Warum, und was er jungen Menschen mitgeben möchte, erklärt der Brixner im Interview.<BR /><BR /><b>Trotz der neuen Musikpläne mit Frei.Wild scheint Sie das Buch „Freiheit mit Narben“ nicht loszulassen. Warum die Vorstellung an einer Schule? Warum ist Ihnen das wichtig?</b><BR />Philipp Burger: Nun, all die Lesungen, mittlerweile dürften es weit über 50 sein, haben sehr viel bewirkt und ich muss zugeben, mit derlei tollem und spannendem Feedback hätte ich im Leben nicht gerechnet. In Deutschland war ich schon in Schulen zu Gast, zudem bekomme ich dadurch, dass mein Buch „Freiheit mit Narben“ ja auch Teil des bayrischen Religionsunterrichts ist, auch viele Zuschriften von Schülern, Lehrern und Eltern. In Südtirol ist es das erste Mal, dass ich eine Lesung vor Schülern mache. Vor allem die Gespräche mit Lehrern und Schülern, egal welchen Alters, haben mir gezeigt, dass die Themen „Umgang mit eigenen Fehlern“, aus Krisen Chancen machen und vor allem das Thema Wertschätzung für die Unterstützung anderer auch heute noch sehr große Felder zu sein scheinen. <BR /><BR /><b>Warum gerade das Vinzentinum in Brixen?<BR /></b>Burger: Das Vinzentinum bedeutet mir, nicht nur weil ich Brixner bin, mehr als andere Schulen. Meine Großeltern väterlicherseits haben ihr ganzes Leben in der Vinz-Landwirtschaft gearbeitet, meine Schwester hat dort als Lehrerin gearbeitet und meine beiden Töchter waren und sind ebenso Vinzentinum-Schülerinnen. Ich freue mich jedenfalls sehr auf diese Lesung, anders als meine Tochter, die sich natürlich schämt, ihren Vater in ihrer Schule, vor ihren Schulkollegen und Lehrern bei der Buchlesung zu sehen (lacht).<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1129404_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was wollen Sie den Schülerinnen und Schülern mitgeben? Auf welche Themen werden Sie vorrangig eingehen?<BR /></b>Burger: Ich spreche über meinen Weg in und aus der rechten Szene, die Beeinflussung von jugendlicher Rebellion, Songtexten, Alkohol und Gruppendynamik, aber auch von Krisen, Misserfolgen, Erfolgen, Freundschaft, Familie, Glaube und meine Überzeugung, dass die Gesellschaft einen wahnsinnig großen Fehler lebt, zweite Chancen nur sehr selten zu geben. Ich meine, Menschen für ihre Fehltritte der Vergangenheit lieber zu kritisieren und an Ränder zu drängen, statt ihnen die offene Hand zu reichen, ihnen ein Fangnetz aufzustellen, um sie erst recht wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzuholen. Alles andere macht schlichtweg keinen Sinn.<BR /><BR /><b>Sie sind als Jugendlicher in die rechtsextreme Szene abgedriftet. Inwiefern versuchen Sie, Jugendlichen einen anderen Weg als den Ihren zu zeigen?<BR /></b>Burger: Meine Erfahrung damals hat mich eines gelehrt: Je mehr wir als Jugendliche mit Bomberjacken und Springern argwöhnische Blicke, nach moralischer Überlegenheit klingende Worte, aber auch verschlossene Türen erfahren haben, desto größer wuchs der Widerwille, unser Leben im Abseits der Gesellschaft in Frage zu stellen und uns von dieser Szene zu lösen. Und das, obwohl wir wussten, dass wir auf dem Holzweg waren. Die größten Schalter legten jedenfalls die Menschen um, die mit uns auf Augenhöhe, mit Geduld in den Diskurs traten. Und nicht die, die uns das Gefühl gaben, dass wir es erst gar nicht wert sind, überhaupt mit uns zu sprechen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1129362_image" /></div> <BR /><BR /><b>„Bei vielen Menschen besteht überhaupt kein Interesse daran, etwaige Falschverurteilungen rückgängig zu machen“: Diese Aussage von Ihnen ist heute mit vielen Fake News aktueller denn je. Wie kann man Jugendliche ein wenig dafür sensibilisieren?<BR /></b>Burger: Es geht wie bei vielen dieser Fragen um viele Schalter, die es umzustellen gilt. Der wichtigste ist und bleibt der sicher bekannteste und älteste, nämlich der, erst mal offen und ehrlich vor der eigenen Haustür zu kehren und anzuerkennen, dass jeder Mensch zig Fehler begangen hat, große und kleine, diese auch begehen muss, um daraus zu wachsen und zu lernen. Der zweite Schalter nennt sich Unterschiedlichkeitsberechtigung: Wieso verdammt scheint es für viele Menschen so wichtig zu sein, dass alle ihre, die scheinbar gleiche Ansicht haben? Zu erkennen, dass wir alle anders artikuliert sind, andere Erfahrungen haben, für andere Werte brennen, würde vieles an Verzahntem lösen. Würde das gelingen, wäre das „Zeigefinger-Heben auf andere“, vor allem aber der Volkssport, auf andere draufzudreschen, weniger gefragt, als es jetzt scheint. <BR /><BR /><b>Welche Art von Reaktionen erwarten Sie sich von den Schülerinnen und Schülern in Brixen?<BR /></b>Burger: Ich lasse mich überraschen und bin gespannt, wer sonst noch so zu dieser Veranstaltung kommt. Ich freue mich jedenfalls auf alles und jeden.