Die Kirche durchlebt schwierige Zeiten, Gläubige wenden sich von ihr ab. Im anhaltenden Reformstau in der Institution Kirche ortet der Priester und Seelsorger Luis Gurndin eine der Ursachen. Gurndin plädiert dafür, mit Mut Neues zu wagen. <BR /><BR /><b>Was bedeutet für Sie persönlich diese Auszeichnung?</b><BR />Prof. Luis Gurndin: Ich freue mich und sehe sie als Anerkennung für meine Arbeit als Priester und Seelsorger. Rückblickend bin ich vor allem dankbar für all das, was mir im Leben geschenkt wurde, für die Aufgaben, an denen ich wachsen konnte, und nicht zuletzt auch für die Menschen, die mich auf meinem Weg begleitet haben.<BR /><BR /><b>Seit vielen Jahren sind Sie in der Seelsorge tätig. Welchen Zugang haben Sie zum Menschen?</b><BR />Gurndin: Wichtig war und ist es mir, in Kontakt mit den Menschen zu stehen. Die Begegnung und die Arbeit mit den Leuten machen mir Freude. Für die Menschen da zu sein, war letztlich auch der Grund, warum ich Priester geworden bin. Ich versuche den Menschen mit Respekt und auf Augenhöhe zu begegnen. <BR /><b><BR />Gibt es Momente und Menschen, die Sie geprägt haben?</b><BR />Gurndin: Dazu zählen mit Sicherheit die Jahre der Aufbruchstimmung in der Kirche – vor allem die Ideen, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausgingen. Nach der Diözesansynode 1970-73 wurde dann vieles davon umgesetzt. Prägend waren aber auch mein liebevolles Elternhaus, die Jahre im Johanneum und im Priesterseminar, der Austausch mit Priesterkollegen, die Arbeit in der Katholischen Jugend, Jungschar und Katholischen Frauenbewegung. Wichtig für mich war es, von zukunftsweisenden Theologen, wie Karl Rahner oder Adolf Exeler, zu lernen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-55618383_quote" /><BR /><BR /><b>Die Zeiten sind schwierig. Allein die Pandemie hat allen viel abverlangt. Woraus schöpfen Sie Hoffnung?</b><BR />Gurndin: Im Glauben, denn wir sind schlussendlich alle geborgen in Gottes Hand. Und es stimmt mich zuversichtlich, wenn ich sehe, wie viel Gutes passiert: Allein bei uns im Land gibt es so viele Männer und Frauen, die sich ganz selbstverständlich für den Nächsten engagieren. Oder denken wir an die Ärzte und das Pflegepersonal, sie leisten Großartiges.<BR /><BR /><b>Immer mehr Menschen scheinen sich von der Institution Kirche zu entfremden. Wieso?</b><BR />Gurndin: Die Gesellschaft hat sich verändert, sie ist offen und frei geworden, die Kirche aber hat es versäumt, mitzugehen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat notwendige Reformen in Gang gesetzt, aber unter den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. wurde dieser Reformwille deutlich eingebremst. Heute sind die Menschen frei zu denken, was sie wollen, sie stellen das Bild eines strafenden Gottes in Frage – und das ist auch gut so. Niemand soll und darf zum Glauben gezwungen werden. Die Menschen müssen durch Wort und Beispiel überzeugt werden. Die Finanz- und Missbrauchsskandale haben der Kirche in ihrer Glaubwürdigkeit massiv geschadet. Und: Der Reformstau hält an. Es spricht zum Beispiel nichts dagegen – vor allem nicht das Evangelium selbst – verheirateten Männern und Frauen den Zugang zum priesterlichen Dienst zu erlauben. Traditionen sind die guten Ideen von gestern. Es ist an der Zeit, neue Ideen zu wagen. <BR /><BR />