Dragutin „Drago“ Doderovic hat Anfang der 1990er-Jahre dem damaligen Kriegsschauplatz Balkan den Rücken gekehrt: „Ich wollte nicht auf meine Freunde schießen.“ In Südtirol hat sich der gebürtige Kroate ein neues Leben aufgebaut.<BR /><BR />Ob er sich zu Hause im „neuen“ Zuhause fühlt? „Aber natürlich“, winkt Dragutin „Drago“ Doderovic ab. „Bei den jüngsten Gemeinderatswahlen in Leifers war ich der zweite Nichtgewählte auf der kandidatenreichen Bürgerliste ,Uniti per Laives„ von Bürgermeister Christian Bianchi – und das mit dem Nachnamen Doderovic!“ <BR /><BR />Drago Doderovic, Jahrgang 1971, in Niksic in Montenegro geboren und in Rijeka/Fiume in Kroatien aufgewachsen, blickt auf eine unbeschwerte Kindheit. „Als ich 3 Jahre alt war, zogen meine Eltern Bogdan und Ivanka sowie mein Bruder und meine 2 Schwestern von Niksic nach Rijeka an der kroatischen Küste. Dort erlebten wir viele schöne, friedliche und sichere Jahre. Ich besuchte die Schule und ging meiner Leidenschaft, dem Fußballspiel, nach. Ich spielte bei NK Rijeka und in der kroatischen U18-Nationalmannschaft, und ich war auf dem besten Weg, Profi zu werden. Zudem machte ich eine Ausbildung zum Sachverständigen für Schiffe und Boote.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="857495_image" /></div> <BR /><BR />Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre änderte sich jedoch die Stimmung im früheren Jugoslawien. „Man hatte das Gefühl, dass etwas im Aufbruch war. Den Alltag der Menschen tangierte diese Atmosphäre aber noch nicht“, erzählt Doderovic. „Im März 1991 musste ich den Wehrdienst (in der damals von Serben dominierten jugoslawischen Bundesarmee, Anm. d. Red.) antreten. Wenig später überstürzten sich die Ereignisse.“<BR /><BR /> Diese stehen in den Geschichtsbüchern und hielten die Welt für Jahre in Atem: 1991 verkündete zunächst die Teilrepublik Slowenien ihre Unabhängigkeit vom jugoslawischen Bundesstaat. Wenig später begannen Kämpfe zwischen slowenischen Milizen und der jugoslawischen Volksarmee. Auf auf Vermittlung der EU wurde ein Kompromiss gefunden, der den Krieg schnell beendete.<BR /><BR />Kroatien tat es wenige Monate später Slowenien gleich. Hier verlief der Unabhängigkeitskrieg vollkommen anders – er wurde die bis dahin blutigste europäische Auseinandersetzung seit Ende des Zweiten Weltkriegs. In Kroatien waren 1991 immerhin 12 Prozent der Einwohner Serben. Nach der Lossagung vom Staatenverbund besetzten die jugoslawischen Truppen weite Teile Kroatiens. Später verlagerte sich der Krieg auch ins benachbarte Bosnien-Herzegowina. Erst im Dezember 1995 beendete das „Abkommen von Dayton“ den Krieg in Kroatien und Bosnien. Insgesamt waren zwischen 1991 und 1995 über 100.000 Menschen ums Leben gekommen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-57949197_quote" /><BR /><BR />Dragos Militäreinheit sollte im August 1991 in die Kampfhandlungen in Kroatien eingreifen. „Als der Marschbefehl kam, entschied ich mich dafür, zu fliehen“, schildert er. „Ich hätte auf meine kroatischen Freunde, auf meine ,Brüder’, schießen müssen – dagegen habe ich mich gewehrt und bin getürmt.“ Eine Entscheidung, die ihn auf den Schlag erwachsen werden ließ.<BR /><BR />Dragos Odyssee führte ihn quer über den Balkan – zunächst nach Sarajewo, wo es damals noch keine Kämpfe gab – dann zurück nach Rijeka und weiter nach Italien, unter anderem nach Mailand, Rom und Florenz sowie für einige Monate auch nach Südtirol, genauer gesagt nach Neumarkt, wo sein Vater bei einer Baufirma beschäftigt war. „Italien und Südtirol haben mich mit offenen Armen aufgenommen“, erklärt Drago heute, „mich zu integrieren war einfach. Denn die Menschen hier teilten dieselben Werte wie ich: Familie, Heim, Menschlichkeit.“<h3> Tankwart, der „Schönste Italiens“, „Bienenkönig“</h3> Wie viele Flüchtlinge in den 1990-ern vom Balkan gekommen sind, weiß keiner genau – Jugoslawen durften damals ohne besondere Formalitäten nach Italien einreisen. Aktuell leben 15.754 kroatische Bürgerinnen und Bürger in Italien, 805 in Trentino-Südtirol (Stichtag: 1. Jänner 2022, Quelle: www.tuttoitalia.it). Tendenz sinkend.<BR /><BR />Zurück zu Drago Doderovic. 1993 erhielt er endlich eine Aufenthaltsgenehmigung, und er wurde zum Allrounder. Einige Job-Etappen: Tankwart an der Autobahn-Tankstelle Laimburg West (für seine Freundlichkeit wurde er vom Unternehmen AGIP ausgezeichnet, übrigens mit einem Benzin-Gutschein in der Höhe von 15.000 Lire), Fitness-Trainer in Neumarkt, Modeunternehmer. <BR /><BR />1996, im Alter von 25 Jahren, nahm der attraktive Kroate am Wettbewerb „Il più bello d'Italia“ (der „Schönste Italiens“) teil und gewann. Mit den Labels „Drago drinks“ und „Drago Production Events“ ist er als als Veranstalter und Caterer erfolgreich: So ließ der „Bienenkönig“ 2019 3500 Techno- und Housemusic-Fans beim Bee-Festival in der Messe Bozen tanzen, und als Organisator des Leiferer Silvesters feierte er mehrmals mit Tausenden Partytiger vergnügt ins neue Jahr.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="857498_image" /></div> <BR />Doderovics Hauptstandbein ist nunmehr die Gastronomie – als Bartender im Body Pub in Neumarkt, als Gastgeber in der Bar Togiva in der Bozner Romstraße und – seit dem Jahr 2001 – in der Bar Galvani in Bozen Süd. Mit dieser machte sich der einstige Flüchtling als Bozner In-Gastronom einen Namen. Als Gastwirt mit viel Leidenschaft für den Beruf, der in „seinem“ Land gesellschaftlich etwas bewegen will. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="857501_image" /></div> <h3> Heimweh nach Kroatien und der Unbeschwertheit</h3>Die vergangenen Jahre haben in Drago etwas verändert. Corona, Ukraine-Krieg und Krise haben – wie bei vielen Menschen – Nachdenklichkeit und Wehmut die Tore geöffnet. „Ideologien statt Ideen. Weltweite soziale Ungleichheit. Blockdenken“, sind einige von Dragos Stichworten. „,Internationale Politik„ wird seit Jahrzehnten ausschließlich als ,Finanzpolitik„ interpretiert. Das Ergebnis ist eine Welt, die in 2 Blöcke zerfallen ist. Und von einem Block, nämlich Indien, China und Pakistan, weiß der Westen so gut wie gar nichts. Dies birgt ungeahnte Konflikte.“ <BR /><BR />In Dragos Leben hat sich das Heimweh eingeschlichen. „Ich empfinde das Bedürfnis, in jenes Land, in dem ich geboren worden bin, zurückzukehren. Bei meiner Mutter Ivanka und der Großfamilie zu sein. Beispielsweise auf der Insel Krk in das Tourismus- und Eventgeschäft einzusteigen. Nicht heute, nicht morgen, aber vielleicht übermorgen... An diesem Tag werde ich aus Südtirol ein Bündel, geschnürt aus hohen Werten wie Disziplin, Transparenz, Motivation, Rechtschaffenheit und Fleiß mit nach Kroatien nehmen. Südtirol ist mein Zuhause, Kroatien meine Heimat.“<BR />