Der Konflikt zwischen der Primadonna Matteo Renzi und dem scheidenden Regierungschef ist in eine Fehde entartet, die an epische Duelle der Vergangenheit erinnert.Die Temperamente der beiden Jungstars im zerstrittenem Mitte-Links-Block könnten nicht unterschiedlicher sein. Während der populistische Senkrechtstarter Renzi wendig agiert und charismatisch auftritt, präsentiert sich der wortkarge Letta als gewissenhafter und zuverlässiger Staatsmann, der im „Dienste des Landes“ handelt. Doch die Unterschiede zwischen den beiden Hauptakteuren und Rivalen des PD sind nicht nur charakterlicher Natur, sie reichen bis in die turbulente Geschichte der Toskana zurück, der Herkunftsregion der Kontrahenten.Der von schier unbändigem Machtwillen getriebene Renzi stammt aus Florenz und amtierte dort seit 2009 als Bürgermeister, der zurückhaltende Letta aus Pisa. Rivalitäten zwischen den beiden toskanischen Städten gehen auf das 13. Jahrhundert zurück und sind legendär. Die beiden Renaissance-Mächte kämpfen seit jeher um den Titel der schönsten und reichsten Stadt der Region. Der gnadenlose Machtkrieg hat auch in der Volksweisheit Spuren hinterlassen. „Besser ein Toter im Haus, als ein Pisaner vor der Tür“, lautet ein Sprichwort, mit dem Florentiner unverblümt ihre Antipathie für die Nachbarn aus Pisa ausdrücken.Offene Aversion hat auch stets die Beziehungen zwischen dem altgedienten Parteifunktionär Letta und dem ambitionierten Nachwuchspolitiker Renzi geprägt, der offenbar tiefgründig die Werke seines Landsmanns Nicolo Machiavelli studiert hat und die Kunst der Macht bestens beherrscht. Letta macht keinen Hehl daraus, dass er für den Tatendrang des im Dezember zum PD-Chef aufgerückten Renzi, der ihn jetzt als Regierungschef ablösen und zum jüngsten Premier in der italienischen Geschichte avancieren will, wenig übrig hat.Präsident Giorgio Napolitano könnte Renzi im Rahmen eines „Staffelwechsels“ ohne vorherige Neuwahlen als neuen Ministerpräsidenten einsetzen. Eine solche Übergabe ohne Neuwahlen hatte etwa 1998 Massimo D'Alema als Nachfolger von Romano Prodi zum Regierungschef gemacht. Mit seinem Aktivismus und Ehrgeiz, der die verkrusteten parteiinternen Machtverhältnisse in der italienischen Linken überrollt, riskiert Renzi jedoch eine Spaltung in seinen eigenen Reihen. Er ist bereits ein Dorn im Auge all jener, die aus einem sozialistisch-kommunistischen Umfeld stammen und die Renzis politische Wendigkeit als suspekt betrachten. Zu ihnen zählen vor allem die Anhänger des früheren Parteichefs Pier Luigi Bersani, zu denen Renzi früh auf Konfrontationskurs ging.Renzi wird wiederholt vorgeworfen, nur im Dienste seines eigenen politischen Ehrgeizes zu handeln und dabei die Interessen des Landes zu ignorieren, das dringend politische Stabilität benötigt. Dem als „Macher“ bekannten Ex-Pfadfinder könnte sogar eine Spaltung seiner Partei drohen. Außerdem muss er sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, sich gegenüber dem Parteifreund Letta illoyal verhalten zu haben.Doch üble Nachrede befürchtet der selbstbewusste Renzi nicht. Schließlich weiß er, dass er laut Umfragen bei der Mehrheit der Italiener beliebt ist. 2,5 Millionen Mitte-Links-Wähler stimmten für ihn bei der Kür des PD-Vorsitzenden im Dezember. Zudem sind Zerreißproben für die italienische Linke nichts Neues. Ihre früheren Regierungen von 1996 bis 1998 sowie von 2006 bis 2008 brachen jeweils wegen interner Auseinandersetzungen zusammen. Das machte den Weg frei für eine Rückkehr des konservativen Regierungschefs Silvio Berlusconi. Doch das kümmert Renzi jetzt keineswegs. Denn der Florentiner Bürgermeister hat beste Beziehungen zu dem Medienunternehmer, mit dem er zuletzt eine Wahlrechtsreform entworfen hat. Dass Berlusconis Partei Forza Italia jetzt sogar einer Regierung Renzi beitreten könnte, wird in Rom nicht ausgeschlossen. Machiavelli lässt grüßen.apa