Samstag, 11. April 2015

Türkische Medien machen Stimmung gegen Ünal E.

In türkischen Medien haben sich die Berichte über den in Italien verhafteten Österreicher kurdischer Herkunft zuletzt vervielfacht – viele regierungsnahe Zeitungen sehen seine Schuld als erwiesen und veröffentlichen den vollen Namen und Fotos des Arztes. Was auffällt: Der Name von Ünal E. ist oft falsch geschrieben und ob die veröffentlichten Fotos überhaupt den Verhafteten zeigen, ist unklar.

Symbolbild
Symbolbild - Foto: © APA/AP

„Das ist der Terrorist, der den Todesbefehl für den Staatsanwalt gab: Erdal Ü.“, schrieb die nationalistische Nachrichtenonlineplattform „Bugazete“ am Freitag. Ähnlich berichtete der nationalistische Fernsehsender „Ulusal Kanal“ auf seiner Homepage: „Das ist der Terrorist“ war da zu lesen. „Das ist das DHKP-C-Mitglied“, schrieb die regierungsnahe Zeitung „Sabah“, sein Codename sei „Der Clevere“ gewesen.

Die regierungsnahe Zeitung „Habertürk“ meldete, Ünal E. habe zur Tarnung „tausende Gesichter“ gehabt. Um der türkischen Justiz zu entkommen, habe er regelmäßig sein Äußeres geändert, berichteten die Medien einheitlich.

Als Beweis für diese These veröffentlichten sie insgesamt vier Fotos, die den Verdächtigen zeigen sollen. Auf diesen Bildern hat der Mann einmal längeres, einmal kürzeres Haar, einen Vollbart oder ist rasiert. Ob diese jedoch tatsächlich den nun verhafteten Tiroler zeigen, ist auf den ersten Blick nicht eindeutig zu erkennen.

Hintergründe der Verhaftung unklar

Weshalb regierungsnahe türkische Medien dies tun, ist ebenso unklar, wie die Frage, weshalb sie Ünal E. weiterhin als einen Drahtzieher der Geiselnahme eines Istanbuler Staatsanwaltes durch die Terrororganisation DHKP-C vor zwei Wochen bezeichnen. Offiziell haben die türkischen Behörden diesen Vorwurf nie erhoben und er ist auch nicht Gegenstand des internationalen Haftbefehls von Jänner 2014, aufgrund dessen Ünal E. nun verhaftet wurde.

Bereits zuvor hatte der Anwalt des Tirolers, Nicola Canestrini, den Vorwurf ebenso zurückgewiesen wie die Anschuldigung, Ünal E. habe Mitglieder für die in der EU, den USA und der Türkei verbotene DHKP-C angeworben. Er könne „striktest dementieren“, dass sein Mandant in den vergangenen Jahren in der Türkei je „politisch tätig war“, so Canestrini. Vielmehr würden die türkischen Behörden nach der Geiselnahme des Staatsanwaltes in Istanbul unter Druck stehen, „weil sie beweisen müssen, dass sie stark durchgreifen“. Die Vorwürfe seien „wirklich Blödsinn“ und Ünal E. ein „Sündenbock“, nicht mehr.

Angeklagter fühlt sich als Opfer

Ünal E., der 2002 in Österreich Asyl und 2005 die Staatsbürgerschaft erhielt, wurde am Montag im venezianischen Vorort Mestre aufgrund des von der Türkei beantragten internationalen Haftbefehls festgenommen. Er war vor seiner Flucht 1999 zu zwölf Jahren und sechs Monaten Haft wegen Mitgliedschaft bei der DHKP-C verurteilt worden.

Konkret soll er an einem Terroranschlag auf eine Bankfiliale 1995 sowie einem Anschlag mit Molotowcocktails auf eine Hochschule 1994 in Ankara beteiligt gewesen sein. Bei einer ersten Anhörung erklärt sich der Angeklagte am Donnerstag als Opfer politischer Verfolgung in der Türkei. Canestrini sagte, E. habe als Student lediglich an Demonstrationen und Plakatierungsaktionen teilgenommen.

apa

stol