„Der Mittelstand entwickelt – bewusst und unbewusst – die Anschauung, sich das eigene Land nicht mehr leisten zu können. Das gilt vor allem für unsere jungen Menschen“, sagt Benedikter. <BR /><BR /><BR /><b>Der Mittelstand – Haushalte wie Betriebe – gilt als die Säule der Gesellschaft. Wie stabil steht diese Säule?</b><BR />Roland Benedikter: Psychologisch gesehen steht der Mittelstand unter Druck. Und zwar gefühlt so wie selten in den vergangenen Jahrzehnten. Das Geld auf dem Konto ist immer weniger Wert. Man kämpft mit Teuerungen – Südtirol hat mit die höchste Teuerungsrate in Italien. Das reicht von Lebensmitteln bis zu den Wohnkosten. Der Kaufkraftverlust der letzten 3 Jahre ist enorm. Das erzeugt eine doppelte Psychologie: eine der Sorge, und eine zweite des Kontrollverlusts. <BR /><BR /><b>Wozu führt diese doppelte Sorgenstimmung?</b><BR />Benedikter: Der Mittelstand entwickelt – bewusst und unbewusst – die Anschauung, sich das eigene Land nicht mehr leisten zu können. Das gilt vor allem für unsere jungen Menschen. Die machen sich die Rechnung. Sie sehen, dass sie sich mit ihren Arbeits-Einkommen das heutige Südtirol schwer werden leisten können. Damit sinkt die Solidarität anderen gegenüber. Es ist möglich, dass sich das auch sozial – im Alltagsverhalten – und politisch – im Wahlverhalten – auswirkt. Hier müsste die Politik dringend gegensteuern. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="925729_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wer kann, geht, weil Südtirol zu teuer ist?</b><BR />Benedikter: Ganz so weit sind wir noch nicht. Aber es gibt Warnsignale. Die in der Wahrnehmung sinkende Zukunftsperspektive für den Mittelstand zieht sich durch die meisten entwickelten Regionen. Wir sehen das auch in Österreich, Deutschland, Norditalien und anderen europäischen Ländern. Überall nimmt die Sorge über Ungleichheit zu. Ungleichheit wird bei uns nicht wie in armen Ländern als direkte, sondern als indirekte Verarmung erlebt: zum Beispiel durch gleichbleibende Löhne bei starker Verteuerung. Dadurch nimmt das Auseinanderdriften von Arm und Reich zu. <BR /><BR /><b>Was bedeutet im heutigen Südtirol „Verarmung“?</b><BR />Benedikter: Verarmung bedeutet nicht, dass ich mir nichts mehr leisten kann. Sondern es ist die Wahrnehmung, gelähmt zu sein: aus eigener Kraft keinen Fortschritt mehr machen zu können, nicht mehr weiterzukommen. Es ist die Angst, deshalb zurückzufallen, weil man weiß, dass es im Leben keinen Stillstand gibt. Dabei geht es dem Mittelstand gar nicht darum, Reichtümer anzuhäufen. Die Menschen, viele Familien, gerade solche mit Kindern, die wir am meisten schützen sollten, haben schlicht Angst, dass sie sich ihr bisheriges Leben nicht mehr leisten können. Diese Sorge dürfen wir nicht von der Hand weisen.<BR /><BR /><b>Ein Beispiel?</b><BR />Benedikter: Nehmen wir den Bereich Wohnen. In einer Gemeinde wie Sand in Taufers, aus der ich stamme, sind die Wohnungspreise in wenigen Jahren soweit angestiegen, dass sie für viele Einheimische plötzlich völlig außer Reichweite sind. Es hat hier durchaus in wenigen Jahre große Schübe gegeben. Was Südtirol hier noch rettet, ist die Wohnbaupolitik der 90er Jahre. Damals war es ausgesprochenes Ziel der Landesregierung, dass möglichst viele Südtiroler ein Eigenheim haben. Davon zehren wir heute. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="925732_image" /></div> <BR /><BR /><b>Und in dieser Situation soll der Mittelstand als wesentliche Säule sich aktiv beteiligen und mit voller Kraft den Weg zur Klimaneutralität vorangehen? Viele Ziele, die im Klimaplan festgesetzt wurden, sind nur mit Hilfe von Eigeninitiativen der Bürger zu erreichen: der Umstieg auf E-Mobilität, auf Wärmepumpen, zusätzliche Fotovoltaikanlagen…</b><BR />Benedikter: Der Klimaplan ist ein umfassendes Dokument für das Land und geht in die richtige Richtung. Er setzt auf Ganzheitlichkeit und Langfristigkeit, und das ist richtig. Er setzt aber auch auf die Teilnahme der Bürger, und das ist in Südtirol mehrheitlich der Mittelstand. Die Frage ist tatsächlich, wie breit wollen und können sich die Bürger in der derzeitigen Lage überhaupt aktiv und selbstbestimmt in einen tiefgehenden sozialen Innovationsprozess einbringen. Die überwiegende Mehrheit ist dazu bereit. Aber viele im Mittelstand sehen derzeit für sich nicht die – finanziellen und zeitlichen – Möglichkeiten mitzuwirken. Inflation und Kaufkraftverlust führen unausweichlich zu einer passiven Haltung, zu einer Verteidigungshaltung, die völlig nachvollziehbar ist. Zuerst schaue ich auf meine Familie und auf meine Existenz. Dann kommt die Nachhaltigkeit – so denken viele, und niemand kann es ihnen übel nehmen. Im Gegenteil: Das müssen wir ernst nehmen – und Gegenmaßnahmen treffen. Denn um die Klimaziele zu erreichen, braucht es tatsächlich eine breite Welle der Bürgerbeteiligung.<BR /><BR /><b>Also Stillstand statt notwendiger Aufbruchstimmung?</b><BR />Benedikter: Die Südtiroler wollen nie Stillstand. Sie sind, wie alle Umfragen zeigen, von der Nachhaltigkeitsstrategie überzeugt, wollen sie mittragen. Die Zustimmungswerte sind im europäischen Vergleich überwältigend. Doch viele Menschen sind auch ohne Klimaziele bereits überfordert. Ich steige sozial ab. Und jetzt soll ich auch dabei noch helfen. <BR /><BR /><b>Wozu besteht Überforderung? Wozu führt sie?</b><BR />Benedikter: Heute sind zu viele große Themen gleichzeitig da. Das führt zu Verweigerung, innerer (Teil-)Emigration oder auch Protest, letzteres auch durch die Jungen. Gibt mir eine Partei in dieser Lage das Gefühl, alles ist gar nicht so kompliziert und ich habe die eine, einfache Antwort – auch wenn diese eigentlich keine Lösung ist –, dann ist das sehr verlockend. „Spezialisierungsparteien“, oft auch „Ein-Thema-Parteien“ genannt, die sich auf ein Thema stürzen und so tun, als könnte man alles damit lösen, profitieren. In der Soziologie nennen wir das 'Komplexitätsreduktion'. Wir werden den Effekt mittelfristig auch in Südtirol sehen, wenn sich die Grundstimmung im Mittelstand nicht verbessert. Verlieren tun dann in der Regel die Parteien der Mitte – die für die Demokratie doch so wichtig, wenn nicht gar entscheidend sind. Nochmal: Der Mittelstand fühlt sich im Stich gelassen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-60708439_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Klingt nach einem Teufelskreis? Wie kommen wir da raus?</b><BR />Benedikter: Zunächst: Wir müssen das Problem ernster nehmen als bisher. Es gibt Ideen und Möglichkeiten. Erstens ist der Immobilienbereich wichtig, weil er als eine Art Seismograf der Wirtschaftsentwicklung gilt. Wir beobachten in Südtirol zur Zeit das Phänomen der „Verlondonisierung“. Also viel Kapital von außen fließt in den Wohnungsmarkt – und die Einheimischen bleiben auf der Strecke. Die können mit den steigenden Preisen einfach nicht mehr mithalten. Für unsere Ortschaften hat das gleich noch einen zweiten negativen Effekt, denn es vergrößert und leert zugleich die Dörfer, die ja nur noch wenige Monate im Jahr voll bewohnt sind. Dem sollte im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten entgegengewirkt werden. Das ist im Rahmen unserer EU-Mitgliedschaft nicht einfach, es wurde aber auch zu wenig versucht.<BR /><BR /><b>Das wird wohl nicht reichen?</b><BR />Benedikter: Es braucht zweitens konkrete finanzielle Ausgleichsmaßnahmen. Löhne und Gehälter müssen mittel- und langfristig steigen. Das sagen in Südtirol alle. Aber das geht nicht – wie es manche Gewerkschaftsmitglieder fordern – von heute auf morgen. Denn die Betriebe, gerade die mittelständischen, stehen im Gefolge der Krisenjahre auch unter Druck. Viele haben nach Corona und Energiekrise keine Reserven, die sie in Forschung und Entwicklung oder neue Technologien, geschweige denn breit in höhere Löhne reinvestieren könnten. Wir brauchen für dieses Thema „wie die Mittelstands-Löhne in Südtirol mit der Gesamtentwicklung mithalten können“ endlich eine umfassendere Strategie. Hier muss viel Hirnschmalz zusammenkommen, um das System von Grund auf neu zu durchdenken. Am besten durch eine Mischung von internationalen Experten und lokalen Sachverständigen, die den Prozess ständig begleitet, und zwar ohne Ende. <BR /><BR /><b>Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die – aktuelle – Energiepolitik des Landes? Hätte man die Chance auf „Bürgerenergie“ und sinkende Strompreise nutzen sollen?</b><BR />Benedikter: Energiekosten sind ein dritter Faktor. Sie machen viel aus. Mit niedrigeren Preisen noch dazu für grünen Strom könnte man die Bürger glaubwürdig bei den Klimazielen mitnehmen, indem sich persönliche finanzielle Vorteile und Vorteile für das Klima gegenseitig bestärken. Auch hier haben wir die Chance, etwa durch direkte und indirekte Stützungen dem Abstieg des Mittelstandes entgegenzuwirken. Damit die Bürger jetzt mitmachen, braucht es konkrete Vorteile für sie im Alltag. Die Südtiroler schauen zwar viel mehr als andere darauf, was für die Welt gut ist – und zwar in vorbildlicher Weise. Aber sie müssen auch ihr eigenes Leben sichern. Die Politik ist gut beraten, jetzt endlich im System den Mittelstand in den Fokus rücken. Und zwar die gesamte Politik, unabhängig von Partei oder Ideologie.<BR />