Hotels machen, die auch weltweit akquirieren. Häuser wie das „Palace“ müssen Zugpferde für den Tourismus der ganzen Stadt sein. Wenn sich drei oder vier große Hotels in Südtirol gemeinsam als Lokomotiven vorspannen, dann dient das dem gesamten Südtiroler Tourismus. Und wenn die deutschen Touristen ausbleiben, etwa weil es in Deutschland kriselt, dann hat Südtirol ein Problem.STOL: Wohin bewegt sich der Tourismus in den kommenden Jahren?Prantner: Der Trend der kommenden Jahrzehnte ist die Renaissance von Orten wie Meran, Corvara und Cortina. Die Hoteliers müssen sich darauf einstellen, dass viele Menschen 90 oder 100 Jahre alt werden. Mit 65 gehen sie in den Ruhestand und müssen etwas für ihre Gesundheit tun. Das bedeutet, dass die Zeiten der Bäder und Thermen wiederkommen werden, immer vorausgesetzt, die Standorte - ich denke auch an Baden Baden, Montecatini oder Evian -, haben sich erhalten und wurden nicht vom Straßenverkehr kaputtgemacht.STOL: Sie haben den Blick auf Südtirol von außen. Was sehen Sie?Prantner: Ich beobachte Südtirol laufend und bin auch immer wieder im Land. Südtirol hat eine große Zukunft. Die langfristige touristische Entwicklung des Landes sehe ich gewährleistet, wenn man wieder internationaler wird. Dazu gehören dann auch ein paar größere Hotels, in die die jungen Südtiroler, die im Ausland Erfahrung gesammelt haben, zurückkehren können, um Karriere zu machen. Das ist ein Muss. Und man muss überlegen, wie man einige wunderbare kleine Hotels erhalten kann, wenn die Erben kein Interesse haben. Solche Häuser könnte man zentral managen, damit sie wirtschaftlich erhalten bleiben. Allerdings sehe ich auch die Gefahr der Banken, die das heutige Niveau nur dann stützen können, wenn der Scheck aus Rom kommt. Sonst sieht es finster aus.STOL: Gibt es in Südtirol Spitzenhotels?Prantner: Es gibt in Südtirol sehr viele Hotels, kleine und große, in denen sich die Eigentümer damit identifizieren. Ich erinnere mich an die Familie Nestl im "Erika" in Dorf Tirol. Ich war erstaunt, mit welcher Sorgfalt sie mit den Gästen umgegangen ist. Gleiches gilt für die Familie des „Finsterwirt“ in Brixen oder für das „Hotel Elephant“ in Brixen, bei dem es mir Leid tut, dass es nicht wieder weltweit auffällt. Das sind ausgezeichnete private Häuser und es gibt ja zurzeit eine Renaissance der Boutique-Hotels. Das sind Häuser mit 60 oder 70 Zimmern, die vom Inhaber selbst geführt werden müssen.STOL: Haben Sie in Südtirol investiert?Prantner: Das „Sheraton“ in Bozen wurde damals von mir mit den Herren Pichler und Alber mitinszeniert. Für mich war es aber ein begrenztes Engagement. Ich konnte kein Geld in Hotels stecken, ich musste mit RIMC expandieren. Heute bin ich in Südtirol geschäftlich nicht aktiv, aber ich hoffe ja immer noch, dass ich jemanden finde, der in Südtirol rechtzeitig eine RIMC-Filiale eröffnet um einige der wundervollen kleinen Hotels, die es alleine nicht mehr schaffen, zusammenzuführen.STOL: Wo sehen Sie Probleme im Tourismus in Südtirol?Prantner: Wenn in einem Hotel die dritte Generation nicht mehr Lust hat, für ihre Gäste früh aufzustehen und spät schlafen zu gehen und dafür Leute von außen holt, dann geht das Landestypische ebenso verloren wie eine gewisse Geborgenheit. Ich erlaube mir eine konstruktive Kritik: Meiner Meinung nach hat sich in Südtirol eine gewisse Überheblichkeit eingeschlichen. Das ist eine Gefahr, todsicher. Dem kann man entgegenwirken, wenn man das erkennt und gezielt Menschen für die Branche aufbaut.Interview: Rupert Bertagnolli