<b>Von Maria Cristina De Paoli</b><BR /><BR />Von Klausen über das Tinnetal bis zum Tschifnar-Hof knapp unterhalb von Latzfons ist es eine (gefühlte) Weltreise. Doch wenn man bei der allerletzten Kreuzung auch noch falsch abbiegt und anschließend – nicht nur sprichwörtlich – über Stock und Stein muss, wird die Fahrt zum wahren Abenteuer. Deshalb steht Maria Gebhard nicht nur die Wiedersehensfreude ins Gesicht geschrieben, wenn sie endlich bei Zwillingsschwester Johanna ankommt, sondern auch eine gewisse Erleichterung. <h3> Dieselben Augen</h3>„Das ist heute noch gut ausgegangen“, wiederholt die 100-Jährige immer wieder, während sie bei Kaffee und Kuchen aus ihrem langen Leben erzählt. Johanna Gebhard sitzt dicht neben ihr, sie hört aufmerksam zu und hält irgendwann sogar Marias Hand. Dieselben Augen, die gleiche Körperhaltung, dasselbe verschmitzte Lächeln – Moidl und Hanne, wie sie daheim und im Dorf genannt werden, gleichen sich sehr.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1012737_image" /></div> <BR /><BR /> „Früher hat man uns kaum auseinandergekannt“, sagt Maria. „Sogar unsere Mutter musste mir – oder war es Hanne? – ein Ringele anstecken, um uns zu unterscheiden.“ Moidl lacht oft, spricht gern und klatscht immer wieder in die Hände, wenn sie sich über etwas freut. Johanna wirkt, zumindest auf den ersten Blick, ernster, stiller. „Sie hatten beide kein einfaches, aber auch ein recht unterschiedliches Leben“, erklärt die jüngere Schwester Kreszenz (91), die ebenso auf Besuch ist und ebenso in Hannas warmer Stube auf dem Sofa sitzt. <BR /><h3> Viel gearbeitet</h3>Maria Gebhard hat jung geheiratet, anschließend mit Ehemann Anton Rungger und Sohn Leo in Klausen und später in Brixen gelebt. In der Bischofsstadt wohnt sie heute noch – seit Leos Tod bei Enkel Christian. Anton arbeitete bei der Wildbachverbauung, Maria als Tagewerkerin bei benachbarten Bauern. Im Unterschied zu ihrer Zwillingsschwester blieb Johanna ihr Leben lang in Latzfons. <BR /><BR />Mit 42 heiratete sie den 3 Jahre älteren Sigmund Mair, ein Jahr später wurde Tochter Hermine geboren. Auf dem Tschifnar, wo sie seit der Hochzeit zu Hause ist, wohnten damals noch ein älterer Schwager und eine Schwägerin mit 4 Kindern. Wieder erzählt Schwester Kreszenz: „Sigmund ging in Klausen zur Arbeit, und Hanne kümmerte sich hier um alles und alle.“ Um Hof und Vieh, um ihre eigene kleine Familie und um die Verwandtschaft. „Wir haben immer viel gearbeitet“, sagt Johanna und wiederholt es gleich nochmals. „Immer viel gearbeitet.“ <h3> Früh im Dienst</h3>Die Wege von Moidl und Hanne haben sich schon früh getrennt. Der väterliche Waldwieser-Hof war zu klein, um die zehnköpfige Familie zu ernähren. „Wir hatten ja nur zwei Kühe im Stall“, sagt Kreszenz. Mit neun Jahren mussten die Zwillinge, wie die anderen Geschwister auch, „in Dienst gien“. Die Mädchen haben „gekindst und gehietet“, wie Maria erzählt, und Johanna weiß noch: „Wir hatten einmal einen wilden Bock, vor dem ich mich sehr fürchtete.“ <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1012740_image" /></div> <BR /><BR />Selbst zu Weihnachten durften die Kinder nicht nach Hause. „Nur ab und zu kamen sie am Sonntagnachmittag für ein paar Stunden auf Besuch“, sagt Kreszenz, die am längsten von allen daheim wohnen durfte. Bis zu deren Tod hat sie sich um die Eltern gekümmert, „und dann war ich noch 13 Jahre lang die ,Haiserin’ meines Bruders.“ Als dieser selbst heiratete, ging auch die Zenzl.<h3> In den 1930er-Jahren</h3>Die Bauernfamilien, für die sie arbeiteten, waren meist gut zu ihnen, Heimweh kannten Maria und Johanna nicht. In den 1930er-Jahren und später während des Krieges hatten Südtiroler Bergkinder wohl andere Sorgen. Der Schulweg war ein stundenlanger Fußmarsch, die Unterrichtssprache war Italienisch, und spätestens nach der fünften Klasse Grundschule wurden viele ausgeschult – auch Moidl und Hanne. Die Gebhards waren Dableiber. „Wenn sie alle gehen, dann gehen wir auch“, zitiert Kreszenz ihren Vater Peter. „Aber so lange nicht alle gehen, bleiben wir.“ Bruder Peter, Jahrgang 1926, hätte fast einrücken müssen. Aber er hatte Glück.<h3> Immer gesund </h3>Und als glücklich schätzt sich auch Maria Gebhard Rungger. Das ist zumindest der Eindruck, den sie vermittelt. Sie geht zwar mit Stock, die steilen Treppen zu Johannas Wohnung schafft sie aber problemlos allein, sie hilft beim Zusammenlegen der Wäsche und beim Abspülen, betet jeden Tag zwei Rosenkränze und geht am Sonntag gern in die Kirche, „wenn mich jemand mit dem Auto fährt“. Ihr ganzes Leben war die zierliche Frau, die sich ihren Zopf noch immer selbst flicht, kein einziges Mal im Kino und – was wohl wichtiger ist – keinen einzigen Tag im Krankenhaus. Sohn Leo wurde zu Hause geboren.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1012743_image" /></div> <h3> Wallfahrten nach Maria Trens und Weißenstein</h3> „Als ich mir vor Jahren den Arm brach, war der Knochen nach nur 14 Tagen wieder zusammengewachsen.“ Bei der Kontrollvisite habe sich der Arzt sehr gewundert. Und wieder ist da dieses verschmitzte Lächeln, und wieder klatscht sie in die Hände. Hochzeitsreise hatten Maria und Anton keine. Geheiratet wurde um 6 Uhr früh, anschließend gab es zu Hause Kaffee und Krapfen, und das war’s auch schon. Zu den Höhepunkten in ihrem Leben zählen die Wallfahrten nach Maria Trens und Weißenstein und die Prozessionen ins Sarntal. Ob sie jemals in Innsbruck oder Trient war? Die ältere der beiden Gebhard-Zwillinge – „Ich wurde kurz nach Mitternacht, Hanne um 9 Uhr morgens geboren“ – schüttelt belustigt den Kopf. Sie habe Südtirol noch nie verlassen. Warum sollte sie auch? <h3> Blick auf die Uhr </h3>Immer wieder schaut Johanna Gebhard Mair auf die große Wanduhr über ihrem Kopf. Sie will eine Sendung im Radio nicht verpassen, so wie sie sich genau an die Uhrzeiten der verschiedenen Gottesdienste erinnert. Bis vor kurzem wohnte Hanne noch allein und selbstständig auf Tschifran. Jetzt ist „Badante“ Vera bei ihr. Einmal im Monat kommt auch Tochter Hermine für ein Wochenende nach Hause. Sie lebt mit der Familie in Telfs. Das Foto von Tochter und Enkelin Jennifer steht auf dem Beistelltisch am Fenster. Gleich daneben klingelt gerade das Telefon: ein Anruf von Hermine. Hanne antwortet, erzählt kurz vom Besuch, vom Kuchen und vom Kaffee. Moidl beobachtet sie staunend und kommentiert: „Sie hört alles, besser als ich.“ <BR /><BR />Zum Schluss fehlt nur noch die obligatorische Frage zu jedem 100. Geburtstag: Was ist das Geheimnis eines so langen Lebens? „Ein bisschen Arbeit, ein bisschen Essen, zufrieden sein und beten“, sagt Maria. Und Johanna stimmt ihr nickend zu. <BR />