<b>Von Benedikt Mair</b><BR /><BR /> Hoch oben, gut verstaut zwischen Himmel und Erde, wartet bisweilen Hochprozentiges. Nachdem Andreas Mayerl das große runde Ding aus Metall aufschraubte und als erster Mensch seit vielen Jahrzehnten in sein Inneres blickte, staunte er nicht schlecht. „War glatt eine Flasche Schnaps drinnen“, sagt der Osttiroler. „Wie der nach all der Zeit geschmeckt hat? Keine Ahnung. Gekostet hab ich ihn dann lieber doch nicht.“<BR /><BR />Mayerl ist von Beruf Kirchturmdecker, mit eigener Firma in Dölsach und während seiner Laufbahn hat er schon Hunderte der großen runden Dinger aus Metall geöffnet. In diesen außen häufig vergoldeten Kirchturmkugeln, auf denen für gewöhnlich noch ein Kreuz thront, verbergen sich meist kuriose Schätze und interessante Fundstücke.<h3>Stille Post über Generationen hinweg</h3>„Auf 700 bis 800 Türmen war ich bislang oben. Und zu 99 Prozent liegt in den Kugeln eine Zeitkapsel“, sagt Mayerl. „Da sind dann meistens Münzen enthalten, auch Briefe, andere, manchmal sogar auf Pergament geschriebene Dokumente oder eben Spirituosen.“ Wobei letztere eher die Ausnahme seien.<BR /><BR />Bereits seit dem Mittelalter statten Bauarbeiter oder Pfarrer die Kirchturmkugeln mit Nachrichten für die Nachwelt aus. Bei Renovierungen werden die Kugeln aufgemacht und neue Botschaften oder Gegenstände hineingelegt. Eine Art Stille Post über mehrere Generationen hinweg.<BR /><BR />„Da oben verbergen sich Grüße aus der Vergangenheit“, sagt Martin Kapferer. Er ist Leiter des Archivs der Diözese Innsbruck und war vor einigen Jahren einmal selbst mit dabei, als in der Tiroler Landeshauptstadt eine Zeitkapsel geöffnet wurde. „In einer schön verlöteten Kupferhülse entdeckten wir unter anderem Kleingeld und ein Foto des alten Kirchenbaus.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1114239_image" /></div> <BR /><BR />Historisch wertvoll seien die Funde aus den Kirchturmkugeln selten, dafür „umgibt sie eine ganz andere Aura als jene Sachen, die in Archiven auftauchen“. Weil sie jahrzehntelang für alle Augen sichtbar, aber doch verborgen an einem schlecht erreichbaren Platz gelagert worden seien. Auch heute noch werde der Brauch gelebt, weiß Kapferer. „Ein paar Euro-Münzen werden sicher nach wie vor dazugegeben. Aber statt der Pergamente kommen Zeitungen rein oder immer mal wieder auch ein technisches Gerät.“<BR /><BR />Wenn Andreas Mayerl eine Kugel aufmacht, ist meistens der Ortspriester mit dabei – oder wie im Jahr 2019 am Mariendom in Linz der dortige Bischof, Manfred Scheuer, der dieses Amt auch in Tirol innehatte. „Dem übergab ich die Zeitkapseln auch. Das mache ich immer so“, sagt der Kirchturmdecker.<h3> Wissen, wer was macht</h3>Für Mayerl selbst machen die Mitteilungen aus längst vergangenen Zeiten den Reiz am Öffnen der Turmkugeln aus. „Besonders die Papierstücke, auf denen festgehalten wurde, wer da gerade Pfarrer war und wer Bürgermeister. Zudem ist oft notiert, was bei der bislang letzten Sanierung alles gemacht wurde. Oft steht in den Briefen auch drin, was ein Arbeiter verdient und wie viel gerade ein Laib Brot kostet“, weiß der Osttiroler. „Besonders lustig war der Fund in einer Kirche in Gröden. Da war eine Zeitungsseite mit Werbung für einen Kinderwagen drinnen.“