Karin Hofer schildert die Ereignisse, die ihre Partnerschaft und Familie auf eine harte Probe gestellt haben. <BR /><BR />Wie in den allermeisten Südtiroler Familien verging auch bei Stefan Obexer (51) und Karin Hofer (54) die Zeit sozusagen im Fluge. Er ging seinem Beruf als selbstständiger Kaminkehrer nach, sie ist diplomierte Ernährungstherapeutin, zusammen hat das Brixner Paar 3 Söhne großgezogen (26, 23 und 14 Jahre). Dann kam der Tag, an dem das Schicksal zuschlug, hart und unangekündigt. Innerhalb eines kurzen Moments wurde die Familienidylle schwer getroffen. „Es war am 27. April 2023, als es uns sozusagen den Boden unter den Füßen weggezogen hat und wir uns schon mit dem Allerschlimmsten konfrontiert sahen“, sagt Karin und schildert gefasst die Vorkommnisse. Die Begebenheiten der dramatischen Kehrtwende haben sich unweigerlich in ihr Gehirn eingebrannt. <BR /><BR /><b>Instinktiv tut man das Richtige</b><BR /><BR />Wie üblich war Stefan nach der Arbeit nach Hause gekommen und stieg unter die Dusche, während sie das Abendessen zubereitete. Plötzlich vernahm Karin einen undefinierbaren Knall. Instinktiv rannte sie zur Dusche, dort fand sie ihren Mann, zitternd und zusammengesackt. „Er lag dort mit einem epileptischen Anfall, ich verstand gleich den vollen Ernst der Lage, weil ich als Ernährungstherapeutin die Symptome einzuschätzen wusste“, blickt sie zurück. Zuvor hatte Stefan nie etwas dergleichen gehabt. Wenngleich unter Schock, aktiviert man in solchen Momenten wohl ungeahnte Kräfte und tut instinktiv das Richtige. Die Rettung wurde verständigt, die umgehend herbeigeeilte Notärztin kümmerte sich um den zitternden Mann, der einen weiteren Anfall bekam. Auch der jüngste Sohn war Zeuge des Geschehens. <BR /><BR /><b>„Wir müssen schauen, ob er die OP schafft“</b><BR /><BR />Vom Brixner Krankenhaus wurde Stefan zur neurochirurgischen Abteilung des Bozner Krankenhauses überstellt, dort wurde eine Not-OP durchgeführt. „Der Arzt sagte, man müsse erst schauen, ob er die OP schafft“, sagt sie und ergänzt: „Er hat sie geschafft.“ Eine massive Gehirnblutung, im Fachjargon Aneurysma, hatte den Zusammenbruch ausgelöst.<BR /><BR /><b>6 Monate zwischen Hoffen und Bangen</b><BR /><BR /> Für 4 Tage lag Stefan im Koma, danach folgten mehrere Komplikationen, er war halbseitig gelähmt, musste künstlich beatmet und mit einer Sonde ernährt werden, die Ärzte enthielten sich jeglicher Prognose. Das zog sich über Wochen so hin. Stefan erwies sich als Kämpfernatur, in der Neuro-Rehabilitation des Sterzinger Krankenhauses machte er große Fortschritte, im September 2023 konnte er wieder nach Hause. <BR />6 Monate Leidenszeit, 6 Monate absoluter Ausnahmezustand für die 5-köpfige Familie, 6 Monate zwischen Hoffen und Bangen. „Zur Verwunderung aller Ärzte hat er sich sehr gut erholt, er kann wieder normal schlucken, sprechen und gehen“, schildert Karin heute, etwas mehr als 2 Jahre später. Ab und zu tue er sich schwer, gewisse Dinge zu merken, mache aber auch hier große Fortschritte. <BR /><b><BR />Was bleibt, ist ein Gefühl der Dankbarkeit</b><BR /><BR />Fragt man Karin heute, was dieser Schicksalsschlag in ihrem Leben bewirkt hat, so hat sie sofort ein Wort parat: Dankbarkeit. „Ich habe in dieser Zeit viel Unterstützung von Familienmitgliedern und Freunden bekommen und habe gelernt, dass man nichts für selbstverständlich nehmen darf.“ Das Widerfahrene habe sie und ihren Mann überaus hart getroffen, allerdings habe die Beziehung auch eine neue Qualität bekommen. „Das hat mit bewusstem Wahrnehmen von Details füreinander zu tun, so manche Gespräche sind sehr tiefgründig“, erklärt Karin, die aus den mitfühlenden Worten und Gesten ihres Umfelds viel Kraft gezogen hat. Zeichen des Trostes, Mitgefühl oder einfach nur aufmerksame Nachfragen empfindet sie als wertvolle zwischenmenschliche Zeichen. <BR />Eine besondere Aufmerksamkeit kennzeichne nun nicht nur die Partnerschaft, sondern sei generell im Alltag präsent. Wie Karin erklärt, schwingt auch immer etwas Sorge mit. Gerade dann, wenn Stefan wieder unter die Dusche steigt, vernimmt sie zuweilen ein beklemmendes Gefühl. Es sei wichtig, darüber zu sprechen, meint sie. Als hilfreich erweist sich zudem die psychologische Betreuung, die sie gleich nach dem Vorfall in Anspruch genommen hat. <BR /><BR /><b>Die Kraft von Grenzerfahrungen</b><BR /><BR />Grundsätzlich hat der Schicksalsschlag die Familie enger zusammengeschweißt, man schaue aufeinander und erkundige sich öfter nach dem gegenseitigen Wohlbefinden. Die Ereignisse vom 23. April 2023 haben ihrer Partnerschaft eine ungeahnte Wendung und zugleich eine neue Qualität verliehen. „Zunächst habe ich mir gewünscht, dass alles wieder so wird, wie es vorher war. Das ist nicht der Fall, unser Leben ist eng mit diesen Erfahrungen verknüpft. Es ist jetzt anders, aber es ist gut so, wie es ist.“ Karin und Stefan wissen, wie es ist, wenn sich innerhalb eines Moments alles ändert. Und sich die Dinge letztlich doch zum Guten wenden. Es sind wohl gerade solche Grenzerfahrungen, welche das Leben und all das, was man hat, in einem noch kostbareren Licht erscheinen lassen.