<b>Von Gerda Heidegger</b><BR /><BR /><b>Sie waren 15 Jahre lang gefragter Modefotograf. Wie sind Sie – sprichwörtlich – auf den Hund gekommen?</b><BR />Paul Croes: In den 90er-Jahren habe ich mich beruflich vor allem der Fashion- und Musikszene gewidmet. Mit CD-Covern konnte man damals noch gutes Geld verdienen, besonders Techno war sehr populär in Belgien. Später habe ich auch auf internationaler Ebene fotografiert, bis ich 2005 ein Burnout erlitt. Durch die fortschreitende Digitalisierung hat sich in jenen Jahren alles sehr verändert, so auch die Fotografie.<BR /><BR /><embed id="dtext86-67385070_quote" /><BR /><BR /> Ich war spezialisiert auf analoge Fotografie, aber in die digitale Fotografie hatte ich mich noch nicht eingearbeitet. In den darauffolgenden Jahren habe ich also andere Dinge gemacht und mich weitergebildet. Als ich dann wieder mit dem Fotografieren anfing, war ich natürlich älter geworden – die Models, die Make-up-Artisten, die Friseure waren aber immer noch jung. Ich fühlte mich in dieser Welt nicht mehr wohl. Eines Tages sah ich ein Foto eines weißen russischen Windhundes auf Facebook und schrieb der Besitzerin, ob sie nicht mit ihrem Hund in mein Studio für ein Shooting kommen wollte. Sie willigte ein. Nach einer Stunde stand der Hund mit einer solchen Anmut vor mir, Vorder- und Hinterläufe gekreuzt. Ich sah auf das Foto und dachte nur: Das ist Haute Couture. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1097088_image" /></div> <BR /><BR /><b>Also ein Aha-Moment...</b><BR />Paul Croes: Ich begriff, dass ich mit dem Blick eines Modefotografen auch Hunde fotografieren konnte und dabei wunderbare Fotos entstehen konnten. Besonders in der Welt der Windhunde wurde ich sehr schnell bekannt. Die Besitzer dieser Hunde sind durch Social Media vernetzt, für sie ist ihr Hund mehr als nur ein Familienhund. Werden meine Fotos in diesen Gruppen gepostet, weckt das natürlich auch das Interesse bei anderen Besitzern. <BR /><BR /><b>2-beinige oder 4-beinige Models: Mit wem ist es schwieriger?</b><BR />Paul Croes: Ein Hund ist immer hungrig, Hunde machen alles für ein Stück Wurst oder Käse. Ich arbeite nicht wirklich mit Spielzeug, denn dann verschwindet die Personalität des Hundes. Durch das Essen kommt der Jagdinstinkt des Hundes zum Vorschein: Ihr Ausdruck verändert sich und sie sind sehr fokussiert. Hunde brauchen außerdem kein stundenlanges Vorbereiten. Ich will nicht sagen, dass es einfacher ist, mit den Tieren zu arbeiten. Es ist auch einfach mit einem guten Model zu arbeiten. Aber alles in allem bevorzuge ich die Tiere (lacht).<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1097091_image" /></div> <BR /><BR /> Vor allem aber, weil die Fashionindustrie und -fotografie mit so vielen Regeln arbeitet. Es ist vorgegeben, wie das Model aussehen soll, wie viel es wiegen soll, wie die Maße sein sollen. Wenn ich einen Hund fotografiere mit 3 Beinen, der blind ist, bekommt sein Bild mehr Zuspruch auf Social Media als das eines gesunden Hundes. Die Weise, wie Schönheit gesehen wird, ist vielfältiger und vollkommener.<BR /><BR /><b>Gibt es unter den Hunden auch Super-Models?</b><BR />Paul Croes: Manchmal gibt es Hunde, die sind super schön anzusehen. Aber sobald sie anfangen zu gehen, watscheln sie wie eine Ente. Sie haben absolut keinen Style. Andere hingegen tanzen schon fast und haben so viel Eleganz in sich. Ich mag besonders die Familie der Windhunde sehr. Rassen wie der Border Collie oder der Deutsche Schäferhund brauchen einen „Boss“, jemanden, der sagt, was zu tun ist. Sie holen Bällchen, so oft man will, weil ihnen das gefällt. Windhunde sind da anders, sie holen das Bällchen vielleicht einmal, aber dann sehen sie dich an als wollten sie dir sagen: „Ich hab den Ball schon geholt, hol ihn dir jetzt selber!“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1097094_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie scheinen mit Ihren Fotos Hund und Herrchen in die „Seele“ zu schauen. Wie schaffen Sie das?</b><BR />Paul Croes: Ich nehme mir viel Zeit für die Shootings, um die 3 Stunden. Zuerst versuche ich, Vertrauen zum Hund aufzubauen. Beispielsweise fängt er ein Stück Käse aus der Luft. Hunde lieben das: spielen und fressen. So bauen sie schnell Vertrauen zu mir auf und man geht Schritt für Schritt bis zur Seele des Hundes. Manche Hunde können richtig lächeln und „menschliche Emotionen“ zeigen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1097097_image" /></div> <BR /><BR /><b>An welchem Tier wären Sie schon einmal verzweifelt?</b><BR />Paul Croes: Manchmal gibt es Hunde, mit denen es einfach nicht funktioniert. Sie sind nicht gut erzogen und vertrauen nicht einmal ihrem eigenen Besitzer oder ihrer Besitzerin. Aber das passiert fast nie, vielleicht bei 2 von 100 Hunden. Die meisten Hunde sind Teil der Familie, bei der sie wohnen. Sie werden wie kleine Kinder behandelt und sind sehr gut erzogen. Meistens funktioniert es also sehr gut, denn wie schon gesagt: Sie machen alles für Essen (lacht).<BR /><BR /><b>Fotografieren Sie auch andere Tiere?</b><BR />Paul Croes: Katzen, Ziegen, Schafe, Gänse, Pferde, Esel, die klassischen Bauernhoftiere... Auch in Südtirol habe ich schon fotografiert. Für die Spezialbier-Brauerei Forst und ihre Initiative „Südtirol. Ursprung vereint“ habe ich Bauern mit ihren Tieren abgelichtet. Die Ergebnisse waren in Form eines Kalenders erschienen. Im vergangenen Jahr wurde das Projekt wieder aufgenommen, diesmal als Hommage an die Südtiroler Bäuerinnen und Traditionen. Die Fotos wurden in Freiluftausstellungen und Hotels ausgestellt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1097100_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wer sind Ihre Kunden?</b><BR />Paul Croes: Meine Kunden entdecken mich vor allem auf Social Media. Ich habe aber auch in vielen Städten Promoter, die mich an potenzielle Kunden empfehlen. Das sind beispielsweise Besitzer von Hundesalons, spezielle Züchter oder Organisationen, die Hunde retten und sich für sie einsetzen. Allerdings baue ich mein Studio nie in Großstädten auf. In der Nähe ja, aber niemals direkt in den großen Städten. Ein Stadthund hat keine Probleme damit, aufs Land zu fahren, aber einen Hund, der die Natur gewohnt ist, kann man nicht in die Großstadt bringen. Der Lärm, die Autos, die Hektik, das alles würde den Hund überfordern und stressen.<BR /><BR /><b>Wie wichtig sind Accessoires und Kleidung in Ihren Fotos?</b><BR />Paul Croes: Besonders Windhunde haben oft eine ganze Garderobe an Kleidern, da gibt es eine richtige Industrie. Ich persönlich bin kein Fan davon. Kleidung und Accessoires werden nur benutzt, wenn es von den Auftraggebern gewünscht wird. Manchmal wird Kleidung und Ähnliches eingesetzt, um einen bestimmten Lebensstil abzubilden oder eine andere Atmosphäre zu kreieren. Besonders, wenn PR-Agenturen mit im Spiel sind, kann es aber schnell sehr klischeehaft werden.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1097103_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sie reisen im mobilen Studio durch Europa. Erzählen Sie davon.</b><BR />Paul Croes: Mit meinem Auto reise ich samt meines gesamten Equipments durch Europa, allerdings arbeite ich nur im Studio. Das heißt, an den verschiedenen Orten werden Räume gemietet, entweder von mir selbst oder sie werden vom Auftraggeber zur Verfügung gestellt. Ich arbeite auch nur mit LED-Licht. Das aus dem Grund, weil die Hunde den herkömmlichen Blitz mit Blitz und Donner assoziieren und Angst bekommen. Mit dem LED-Licht ist dieses Problem gelöst.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1097106_image" /></div>