Freitag, 16. März 2018

Russland weist Diplomaten aus und ermittelt zu Giftanschlag

Russland ermittelt im Zusammenhang mit dem Giftanschlag in Großbritannien wegen „versuchter Ermordung” von Julia Skripal, der Tochter des ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal. Die Untersuchung sei am Freitag eröffnet worden, teilte das russische Ermittlungskomitee in Moskau mit. Als Reaktion auf die Sanktionen Londons weist Russland britische Diplomaten aus.

Sergej Lawrow kündigte Ausweisungen an. - Foto: APA (AFP/Archiv)
Sergej Lawrow kündigte Ausweisungen an. - Foto: APA (AFP/Archiv)

Der 66-jährige Skripal und seine 33-jährige Tochter Julia waren am 4. März in Salisbury südwestlich von London bewusstlos auf einer Parkbank aufgefunden worden. Sie befinden sich nach der Vergiftung weiterhin in einem lebensbedrohlichem Zustand.

Ermittlungen wegen Mordes wurden dem Komitee zufolge auch im Zusammenhang mit dem mysteriösen Tod des russischen Geschäftsmanns Nikolai Gluschkow eingeleitet. Er war diesen Monat tot in seinem Haus in London aufgefunden worden. Medienberichten zufolge arbeitete der ehemalige Vizechef der russischen Fluggesellschaft Aeroflot für Unternehmen des Kreml-Kritikers Boris Beresowski, der seinerseits 2013 unter ungeklärten Umständen nahe London gestorben war. In beiden Fällen sei man bereit, mit den britischen Behörden zusammenzuarbeiten, teilte das russische Ermittlungskomitee mit.

Für die britische Regierung steht fest, dass bei dem Anschlag auf Skripal und seine Tochter ein Gift der Nowitschok-Gruppe aus sowjetischer Produktion zum Einsatz kam. Deutschland, Frankreich, Großbritanniens und die USA werfen Russland vor, hinter dem Angriff zu stecken. London verhängte deswegen zusätzliche Strafmaßnahmen gegen Moskau.

Als Reaktion auf die Sanktionen Londons weist Russland britische Diplomaten aus

Außenminister Sergej Lawrow nannte zwar keine Zahlen, Russland werde diesen Schritt aber sicher gehen.

Der britische Außenminister Boris Johnson machte unterdessen Wladimir Putin für das Attentat auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal verantwortlich. Die Entscheidung für die Tat sei „höchstwahrscheinlich” von Russlands Präsidenten selbst getroffen worden, sagte Johnson. Der Zorn Londons richte sich gegen den Kreml, nicht gegen das russische Volk.

Kremlsprecher Dmitri Peskow wies die Vorwürfe umgehend zurück. „Jeder Verweis oder eine Erwähnung unseres Präsidenten in diesem Zusammenhang ist nichts anderes als eine schockierende und unverzeihliche Verletzung der diplomatischen Anstandsregeln”. Man habe bereits auf verschiedenen Ebenen mehrfach erwähnt, „dass wir nichts mit dieser Geschichte zu tun haben”, sagte Peskow.

Unterdessen laufen die Ermittlungen zu dem Giftanschlag in England auf Hochtouren. Nach britischen Medienberichten könnte das bei dem Anschlag verwendete Nervengift im Koffer der Tochter des Ex-Doppelagenten Sergej Skripal nach Großbritannien gelangt sein.

Wie die Zeitung „Daily Telegraph” meldete, prüfen die Ermittler derzeit die Theorie, dass ein Kleidungsstück oder ein Kosmetikum mit dem Gift imprägniert gewesen sein könnte, oder ein Geschenk, das im Haus von Skripal geöffnet worden sei. Damit hätten es die Verantwortlichen womöglich gezielt auf Skripals Tochter abgesehen, um an ihren Vater heranzukommen.

Krieg der Worte

Die diplomatische Krise zwischen Russland und Großbritannien spiegelt sich auch in einem Krieg der Worte und Zynismus wider. Russland setzt nach Worten Lawrows nun auch auf eine Aussage des Opfers. „Warum fragen wir nicht einfach den Betroffenen selbst, wenn es ihm hoffentlich besser geht?”, sagte Lawrow in Astana. „Wahrscheinlich kann er am ehesten Aufschluss über vieles geben, was an jenem Tag passiert ist, als die Tragödie geschah.”

Skripal (66) und seine Tochter Julia (33) kämpfen seit knapp zwei Wochen in einer Klinik um ihr Leben. Sie waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Stadt Salisbury entdeckt worden.

Lawrow kritisierte zudem die Rhetorik des britischen Verteidigungsministers Gavin Williamson als unflätig. „Wahrscheinlich will er mit seinen groben Worten in die Geschichte eingehen”, sagte der Chefdiplomat. Williamson hatte zuvor betont: „Russland soll weggehen und die Klappe halten.”

apa/dpa/ag.

stol