Zwölf Jahre lang war der Deutschnofner in der Ukraine zuhause, seit zwei Jahren lebt er in Moskau.Mehrfach war er schon auf der Krim: Dass sich die Mehrheit der Bewohner der Halbinsel bei der Abstimmung für Russland entschied, daran bestand für ihn kein Zweifel.„Die aktuelle Situation auf der Halbinsel wird von den Krim-Bewohnern derzeit eher geduldet, als dass man sie wirklich so haben möchte“, ist sich der 45-Jährige im Stol-Interview sicher. 60 Prozent der Krim-Bewohner sind russischstämmig, 25 Prozent sind Ukrainer.Dass der Westen Russland dennoch den erhobenen Zeigefinger zeigt, das kann Zelger nicht gänzlich nachvollziehen.Südtirol Online: Ukraine und Russland – Sie kennen beide Realitäten. Gibt’s große Unterschiede?Hans Zelger: Durchaus. Die Ukraine ist in den vergangenen Jahren zwischen den zwei großen Blöcken Europa und Russland verstärkt unter Druck geraten. Das Land konnte sich davon nie mehr richtig erholen. Derzeit befindet sich die Ukraine in einer sehr schwierigen Situation. Fakt ist: Sie ist gleich russisch wie der Rest der östlichen Länder, auch wie Russland. Nur erwartet man sich in der Ukraine durch eine Annäherung an Westeuropa ein Leben wie im Schlaraffenland. Ein Trugschluss, meines Erachtens.Stol: Seit zwei Jahren leben Sie in Russland. Spürt man im alltäglichen Leben, dass ein Machtmensch wie Putin den Staat regiert?Zelger: Nicht wirklich. In Russland ist die Aufregung um Putin viel weniger präsent als im Ausland – oder auch in den Medien: Letztere stürzen sich schon sehr auf die Figur Putin, berichten ständig darüber, was es mit ihm so auf sich haben soll. Im normalen Leben in Russland spürt man diese Kontroverse nicht. Auch ist es nicht so einfach, zu klären, ob Putin nun ein Machtmensch ist oder nicht.Stol: Wie meinen Sie das?Zelger: Ein Land wie Russland zu regieren, ist mit Sicherheit eine sehr schwierige Aufgabe. Wenn man nicht die entsprechende Macht hat und diese auch ausübt, dann hat man auch keinerlei Chance, sich in so einem Land zu behaupten. Russland ist ein Land, das heute noch nicht weiß, was „Demokratie“ an sich bedeutet. Für die aktuelle Situation braucht es sicher eine Regierung, die mit starker Hand alle Richtungen im Vielvölkerstaat zusammenhalten kann. Würde Russland auseinanderdriften, stiege auch das Risiko für kriminelle Bewegungen rasant. Deswegen: Ob Putin nun ein Machtmensch ist, oder ob dies positiv oder negativ zu bewerten ist, das kann man nicht so ohne weiteres sagen.Stol: Putin zensiert die Medien.Zelger: Es ist sicher Fakt, dass in Russland Medien zensiert werden. Ich bin mir dessen auch bewusst. Macht schafft das Bedürfnis nach Kontrolle. Da wird schnell überreglementiert. Das ist eine negative Seite, die besteht, die ich aber nicht annehmen muss.Stol: Wie informieren Sie sich?Zelger: Ich versuche, zusätzlich europäische und englische Medien zu konsumieren, auch online. Wobei in einer so kritischen Phase wie derzeit so viele unterschiedliche Standpunkte dargelegt werden, dass es schwierig ist, das alles für sich unter einen Hut zu bekommen.Stol: Wie ist generell die Stimmung in Russland – angesichts der Krim-Krise?Zelger: Natürlich merkt man, dass etwas im Gange ist und nimmt dies auch mit Besorgnis zur Kenntnis. Man ist der Auffassung, Gutes zu tun, indem man auf der Krim Hilfestellungen leistet, und spürt zugleich die negativen Auswirkungen: Der Wechselkurs ist im Vergleich zu Dollar und Euro abgesackt, die gesamte Privatwirtschaft leidet unter der Entwicklung. Auf der anderen Seite gibt’s riesiges Verständnis dafür, dass man versucht, auf der Krim einzugreifen und Ruhe ins Gebiet zu bringen. Klarerweise sieht man das Thema „Krim“ in Russland ganz anders als es der Westen sehen will.Stol: Nämlich wie?Zelger: Russland hat keine Krim-Krise. Man steht den Entwicklungen bloß wohlwollend gegenüber, zudem gibt es russischstämmige Bürger auf der Halbinsel, die es zu beschützen gilt. Auch herrscht die Meinung vor, dass das russische Militär auf der Krim nicht präsent ist. Dass die Streitkräfte, die im Einsatz sind, mit welchem Kapital auch immer angeheuert wurden. Warum die Krim nicht zu Russland gehört, dies können sowohl Russen als auch die meisten Krim-Bewohner nicht nachvollziehen. Das konnten sie nie. Dass dann die erstbeste Gelegenheit wahrgenommen wird, um die Zugehörigkeit zur Ukraine in Frage zu stellen, leuchtet ein.Stol: Ihre Meinung: Wem gehört die Krim?Zelger: Ich mache ein Beispiel: Südtirol ist auch dem eigentlichen Vaterland genommen und Italien zugeteilt worden. Hätten wir in Südtirol eine analoge Situation wie derzeit auf der Krim – Rom würde wieder unangenehme Töne gegenüber der deutschen Bevölkerung anschlagen und Österreich würde Hilfe anbieten – dann wäre das doch voll in Ordnung? Nun hat man allerdings kein Verständnis dafür, dass Russland der russischstämmigen Bevölkerung auf der Krim wohlwollend gegenübersteht und versucht, eine gewisse Entwicklung mitzugestalten. Und dies obwohl die Situationen sehr, sehr ähnlich sind.Stol: Die Entwicklungen auf der Krim sind also nicht Putins Griff nach Kontrolle und Macht?Zelger: Wer nach der Macht greift, ist aus meiner Sicht nicht so ganz klar. Die Amerikaner sind durch den Abhörskandal in der Gunst der Europäer ziemlich eingebrochen. Mit der Unterstützung Europas hinsichtlich der Ukraine könnten die USA ihr Image wieder aufpolieren. Dabei muss man aber bedenken: Die Aufgabe, die Ukraine wirklich zu unterstützen, würde später zum Großteil auf Europa lasten. Kein einfaches Unterfangen, bedenkt man wiederum, dass sich die Beziehungen zu Russland außerordentlich verschlechtern könnten. Dass Putin nur ein russischer Held sein will und sagt: „Die Krim will ich jetzt haben“ – so sehe ich’s mit Sicherheit nicht.Stol: Das Bild von Putin ist hierzulande doch sehr verbreitet.Zelger: Es wird auch so verbreitet. Bis vor 20 Jahren hat in Westeuropa niemand in Frage gestellt, dass der Westen gut und der Osten schlecht ist. Mit der Öffnung zu Osteuropa wurde der Blick auf die amerikanische Propaganda kritischer. Nun, mir der Entwicklung auf der Krim, haben die Europäer ihren Denkprozess von damals sehr schnell wieder vergessen. Es wird wieder eingeteilt in „gut“ und „böse“. Und die Medien unterstützen diese Meinungsbildung außerordentlich. Doch damit machen es sich die Leute zu einfach.Stol: Wenn man allerdings liest, dass Putin Gegner willkürlich verhaften lässt und ins Straflager steckt…Zelger: Russland wäre heute mit westlich-demokratischen Regeln nicht regierbar. Auch die Zustimmung der Bevölkerung für diese Art der Regierung ist im Großen und Ganzen sicher gegeben. Kritiker gibt’s natürlich immer. Aber nur so funktioniert Russland. Würde man versuchen, Russland nach westlichen Maßstäben zu regieren, dann hätten auch wir, als Europäer, ein viel größeres Problem direkt vor unserer Tür.Stol: Russland kann also gar nicht wie Europa funktionieren?Zelger: Nein, man vergleicht Äpfel mit Birnen. Ein Beispiel: Die ganze Welt skandalisiert sich über die Kinderarbeit in Asien. Dabei ist dies auch in Europa noch gar nicht so lange her.Stol: Liegt Russland 40 Jahre zurück?Zelger: Russland hat sicher noch eine Entwicklung mitzumachen. Ob Europa allerdings die richtige Entwicklung gemacht hat, muss sich auch erst zeigen.Interview: Petra Gasslitter____________________________________________________________________Hans Zelger ist Mitglied im Netzwerk "Südstern", das 1900 Mitglieder in 71 Ländern hat und am 1. Oktober 2014 seinen zehnten Geburtstag feiert.