Freitag, 06. Mai 2016

Papst Franziskus: "Migrantsein ist kein Verbrechen"

Papst Franziskus ist am Freitag für seine besonderen Verdienste um Europa mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet worden. In seiner Rede im Apostolischen Palast in Rom rief er angesichts der Flüchtlingskrise zu einem neuen Humanismus auf.

Papst Franzsikus hat den Karlspreis für besondere Verdienste um Europa erhalten.
Papst Franzsikus hat den Karlspreis für besondere Verdienste um Europa erhalten. - Foto: © APA/AFP

Er träume „von einem Europa, in dem das Migrantsein kein Verbrechen ist“, so der Papst. Die EU-Spitzen würdigten für seine „neuen Visionen“. Er träume von einem Europa, das die Rechte der Einzelnen fördert und schützt, ohne die Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft außer Acht zu lassen, sagte das Kirchenoberhaupt.

„Ich träume von einem Europa, von dem man nicht sagen kann, dass sein Einsatz für die Menschenrechte an letzter Stelle seiner Visionen stand.“ Die Zuhörer im Vatikan erhoben sich und würdigten Franziskus mit starkem Applaus.

Zugleich rief der Pontifex dazu auf, sich an die Ideale der Gründerväter Europas zu erinnern. „Sie hatten die Kühnheit, nicht nur von der Idee Europa zu träumen, sondern wagten, die Modelle, die bloß Gewalt und Zerstörung hervorbrachten, radikal zu verändern“, sagte er. „Heute mehr denn je regen sie an, Brücken zu bauen und Mauern einzureißen.“

Der Papst erinnerte in seiner Rede, der neben der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und dem spanischen König Felipe VI. auch die EU-Spitzen beiwohnten, die Politik daran, dass sie vor der grundlegenden und nicht verschiebbaren Arbeit der Integration stehe.

"Hoffnungsträger in stürmischen Zeiten"

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz bezeichnete Franziskus als Hoffnungsträger in stürmischen Zeiten. Die Flüchtlingsfrage sei eine „epochale Herausforderung“. Deshalb brauche es Frieden, Solidarität und gegenseitigen Respekt – dies müsse vertieft werden, und „nicht was uns trennt“. Der Papst stehe für „das, was uns einigt“.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker dankte dem Papst dafür, dass dieser als „Mahner“ Europa ins Gewissen rede. Immer wieder rufe er die ursprünglichen Werte Europas ins Gedächtnis.

EU-Ratspräsident Donald Tusk würdigte Franziskus für dessen neue Vision der Kirche. „Ich bin zutiefst überzeugt, dass heute in diesen unsicheren Zeiten tief greifender Veränderungen und dramatischer Herausforderungen alle Gläubigen und Nichtgläubigen eine Kirche brauchen, die niemanden ausschließt, sondern vielmehr alle einschließt“, betonte der Pole.

Merkel sagte nach der Verleihung, dass sie die Worte des Papstes als Ermutigung empfunden habe. Er habe deutlich gemacht, dass Europa als reicher Kontinent „vor allem Menschlichkeit und die humanitäre Aufgabe“ nicht vergessen dürfe. Vor dem Festakt empfing Franziskus die Kanzlerin und die EU-Spitzen zu einer Privataudienz.

Erster Papst als regulärer Karlspreisträger 

Franziskus erhielt die renommierte Auszeichnung für seine ermutigenden Worte und seine Verdienste um den Kontinent. Er sende eine Botschaft der Hoffnung aus und gebe den Europäern Orientierung, hieß es zur Begründung. Der Papst sei „eine Stimme des Gewissens, die uns mahnt, bei all unserem Tun den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen“.

Der Argentinier ist der erste Papst, der den regulären Karlspreis erhält. Johannes Paul II. war 2004 ein außerordentlicher Karlspreis verliehen worden.

Der Internationale Karlspreis zu Aachen wird seit 1950 für besondere Verdienste um Europa und die europäische Einigung verliehen. 1995 wurde der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky mit dem Preis ausgezeichnet. Der Preis ist nach Karl dem Großen (747/748-814) benannt, der auch in Aachen residierte. Der Herrscher wird oft als erster Vordenker des geeinten Europas gesehen.

apa/dpa/afp/reuters

stol