<b>Von Sieglinde Höller</b><BR /><BR />Franz Stephan, der 1745 als Franz I. zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation gewählt worden war, beauftragte den aus Lothringen stammenden Architekten Jean Nicolas Jadot de Ville-Issey mit dem Entwurf für eine Menagerie im Park der damals neuen habsburg-lothringischen Sommerresidenz Schönbrunn. <BR /><BR />Die Anlage, die Ville-Issey entwarf, bestand aus zwölf Gehegen mit jeweils gleich großen Tierhäusern und einem Verwaltungsgebäude mit einem vorgelagerten Gartenteil (alles zusammen später als „Logenkreis“ bezeichnet). Dazu kamen ein Teich und zwei Höfe mit weiteren Gebäuden. <BR /><BR />Schon ein Jahr später, im Sommer 1752, war die Anlage gebaut und mit Tieren besetzt, und der Kaiser konnte erstmals in der „Tier-Menagerie“ lustwandeln. Am 31. Juli 1752 schrieb der Oberstkämmerer Fürst von Khevenhüller-Metsch in seinem Tagebuch: „Nachmittags führte der Kaiser abermahlen einige Zuseher in die nun meistens schon zustanden gebrachte Menagerie…“. Seither gilt dieses Datum als offizieller Gründungstag des Tiergartens Schönbrunn.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1334628_image" /></div> <BR /><BR />Der Kaiser holte Hirsche und Papageien, Affen, Strauße und Antilopen in seinen Zoo. Nur Raubtiere schätzte er nicht, sie stanken Seiner Majestät zu viel. Die Menagerie Schönbrunn war bis gegen Ende der Regierungszeit Maria Theresias (sie starb 1780, Franz Stephan 1765) im Wesentlichen der kaiserlichen Familie vorbehalten. <BR /><BR />Neben Diplomaten und privaten Gästen zählten aber auch bald schon Schulklassen zu den Besuchern der Anlage. Erst 1778, 13 Jahre nach Franz Stephans Tod, öffnete sein Sohn, Joseph II., den Tiergarten an Sonntagen für alle Besucher, allerdings nur für „anständig gekleidete Personen“. <BR /><BR />In den darauffolgenden Jahren rüstete der nicht geruchsempfindliche Sohn des Menagerie-Gründers auf. Ein junger Elefant wurde angeschafft, und noch vor 1800 zogen Wölfe, Braun- und Eisbären, Hyänen und andere Raubtiere in Schönbrunn ein. Ebenso ein Paar Indischer Elefanten.<BR /><BR /> Die neuen Tiere waren Publikumsmagneten und lockten Besucher aus Wien und Umgebung, aber auch viele ausländische Gäste in die kaiserliche Menagerie. Zu jener Zeit war der Tiergarten bereits täglich zu besichtigen und die ersten ausführlicheren Beschreibungen und „Zooführer“ entstanden.<h3> Ganz Wien im Giraffen-Fieber</h3>Den sensationellsten Neuzugang erlebte der Tiergarten 1828, als der Vizekönig von Ägypten den Habsburgern eine Giraffe schenkte. Noch bevor der heiß ersehnte Exot in Wien ankam, brach in Österreich eine wahre „Kamelopard“-Hysterie aus: auf Stoffen, Tellern und Tintenfässern – überall nur Giraffen. Man tanzte den „Giraffengalopp“, die Damen trugen ihr Haar hochgetürmt „à la giraffe“ und dufteten – angeblich – nach Giraffe. Auch die „Giraffeln“ wurden erfunden, ein Mürbgebäck, das noch bis weit ins 20. Jahrhundert im Sortiment der Wiener Bäcker zu finden war. <BR /><BR />Als das Tier aus dem Sudan endlich in Schönbrunn eintraf, stürmten so viele Besucher sein Gehege, dass die Polizei einschreiten musste. Nur zehn Monate später verendete „das hohe Tier“ an Oberschenkelbrüchen, betrauert wie ein Superstar.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1334631_image" /></div> <BR /><BR />Im späten 19. Jahrhundert veränderte sich das Erscheinungsbild der Menagerie wesentlich. Alois Kraus, der den Tiergarten von 1879 bis 1919 leitete, veranlasste eine tier- und besucherfreundlichere Umgestaltung der historischen Bauten. Viele Gehege wurden in einem damals als artgerecht empfundenen Sinn mit Felskulissen und Baumdekorationen eingerichtet. Die Wege wurden saniert, neue Bänke aufgestellt, Wasserleitungen und Sanitäranlagen gebaut.<BR /><BR />Im Pavillon wurde eine Papageienschau eingerichtet, wobei die Käfige und Stangen mit den Tieren bei geöffneten Fenstern auf kleinen Schienen ins Freie geschoben werden konnten. Dort waren die Vögel unter großen Baldachinen vor zu intensiver Sonneneinstrahlung geschützt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1334634_image" /></div> <BR /><BR />Diese Modernisierungen am Beginn des 20. Jahrhunderts führten dazu, dass Schönbrunn zu einem „zoologischen Garten“ wurde, der mit knapp 3.500 Tieren in über 700 Arten, darunter Elefanten, Nashörner, Flusspferde, Tapire, Giraffen, Ameisenbären, Robben und zahlreiche Großkatzen- und Bärenarten, zu den schönsten Tiergärten der Welt gehörte. Die Anlage blieb bis zum Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie Privatbesitz der kaiserlichen Familie.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1334637_image" /></div> <h3> Bomben, Hunger und Erneuerung</h3>Die beiden Weltkriege setzten dem Tiergarten und seinen Mitarbeitern sehr zu. Während des Ersten Weltkrieges und danach ließen Versorgungsengpässe (und hygienische Probleme) den Tierbestand um beinahe 85 Prozent auf knapp 400 Individuen schrumpfen. Die Tiergarten-Verwaltung schaffte es aber mit Hilfe der Wiener Bevölkerung, privaten Förderern und den zuständigen staatlichen Stellen, den Betrieb im Tiergarten Schönbrunn aufrechtzuerhalten.<BR /><BR />Zu den prägendsten Persönlichkeiten in der Geschichte des Tiergartens in der Zwischenkriegszeit gehörte Otto Antonius. Als Zoologe und Direktor übernahm er in den 1920er-Jahren einen schwer angeschlagenen Zoo und brachte einen radikalen Wandel: Er verstand den Tiergarten nicht mehr nur als Schauplatz exotischer Tiere, sondern als wissenschaftliche Einrichtung. <BR /><BR />Unter seiner Leitung wurde der Zoo modernisiert und systematisch neu aufgebaut. Gehege wurden verbessert, Zuchtprogramme gestartet und die Zusammenarbeit mit Universitäten intensiviert. 1926 erfolgte auch die offizielle Umbenennung von der kaiserlichen Menagerie zum „Tiergarten Schönbrunn“. Im Volksmund und in der Presse wurde allerdings noch lange – wehmütig – von der „Menagerie Schönbrunn“ gesprochen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1334640_image" /></div> <BR />Besonders wichtig war Antonius' frühes Engagement für den Artenschutz. Er erkannte die Bedrohung vieler Tierarten und initiierte gezielte Zuchtprojekte, etwa beim fast ausgestorbenen Wisent. Damit legte er den Grundstein für moderne Erhaltungszucht in Zoos.<BR /><BR />Sein Ziel war ein Zoo, der Bildung, Forschung und Naturschutz verbindet. Trotz schwieriger wirtschaftlicher Zeiten gelang es ihm, Schönbrunn zu einem der führenden Zoos Europas zu entwickeln und ihm eine wissenschaftliche Ausrichtung zu geben, die bis heute prägend ist.<BR /><BR />Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges kosteten Bombentreffer auf Tiergarten und Schlosspark vielen Tieren das Leben. Unter ihnen war auch der beliebte afrikanische Nashornbulle „Toni“.<BR /><BR /> Antonius hatte zu diesem Zeitpunkt die Leitung des Zoos bereits nicht mehr inne; er war zuvor aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten bzw. hatte sich aus der aktiven Direktion zurückgezogen, er starb 1945.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1334643_image" /></div> <BR /><BR />In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Fokus vor allem auf der technischen und infrastrukturellen Erneuerung. Ein leistungsfähiges Kanalsystem wurde eingerichtet, ebenso ein Kesselhaus, das die neuen Tierhäuser über Fernwärme versorgte. Zusätzlich entstand ein moderner Wirtschaftshof mit Kühlräumen, Schlachthaus und einer Quarantänestation, um die Tierhaltung hygienischer und effizienter zu gestalten.<h3> Schritt für Schritt in die Moderne</h3>Auch architektonisch entwickelte sich der Zoo weiter. 1959 wurde anstelle des von Bomben zerstörten ehemaligen Straußen- und Reptilienhauses ein modernes Aquarienhaus eröffnet. Damit begann eine Phase der funktionalen Neubauten, die den Tiergarten Schritt für Schritt in die Moderne führten.<BR /><BR />Unter der Direktion von Walter Fiedler erlebte der Zoo eine deutliche Erweiterung. Durch die Neubebauung des ehemaligen Kleinen Fasangartens, der im Krieg zerstört worden war, verdoppelte sich die Fläche nahezu auf etwa zwölf Hektar. Dort entstanden großzügige Freisichtanlagen für Stelz- und Wasservögel, Hirsche, Bergwiederkäuer, Pinguine, Bären und Robben. Der Tiergarten orientierte sich zunehmend an natürlicheren Haltungsformen, die den Tieren mehr Raum boten.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1334646_image" /></div> <BR />Parallel dazu setzte eine stärkere Öffnung zur Öffentlichkeit ein. Medial inszenierte Auftritte, etwa mit dem damaligen Zoodirektor Julius Brachetka, machten den Zoo bekannter und nahbarer. Plakatkampagnen, viele davon preisgekrönt, sowie Fotowettbewerbe prägten das neue Bild eines modernen Tiergartens. 1969 wurde zudem ein Kinderzoo eröffnet, 1976 folgte eine zoopädagogische Abteilung – ein klarer Schritt hin zu Bildung und Besucherorientierung.<BR /><BR />Trotz dieser Entwicklungen geriet der Zoo in den 1970er-Jahren in eine Krise. Veraltete Tierhaltung und sinkende Besucherzahlen führten zu massiver Kritik. Der Tiergarten wurde teilweise sogar als „Tier-KZ“ bezeichnet, was den dringenden Reformbedarf deutlich machte. Tierschutzgruppen protestierten, und die Debatte um die Zukunft des Zoos eskalierte in den 1980er-Jahren.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1334649_image" /></div> Die Wende brachte die Ausgliederung des Tierparks aus der Bundesverwaltung: 1992 wurde die „Schönbrunner Tiergarten GmbH“ gegründet. Der Zoo blieb zwar im Eigentum der Republik Österreich, erhielt jedoch unter der Leitung des gebürtigen Nordtirolers Helmut Pechlaner eine neue unternehmerische Struktur. Damit begann eine umfassende Modernisierung, die Haltung, Architektur und Konzept grundlegend erneuerte.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1334652_image" /></div> <BR />Seither hat sich der Tiergarten Schönbrunn zu einem der modernsten Zoos Europas entwickelt. Die historische barocke Anlage wurde erhalten und zugleich mit zeitgemäßer Tiergartenarchitektur kombiniert. Heute verbindet der Zoo Forschung, Artenschutz, Bildung und Erlebnis auf internationalem Niveau. Mit zahlreichen Projekten zur Arterhaltung und seiner weltweiten Vernetzung gilt er als Vorzeigemodell moderner Zoos – und wurde sechsmal als einer der besten Zoos Europas ausgezeichnet.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1334655_image" /></div> <BR />Auf 17 Hektar findet man über 500 Tierarten aus aller Welt – vom afrikanischen Elefanten bis zum Zwergotter. Der Zoo ist berühmt für seine Zuchterfolge, darunter die Batagur-Flussschildkröte und die Winkerfrösche. Direktor und Alleingeschäftsführer ist der Zoologe Stephan Hering-Hagenbeck. <BR /><BR />Er hat die Leitung des ältesten Zoos der Welt am 1. Jänner 2020 übernommen. Den Zoo besuchen laut österreichischem Wirtschaftsministerium jährlich über zwei Millionen Menschen.<BR /><BR />Quellen: APA/zoovienna.at