Sonntag, 30. August 2015

Pinzette und Pinkeltüte: Wie Asiaten die Megastaus überleben

Viele Deutsche stöhnen über Dauerstaus – und versetzen Asiaten damit in Staunen. Köln ist mit 65 Stunden Stau im Jahr der deutsche Spitzenreiter – in Bangkok, Manila und Jakarta müssen Pendler wohl schon im Monat viel mehr ertragen. Aber es gibt Überlebensstrategien.

In asiatischen Länder ist Stau eher die Regel als die Ausnahme.
In asiatischen Länder ist Stau eher die Regel als die Ausnahme. - Foto: © APA/EPA

Die Megastädte Asiens stehen vor dem Verkehrskollaps. Chaotisches Wachstum, schmale Straßen, Zehntausende Zuzügler, mehr Autos durch wachsenden Wohlstand – das bedeutet: Auf den Straßen geht jeden Tag über Stunden nichts mehr. Zwei Stunden Anfahrt zum Büro sind nichts, sagen Einwohner im Großraum Bangkok (16 Millionen Einwohner, Thailand), im Großraum Jakarta (25 Millionen, Indonesien) oder im Großraum Manila (12 Millionen, Philippinen). Dagegen sind die 65 Stunden, die Autofahrer in Köln nach Berechnungen des Verkehrsdatenanbieters Inrix im vergangenen Jahr durchschnittlich im Stau verloren haben, ein Klacks. Wie überleben die Menschen in Asien das?

ZEITVERTREIB: Wie hat man Staus früher ohne Smartphone überstanden? Facebook oder YouTube haben zu Stoßzeiten besonders hohe Zugriffsraten. Aufladekabel fürs Auto gehören zu jeder Grundausstattung. Ajeng Sriyani ist die Verkehrs-Selfie-Queen von Jakarta: „Statt zu stöhnen mache ich liebe Fotos von mir im Stau und lade sie hoch.“ In Bangkok gibt es Autos mit Bildschirmen und Extra-Antennen, um Fernsehen empfangen zu können – eher für genervte Beifahrer gedacht.

SCHLAF NACHHOLEN: Im voll gepackten Minibus in Manila schlafen viele, die in aller Frühe aufbrechen, um einen Sitzplatz zu ergattern. Ungestörter Schlaf ist aber selten: „Ich bekomme oft Seitenhiebe, weil mein Schnarchen stört“, sagt Medardo Martinez in Manila.

SEELEN RETTEN: In manchem Minibus versuchen Prediger in Manila, ein paar Schäfchen auf der stundenlangen Fahrt auf den rechten Weg zu bringen. Sie donnern Bibelverse in den vollgepackten Bus („So seid nun geduldig, liebe Brüder“, Jakobus 5,7 etwa).

ESSEN: An jeder Straßenecke gibt es Stände mit Essen zum Mitnehmen. Fleischspieße, Snacks in Teigtaschen, Suppen mit Strohhalm. In Bangkok gibt es fürs Auto Esscontainer, mit angehängtem Löffel, die Essen warmhalten während die Klimaanlage auf Hochtouren läuft. Wenn es dann plötzlich weitergeht, ist Hilfe nötig: „Meine Frau füttert mich dann manchmal“, sagt Ari Budiman in Jakarta.

PERSÖNLICHE HYGIENE: Pinzetten, Wattestäbchen, Nagelscheren – mancher Autofahrer nutzt die Muße im Auto und den Rückspiegel, um lästige Nasenhaare zu entfernen, Ohren zu säubern, Pickel auszudrücken. Fahrerinnen legen Wimperntusche und Lippenstift auf, Beifahrerinnen schwingen auch schon mal den Nagellackpinsel.

AUTO-HYGIENE: In Jakarta klatschen manchmal ungefragt nasse Lappen auf die Scheibe. Flink spritzt jemand Seife auf, feudelt mit dem Lappen herum, wischt die Scheibe trocken – und verlangt dann ein „Trinkgeld“ für den Windschutzscheiben-Service.

STAU-GESCHÄFTE: Duftende Blütenkränzchen fürs Auto, Trinkwasser, Zeitungen – Verkäufer aller Art schlängeln sich zwischen den Autos durch und bieten alles feil, was tragbar ist. Hoch im Kurs stehen in Bangkok die, die eine Kühlbox umgehängt haben und eisgekühlte Getränke hervorzaubern. „Ich erledige mein Online-Shopping im Stau oder rufe Kunden an“, sagt Börsenmaklerin Minnie Bolot in Manila.

WENN IN NOT: In Manila waren mal „Jingle Bags“ Verkaufsschlager: Plastik-Pinkeltüten. Auch in Bangkok hält mancher Autofahrer die Nottoilette im Wagen bereit. In Jakarta halten schon mal schnöde Plastikflaschen dafür her. Kein Problem, wenn der Fahrer allein im Auto ist. Sonst: p-e-i-n-l-i-c-h.

DEM STAU EIN SCHNIPPCHEN SCHLAGEN: In Jakarta sind einige Fahrbahnen für Autos mit mindestens drei Insassen reserviert. An den Auffahrten stehen „Mitfahrer“, die sich für ein paar Cent dazusetzen. Beliebt sind Mütter mit Babys: Das zählt doppelt. In Bangkok schlängeln sich Moped-Taxis zwischen Autoreihen durch, fahren auf der Gegenspur, über den Bürgersteig – es geht schnell, ist aber nichts für zarte Seelen.

dpa

stol