86 Jahre... Das ist doch ein schönes Alter, sagen alle, als würde es den Abschied leichter machen, wenn man die Lebensspanne heranzieht als Rechtfertigung für den Tod. Kein Zeitmaß hat das Warten auf ihn.<BR /><BR /> Das Weiß der kahlen Wände, der Riss in der Ecke... Wie unter dem Mikroskop, riesengroß und überklar, erscheinen manche Details, während andere verschwimmen in diesem kargen Krankenhauszimmer ohne Seele. So klein und zerbrechlich wirkt die alte Frau in ihm, als wäre sie schon nicht mehr hier. <BR /><BR />Fremd und doch unendlich vertraut sieht sie aus in ihrer vergilbten Hülle, die sie abstreifen möchte, doch noch nicht kann. Dass sie im Koma liegt, erscheint gnädig. Ob ihr Geist gerade die Koffer packt für die letzte Reise, die lachende Seele geschultert und tiefen Frieden im Gepäck? Wie gerne möchte ich das glauben. <BR /><BR />SIE hat ein Leben lang geglaubt! An das Gute im Menschen und einen versöhnlichen, verzeihenden Gott, der Kraft und Zuversicht schenkt für ein sinnerfülltes Leben. Sie hat es sich erkämpft und danach gelebt! Gegen viele Widerstände, die einer lebenslustigen Professorin im Süditalien der 1960er Jahre in den Weg gelegt wurden. <BR /><BR />Universitäre Bildung der Ausweg aus Ignoranz und Bigotterie, die in den abgelegenen Dörfern Kampaniens vor allem gegen Frauen so leicht ins Gewaltbereite kippt(e). Sie ist gegangen, um jungen Menschen Geschichte und Literatur zu lehren und dabei auch gleich Toleranz und Nächstenliebe vorzuleben. Noch heute erzählt man von ihren jahrzehntelangen Fahrten zu den Armen und Bedürftigen, das kleine Auto so schwer beladen mit Selbstgekochtem, dass es aus allen Nähten zu platzen schien. <BR /><BR />Und sie war eine hervorragende Köchin. Nicht nur für den Magen, auch für den Geist und das Herz. Nach unseren guten Taten werden wir bemessen! Davon war sie überzeugt! <BR /><BR />Dass sie als überzeugte Christin „nach Hause“ geht, wenn sie der Tod in den Armen wiegt, davon auch! 86 Jahre... Das ist doch ein schönes Alter, sagen alle! Sie würde erwidern: „Wichtig ist, was wir aus der Zeit machen, die uns gegeben!“<BR /><BR />