Wohin steuert die Autoindustrie? Retten synthetische Kraftstoffe den Verbrennungsmotor? Welche Chancen hat die von Südtirol stark geförderte Wasserstoff-Technologie? <BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="697190_image" /></div> <BR /><b>Sie verfolgen sehr aufmerksam die Trends in Automobilindustrie, zuletzt auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in München. Wohin geht die Reise?</b><BR />Michele De Luca: Auf der IAA war der Trend eindeutig in Richtung batterieelektrischer Mobilität, auch wenn einige Zweifel an dieser von der EU erzwungenen Entscheidung bestehen bleiben. Die Automobilhersteller haben zig-Milliarden Euro in Elektroautos und die Elektrifizierung von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren investiert, auch um die 2009 festgelegten EU-CO2-Grenzwerte einzuhalten. Allerdings gibt es viel Diskussionsstoff über bestimmte Optionen wie Mild-Hybride und Plug-in-Hybride, wobei letztere wegen der Subventionen, die sie erhalten, obwohl sie oft nur mit Verbrennungsmotoren betrieben werden, in der Kritik stehen. Das ist ein Thema, das auch in Südtirol diskutiert werden sollte, wo diese Autos Zuschüsse und Autosteuererleichterungen genießen, die meiner Meinung nach ernst überdacht werden sollten. <BR /><BR /><b>Hoffnungen wecken auch die neuen synthetischen Kraftstoffe.</b><BR />De Luca: Ja, in letzter Zeit wurde viel über CO2-freie Flüssigkraftstoffe gesprochen, die den Verbrennungsmotor „retten“ könnten, auch wenn man sich erst auf der Versuchsebene befindet, zum Beispiel mit der Anlage, die Porsche mit anderen Partnern in Chile bauen wird. Kurz gesagt: Es bleibt spannend, aber für den Normalverbraucher wird es langsam wirklich schwierig einen genauen Überblick zu haben. Eines ist sicher: Mobilität wird immer teurer werden und das wird mittelfristig auch ein soziales Problem sein.<BR /><BR /><embed id="dtext86-51074517_quote" /><BR /><BR /><b>Südtirol setzt nach wie vor auf Wasserstoff-Technologie: Welche Rolle spielt sie in der neuen Autowelt?</b><BR />De Luca: Das Wasserstoffauto kann als das Kind bezeichnet werden, das nie erwachsen wird. Nur BMW hat ein Modell vorgestellt, das aber in Kleinserie produziert und nur geleast werden soll, weil der Preis sonst nicht mehr marktfähig wäre. Hyundai hat einen Prototyp vorgestellt, während ein Zulieferer eine Prototyplösung für Kleintransporter präsentiert hat. Von einem Durchbruch kann aber kaum die Rede sein, und das zum x-ten Mal. Es fehlt an angemessenen und konsequenten Anreizen für diese Autos, und H2-Autos stehen im Fadenkreuz der Kritik, weil sie eine mit Autos mit Verbrennungsmotor vergleichbare Energieeffizienz haben, natürlich mit dem Vorteil, dass sie keine Schadstoffemissionen und, bei „grünem“ Wasserstoff, keine CO2-Emissionen haben. Ein weiteres Problem ist das Tankstellennetz, das z.B. in Italien praktisch nicht vorhanden ist, während in Deutschland und anderen Ländern zwar etwas aufgebaut wurde, aber sicherlich noch unzureichend ist.<BR /><BR /><b>Wasserstoff wird aber vorwiegend als die Zukunft für große Fahrzeuge, etwa Lkw, Busse und Schiffe bezeichnet.</b><BR /> De Luca: Man wird sehen, was im Bereich der Lkw und Busse passiert, wo es ebenfalls Pläne gibt, wasserstoffbetriebene Verbrennungsmotoren anstelle von Brennstoffzellen einzusetzen, aber die große Frage der Kosten bleibt bestehen und die Tatsache, dass fast alle Entwicklungen nicht nur auf Autos, sondern auch auf batteriebetriebene Lastkraftwagen und Busse ausgerichtet sind. Die Aussagen über Wasserstoff, die hier in Südtirol immer wieder gemacht werden, scheinen mir demzufolge eher nicht mehr so „up-to-date“ zu sein.<BR /><BR /><b>Welche Chancen sehen Sie für das Südtiroler Projekt?</b><BR />De Luca: Ohne wirklich substanzielle Anreize wird sich hier nichts bewegen, und wie gesagt, es gibt keine kurz- bis mittelfristigen Entwicklungen für ein minimales und vielfältiges Angebot an H2-Fahrzeugen. Ich war außerdem überrascht, dass die neue Sasa-Tankstelle, die am vergangenen Freitag offiziell eröffnet wurde, für die derzeitige Busflotte ausgelegt ist - 17 Busse - und nicht für die viel gepriesene künftige Erweiterung, wie sie in dem im letzten Jahr vorgestellten „H2-Masterplan“ skizziert wurde. Es scheint, dass die H2-Entwicklung hauptsächlich in der Speicherung von erneuerbarer Energie liegen wird, die heute nicht verbraucht wird und daher verloren geht, und stattdessen gespeichert werden könnte. Ich glaube nicht, dass es hier in Südtirol solche Projekte gibt, die ohnehin sehr große Investitionen erfordern. Sich weiterhin faktisch nur auf die H2-Mobilität zu konzentrieren, scheint mir heute ein wirklich naiver Perspektivfehler zu sein. <BR /><BR /><embed id="dtext86-51074518_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was müsste aus Ihrer Sicht konkret getan werden?</b><BR />De Luca: Ich stelle fest, dass man sich weiterhin an europäischen Projekten beteiligen, was ich ein wenig verwunderlich finde, da sie über Jahre hinweg immer wieder wiederholt werden, ohne dass es bisher zu einer nennenswerten Serienfertigung kommt. Man sollte sich höchstwahrscheinlich auf die Nutzung von Wasserstoff in der Industrie, die Dekarbonisierung der Wärme- und Energieerzeugung und, wie bereits erwähnt, die Speicherung von überschüssiger Energie konzentrieren. Das Problem ist, dass keine Infos über den Stand der Umsetzung des „H2-Masterplans“ zur Verfügung stehen, der übrigens in den Händen des Ressorts für Infrastruktur und Mobilität liegt, was wiederum eine zu starke Fokussierung auf H2-Mobilität zeigt.<BR /><BR /><b>Ganz praktische Schlussfrage: Wenn Sie persönlich jetzt ein Auto kaufen müssten: Was wäre Ihre Wahl?</b><BR />De Luca: Ich habe ehrlicherweise keine Antwort darauf. Wir befinden uns in einer sicherlich spannenden aber kritischen Übergangsphase, und man muss die Antriebsart immer mehr präzise auswählen gemäß der eigenen spezifischen Anforderungen. Es ist offensichtlich, dass der Trend in Europa zu Elektroautos geht. Deshalb werde ich mein nicht mehr ganz so junges auf Erdgas umgerüstetes Auto vorerst weiter benutzen und mit heute ca. 20 % Biomethan an der Tankstelle habe ich bereits automatisch die CO2-Emissionen reduziert. Wohlgemerkt, somit spare ich auch Ressourcen und CO2-Emissionen, die sonst durch einen Neuwagen verursacht würden. <BR />