Leider wird oft viel zu spät erkannt, dass ein Haustier Schmerzen leidet – nicht weil der Besitzer unaufmerksam wäre, erkllärt die Veterinärmedizinerin. <BR /><BR /><BR /><BR />Friederike Pohlin (34) hat schon so einiges Tierleid miterleben müssen. Nicht nur bei Haustieren, sondern auch bei Wildtieren. „Meine Doktorarbeit habe ich an der University of Pretoria in Südafrika gemacht“, erklärt sie. Dort hat sie sich besonders auf den Transportstress bei Nashörnern konzentriert. <BR /><BR />„Die Wilderei ist eines der größten kriminellen Probleme weltweit. Im Kruger-Nationalpark, dem größten Wildschutzgebiet Südafrikas, wurden in den vergangenen zehn Jahren über 60 Prozent der Nashörner gewildert.“ Aus diesem Grund hat sie jahrelang für das Transportprojekt für Nashörner in Südafrika geforscht und gearbeitet. <BR /><BR />„Um die Nashörner zu schützen werden sie von den Gegenden, in denen sehr viel Wilderei betrieben wird in solche gebracht, in denen nur wenig gewildert wird.“ Doch für die Tiere bedeuten solche lebensrettenden Transporte großen Stress. „In meiner Doktorarbeit ging es darum, herauszufinden, welchen Stress die Nashörner dabei durchleben und Lösungen dafür zu finden“, erklärt sie. <BR /><BR />„Dafür wende ich unter anderem eine neu entwickelte Technik an, die als 5-Domain-Model bekannt ist“, so die Veterinärmedizinerin. Diese Technik kommt der Tierärztin aber nicht nur bei den Wildtieren in Afrika zugute, sondern auch bei der Behandlung von Haustieren. <BR /><BR /><b>Was ist notwendig, damit es einem Tier gut geht?</b><BR /><BR />Seit Februar 2020 arbeitet die Südtirolerin wieder in Europa, genauer gesagt an der Veterinärmedizinischen Universität in Wien. „Das tolle am 5-Domain-Model ist, dass es nicht nur in der Theorie funktioniert, sondern dass es auch in der Praxis weltweit angewandt werden kann“, weiß sie. Und um dieses anzuwenden ist auch keine Veterinärausbildung zwingend. „Jeder Tierbesitzer kann anhand des Models herausfinden, ob es seinen Tieren gut geht.“ <BR /><BR />Das 5-Domain-Model bezieht sich auf folgende 5 Aspekte: <BR />1. Die <b>Tiergesundheit</b>: Ist das Tier gesund? Hat es Schmerzen oder Krankheiten?<BR />2. Die <b>Umgebung</b>: In welcher Umgebung lebt das Tier und wirkt diese sich positiv oder negativ auf das Tier aus?<BR />3. Die <b>Ernährung</b>: Bekommt das Tier genug Futter und Wasser und wie hoch ist die Qualität derselben? Also, bekommt es sauberes Wasser und das Fressen, das es braucht?<BR />4. Das <b>Verhalten</b>: Wie verhält sich das Tier im Alltag? Zeigt es Schmerz- oder Komfortverhalten?<BR />5. Als <b>übergreifendes Thema</b>: Der mentale Stress. Ist das Tier verschiedenen Stresssituationen ausgesetzt?<BR /><BR />„Im Prinzip wende ich diese 5 Domains bei den Nashörnern im Transport, als auch bei den Haustieren in der Tierarztklinik gleichermaßen an. Denn dieses Schema gibt die Möglichkeit auf eine objektive Einschätzung des Tierwohls“, erklärt sie. Sie motiviert auch einzelne Tierbesitzer dazu, anhand der oben genannten Fragen das Wohlbefinden ihrer Tiere zu testen. <BR /><BR />Denn leider wird oft viel zu spät erkannt, dass ein Haustier Schmerzen leidet. Nicht weil der Besitzer unaufmerksam wäre, wie Pohlin erklärt, sondern weil er die Signale nicht erkennen oder deuten könne. „Bei Hauskatzen wurde zum Beispiel festgestellt, dass über 60 bis 90 Prozent im Alter ab 14 Jahren an Arthrose leiden. Davon haben 45 Prozent der Katzen Schmerzen. Doch die Krankheit wird oft erst sehr viel später von den Besitzern erkannt, wenn die betroffenen Katzen beispielsweise aufhören zu fressen. Dann ist es aber natürlich oft schon zu spät.“<BR /><BR />Genau aus diesem Grund wurden in den vergangenen Jahren objektive multidimensionale Schmerzskalen entwickelt, anhand derer nicht nur Tierärzte und Wissenschaftler erkennen können, wenn ein Tier schmerzen leidet, sondern auch die Tierbesitzer selbst. <BR /><BR />„Besonders für Katzen gibt es hier genaue „Grimace-scales„ (Anm. Schmerzgesicht-Skalen), welche die Erkennung und Evaluierung von Schmerz erleichtern“, so die Veterinärmedizinerin. „Eine dieser Skalen ist die Feline-grimace-scale.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="695825_image" /></div> <BR /><BR />„Eine Katze ohne Schmerzen erkennt man beispielsweise an den nach vorne gewandten Ohren, den gänzlich geöffneten Augen, der lockeren Schnauze und der Position des Kopfes, welcher in diesem Fall oberhalb der Schultern ist (<b>Bild links</b>)“, erklärt Friederike Pohlin. Hat eine Katze allerdings moderate Schmerzen (wie in <b>Bild Mitte</b>) „trägt sie die Ohren leicht nach außen gedreht, hat die Schnauze leicht angespannt und die Augen teilweise geschlossen. Ihr Kopf ist in einer Linie mit ihren Schultern und die Schnurrhaare werden teilweise gerade ausgestreckt.“ Bei starken Schmerzen hingegen (<b>Bild rechts</b>) „tragen Katzen ihre Ohren völlig nach außen gedreht und nach unten gedrückt, die Augen geschlossen und die Schnauze angespannt. Die Schnurrhaare sind gerade und zeigen nach vorne; den Kopf halten sie unter den Schultern“, erklärt Pohlin. <BR /><BR />Wer seine eigene Katze regelmäßig beobachtet und nach den genannten Merkmalen Ausschau hält, kann schon früh erkennen, wenn es dem eigenen Haustier nicht gut geht und daher auch früh genug zum Tierarzt gehen. <BR /><BR />„Abgesehen von der Feline-grimace-scale gibt es noch weitere Skalen, nach denen man die Schmerzen der Tiere definieren kann“, erklärt sie. „Viele Forschungen sind dazu aktuell noch im Gange“, und so wird in Zukunft das Thema der Schmerzerkennung bei Tieren sicherlich noch klarer definiert werden können.<BR />