Sonntag, 19. Juli 2015

„Spanischer Varoufakis“ soll Katalonien in die Unabhängigkeit führen

Nach dem vereitelten Unabhängigkeitsreferendum im Vorjahr setzen die katalanischen Nationalisten jetzt auf den „Varoufakis“-Effekt. Spitzenkandidat ihrer Einheitsliste für die Regionalwahlen im September wird nämlich der frühere Grün-Politiker Raül Romeva, der nicht nur äußerlich an den polarisierenden griechischen Kurzzeit-Finanzminister Yanis Varoufakis erinnert.

Foto: © LaPresse

Romeva hatte mit den katalanischen Grünen (ICV) gebrochen, weil sie ihm in der Unabhängigkeitsfrage zu lasch waren.

Als Europaparlamentarier hatte er für Aufsehen gesorgt, als er angesichts von spanischen Militärübungen in Katalonien vor einer militärischen Invasion der nordostspanischen Region warnte, wie die Tageszeitung „El Mundo“ (Internetausgabe) schreibt.

Der 44-Jährige saß von 2004 bis 2014 für die Grünen im Europaparlament, verzichtete dann aber auf eine weitere Kandidatur. Romeva wollte damit ein Zeichen setzen für die Amtszeitbeschränkung von Politikern. Aber vielleicht war er einfach bereit für eine neue Herausforderung. Der Lebenslauf des zweifachen Familienvaters, der eigenen Angaben zufolge „Wespen im Hintern“ hat, ist nämlich äußerst facettenreich.

Den Spitznamen „spanischer Varoufakis“ hat sich Romeva nicht nur durch seine Kopfrasur verdient. Er ist studierter Ökonom, Universitätsprofessor und viel auf der Welt herumgekommen. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften führten ihn Jobs bei der UNO, die OSZE und der Hilfsorganisation Oxfam unter anderem nach Frankreich und Bosnien-Herzegowina.

Doch eigentlich war die politisch-wissenschaftliche Tätigkeit nur der „Plan B“ für das Beamtenkind. Aus seinem kindlichem Berufswunsch „Kapitän“ wurde immerhin ein Schiffspatent. Doch sein Traum von der Teilnahme an den Olympischen Spielen, für die er in seiner Jugend im Schwimmklub Sabadell verbissen trainierte, zerplatzte nach einer Achillesfersenverletzung. Die Leidenschaft für das Wasser ist dem geprüften Tauchlehrer geblieben. Doch ob er heute noch etwas mit seiner Ausbildung zum Lambada-Lehrer anfangen kann ist, fraglich.

Bei den Regionalwahlen am 27. September soll er nun der Einheitsliste der Unabhängigkeitsbefürworter nun jenen „Glamour-Faktor“ verleihen, der den dominierenden Nationalistenparteien CiU (Convergencia i Unio) und ERC (Esquerra Republicana de Catalunya) fehlt. Kritiker sehen in Romeva ein Feigenblatt, das von den Korruptionsskandalen der rechtsgerichteten CiU von Regionalpräsident Artur Mas ablenken soll.

Romeva selbst betonte, dass es bei der Regionalwahl nicht um Personen gehe, sondern um ein Votum für die Unabhängigkeit. Weil den Katalanen ein Referendum verwehrt worden sei, müsse nun der Umweg über die Regionalwahl genommen werde. Die Einheitsliste strebt eine absolute Mehrheit an und will dies dann als mehrheitliches Votum für die Unabhängigkeit Kataloniens interpretieren.

Romevas frühere Weggefährten der ICV schlossen unterdessen ein Wahlbündnis mit den eigentlichen Varoufakis-Jüngern in Spanien, der linksgerichteten Podemos. In ihrem gemeinsamen Wahlprogramm bekennen sich Podemos und ICV explizit zum Selbstbestimmungsrecht einer künftigen „Republik Katalonien“, die unabhängig sein oder sich mit anderen souveränen Gebietseinheiten zusammenschließen könne. Der „spanische Varoufakis“ hätte also gar nicht die Seiten wechseln müssen.

apa

stol