Der gebürtige Bozner spricht im Interview auch über sein Bistum, Gottesdienste im Live-Stream und über die Unterschiede zwischen Südtirol und seiner Diözese.<BR /><BR /><BR /><b>Herr Bischof, wie geht es Ihnen in Treviso?</b><BR />Bischof Michele Tomasi: Sehr gut, wenn auch die großen Probleme unserer Zeit herausfordernd sind. Ich denke hier an die Corona-Pandemie sowie an den Umbruch in der Kirche und in der Gesellschaft.<BR /><BR /><b>Sie waren kein halbes Jahr im Amt, dann kam das Coronavirus: Wie hat diese Pandemie Ihr Wirken eingeschränkt, vor allem auch, weil sie Ihr Bistum erst kennenlernen mussten?</b><BR />Tomasi: Ich kann natürlich keine Vergleiche herstellen, weil Treviso meine erste Diözese ist, in der ich wirken darf. Die ersten Monate und Wochen als Bischof waren wirklich sehr interessant, ich war viel unterwegs und habe viele Pfarreien und Gläubige kennengelernt. Die Diözese Treviso bringt sich auch sehr in die Missionsarbeit ein. Es gibt in Afrika und Südamerika Pfarreien, in denen Priester aus dem Bistum pastorale Arbeit leisten. Sie bleiben im Normalfall 10 bis 12 Jahre dort und kommen dann wieder zurück. Einen dieser Priester habe ich Anfang 2020 nach Afrika begleitet und dort die Realität in den Pfarreien kennengelernt. Es war eine neue Welt für mich. Und dann kam Corona, und Treviso war eine der ersten Provinzen, in denen Einschränkungen nötig waren. Plötzlich mussten wir unser Leben und Arbeiten neu gestalten, und ich war die ganze Zeit hier im bischöflichen Palast, mit meinem Sekretär sowie mit 2 Ordensschwestern und dem Generalvikar. Es war eine wirklich schwere Zeit, denn wir mussten die Pfarreien informieren, was sie zu tun hatten.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="751448_image" /></div> <BR /><BR /><b>Und vieles lief online ab...</b><BR />Tomasi: Ja, diese neue Art, online in Kontakt zu treten, war natürlich gewöhnungsbedürftig. Und es gab in dieser Zeit noch zahlreiche von den etwa 370 Diözesanpriestern und rund 140 Ordenspriestern, mit denen ich noch nie direkt gesprochen hatte. Bei meinem Amtsantritt hatte ich gehofft, dass ich langsam in mein Amt hineinwachsen kann, weshalb ich vorerst die gute Arbeit meines Vorgängers weiterführen wollte. Es kam aber anders, ich musste schon viele wichtige, noch nie da gewesene Entscheidungen treffen, wie zum Beispiel die Chrisammesse abzusagen und die Osterfeierlichkeiten stark einzuschränken. Es waren schwierige Entscheidungen. Dank der guten Internetverbindung in der Diözese konnten wir allerdings online sehr gut arbeiten. Und sonntags wurden Gottesdienste aus der Kathedrale in Treviso von einem privaten Fernsehsender übertragen. Viele Leute waren an den Bildschirmen dabei, was mich sehr gefreut hat. Insgesamt beteten bei den Gottesdiensten mehr als 80.000 Gläubige an den Fernsehern mit, rund 2500 waren über das Internet mit uns im Dom verbunden. So viele Leute hätte ich sonst wohl niemals erreichen können. Heute noch danken mir Leute, dass wir zumindest über den Bildschirm miteinander verbunden waren. Persönlicher Kontakt ist natürlich besser, aber wir werden die digitalen Medien weiterhin nutzen und eine Mischform für die Zukunft finden müssen. Sie gehören zum Alltag einfach dazu. <BR /><BR /><embed id="dtext86-53531948_quote" /><BR /><BR /><b>Was meinen Sie mit Mischform für die Zukunft?</b><BR />Tomasi: Gottesdienste sollen natürlich Feiern sein, zu denen man sich trifft, aber es gibt viele Menschen, denen es nicht möglich ist, dabei zu sein, weil sie zum Beispiel krank sind. Sie können wir über das Fernsehen oder das Internet in die Kirche holen. Hier könnte auch der Vereinsamung entgegengewirkt werden, die leider immer größer wird. Natürlich müssen diese Leute auch besucht werden, beispielsweise mit der Eucharistie. Kürzlich habe ich mit den Ordensleuten einen Gottesdienst gefeiert, den wir auch übertragen haben, damit ältere Schwestern und Brüder mitfeiern konnten. Wir haben Gott sei Dank noch viele Ordensgemeinschaften in Treviso, vor allem Frauenorden. Insgesamt sollten wir mit den virtuellen Treffen aber etwas sparsam umgehen, weil die Begegnung einfach wichtig ist.<BR /><BR /><b>Welche Unterschiede gibt es zwischen den Diözesen Bozen-Brixen und Treviso?</b><BR />Tomasi: Bozen-Brixen ist die flächenmäßig größte Diözese in Italien, Treviso ist eher klein. Um die entfernteste Pfarrei in meinem Bistum zu erreichen, sitze ich keine Stunde im Auto, Bischof Ivo Muser muss hingegen schon etwas länger fahren, wenn er beispielsweise nach Innichen muss oder auch in den oberen Vinschgau. In meinem Bistum leben aber knapp 900.000 Gläubige, in der Diözese Bozen-Brixen sind es über 500.000. Die Diözese Treviso ist viel dichter bewohnt, mit viel größeren Pfarreien. Eine Pfarrei in der Diözese Treviso mit etwa 1500 Einwohnern ist klein, in Südtirol ist es eine mittlere. Und Pfarreien mit einigen 100 Gläubigen gibt es hier gar nicht. Und die Denkart der Trevisaner kann man nur ein wenig mit jener der italienischsprachigen Bozner vergleichen, somit bin ich mit einer anderen Mentalität konfrontiert. Bei den Traditionen gibt es natürlich große Unterschiede, so haben zum Beispiel nur wenige Trevisaner Pfarreien eigene Musikkapellen, und die Prozessionen werden ganz anders abgehalten als in Südtirol. Ich habe mich in Treviso aber sofort daheim gefühlt, weil das Katholische bzw. das Kirchliche, das ich in Südtirol erfahren habe, dasselbe ist. Treviso und Bozen-Brixen haben also auch viel gemeinsam. Aber vielleicht sind die Sorgen um den Priesternachwuchs hier nicht so groß wie in Südtirol: Wir haben Seminaristen, wenn auch nicht mehr so viele wie früher. Die Anzahl der Priester ist aber auch hier rückläufig. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="751451_image" /></div> <BR /><BR /><b>Was vermissen Sie?</b><BR />Tomasi: Ich war 54 Jahre lang in Südtirol, es ist meine Heimat, dort befinden sich auch Verwandte und das Grab meiner Eltern. In Südtirol bin ich aufgewachsen, dort habe ich meine Lebenserfahrungen gemacht. Die Ernennung zum Bischof war natürlich eine abrupte Unterbrechung: Ich hatte von der Ernennung im Juli 2019 nur bis zum Oktober Zeit, um meine Zukunft zu verarbeiten. Dann bin ich in Treviso gelandet und auch sofort angekommen. Meine Welt ist hier: Treviso ist nicht nur mein Wohnsitz, es ist meine Diözese. Aber es gilt weiterhin, was ich auch bei meiner Bischofsweihe gesagt habe: Ich bin Südtiroler und ich bleibe es. Ich habe sogar noch mein altes Auto mit BZ auf dem Kennzeichen.<BR /><BR /><b>Sind Sie in Ihrem Bistum auch mit Missbrauchsfällen konfrontiert?</b><BR />Tomasi: Derzeit werden einige Fälle untersucht, weil es Hinweise gibt. Weil ich die Situationen aber nicht kenne, muss ich mir natürlich helfen lassen. Ich bin der Nachfolger meiner Vorgänger, bin seit Oktober 2019 aber der Bischof und trage damit die volle Verantwortung, die ich natürlich erst nehme. Die Regeln sind überall dieselben, und ich sorge dafür, dass jeder Fall transparent aufgearbeitet wird. Diese Zeit ist für die gesamte Katholische Kirche schwer. Die allgemeine Atmosphäre hier in Treviso ist aber gut, denn in der Öffentlichkeit überwiegen die Themen Coronavirus, Impfung, Impfgegner, Wirtschaftsprobleme und Arbeitslosigkeit. Zur Impfung habe ich klar Stellung bezogen, weil ich ein Befürworter bin. Das hat natürlich vielen nicht gefallen. <BR /><BR /><b>Ein weiteres topaktuelles, aber trauriges Thema ist der Krieg: Wie hilft Treviso der ukrainischen Bevölkerung?</b><BR />Tomasi: Viele Trevisaner und ich beten natürlich, dass dieser Krieg bald zu Ende sein wird. Und über die diözesane Caritas gibt es eine Zusammenarbeit mit der Präfektur, den Gemeinden und den Pfarreien, um eine längerfristige Hilfe für die Ukrainer zu gewährleisten. Insgesamt ist die Bevölkerung hier in der Diözese Treviso sehr solidarisch: Wir haben bis jetzt etwa 170 Angebote mit mehr als 400 Schlafmöglichkeiten von Privatpersonen, die Flüchtlingen eine Wohnung zur Verfügung stellen wollen. Zudem sind bereits mehr als 200.000 Euro an Spenden eingegangen. Ein Pfarrer aus meiner Diözese hat sogar Flüchtlinge an der Grenze zur Ukraine abgeholt, um sie in seiner Pfarrei unterzubringen, wo sie auch Verwandte haben. <BR /><BR />