Kardinal Ippolito II d'Este wäre eigentlich der ideale Renaissance-Papst gewesen – und dieser Meinung war auch er selbst. Der Sohn von Alfonso I. d’Este, Herzog von Ferrara, und der berüchtigten Lucrezia Borgia, war reich, gebildet, politisch erfahren und familiär bestens vernetzt. Und ehrgeizig. <BR /><BR />Aber genau das, was ihn stark machte, wurde ihm bei mehreren Konklaven zum Verhängnis. Er gehört zwar stets zum Kreis der „Papabili“, also der Favoriten, doch für kaum einen anderen Anwärter auf den Papstthron scheint das Sprichwort „Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus“ treffender als für Ippolito d'Este.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1328721_image" /></div> <BR /><BR /> Seine Herkunft aus einer machtpolitisch stark belasteten Dynastie war zwar prestigeträchtig, aber auch umstritten. Und er galt als politisch zu sehr in die Interessen französischer und familiärer Machtspiele eingebunden. <BR /><BR />Tief enttäuscht zog sich Kardinal Ippolito II d'Este zurück. Als er 1550 zum Gouverneur von Tivoli bei Rom ernannt wurde, verlagerte er seine Ambitionen. Er wollte sich nun mit kulturellen und architektonischen Projekten ein Denkmal setzen. <BR /><BR />Ihm schwebte ein verschwenderischer Landsitz vor, der seinen Reichtum, seinen Einfluss und seine Liebe zur klassischen Antike zur Schau stellen sollte. Also begann er mit dem Kauf von Grundstücken rund um ein Benediktinerkloster in Tivoli und beauftragte Pirro Ligorio mit dem Projekt. Ein Glücksgriff.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1328724_image" /></div> <BR />Ligorio war einer der vielseitigsten Renaissance-Gelehrten. Geboren um 1513 in Neapel, begann er ursprünglich als Maler und wurde später vor allem als Architekt und Experte für die Antike bekannt. Sein besonderes Interesse galt den Ruinen des alten Roms. <BR /><BR />Er studierte, dokumentierte und interpretierte dessen Bauwerke und versuchte, Formen und Bedeutungen für die Renaissance wiederzubeleben. Ligorio arbeitete unter anderem am Vatikan und wurde 1568 von Papst Pius IV. als Architekt der Peterskirche berufen, nachdem Michelangelo gestorben war. Allerdings geriet er dort in Konflikte mit anderen Baumeistern und verlor seine Position wieder. <h3> Ein völlig neues Konzept der Gartenarchitektur</h3>Ligorios wichtigste architektonische Leistung aber war der Ansitz von Kardinal Ippolito II d'Este, der später den Namen Villa d’Este erhielt. Hier entwickelte der Neapolitaner ein völlig neues Konzept der Gartenarchitektur. Statt eines einfachen Lustgartens entwarf er eine komplexe, symbolisch aufgeladene Anlage aus Terrassen, Achsen und Wasserspielen. Die berühmten Brunnen der Villa gehen auf seine Ideen zurück.<BR /><BR /> Pirro Ligorio entwickelte ein Konzept, das damals revolutionär war. Die Anlage entstand an einem steilen Hang oberhalb der Stadt Tivoli – darin liegt ihr Geheimnis und ihre Faszination. Über ein ausgeklügeltes System aus Kanälen, Leitungen und Druckkammern wurde das Wasser aus dem Fluss Aniene in die Anlage geleitet. Das gesamte System funktionierte ohne Pumpen, ohne Elektrizität und ohne moderne Technik. Allein die Schwerkraft sorgt dafür, dass die Brunnen bis heute in Betrieb sind. <h3> Über 500 Wasserspiele, Kaskaden und Brunnen</h3>Für moderne Ingenieure gilt die Villa d’Este deshalb als eines der bedeutendsten hydraulischen Bauwerke der Renaissance. Heute zählt man mehr als 500 Wasserspiele, Brunnen, Düsen, Kaskaden und Wasserbecken. Im 16. Jahrhundert war eine solche Konzentration von Wasseranlagen beispiellos. Der Zauber dieser Gärten fasziniert die Menschen auch 500 Jahre später noch: 2001 wurde das größte Meisterwerk der Renaissance-Gartenkunst von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1328727_image" /></div> <BR />Zu den berühmtesten Attraktionen gehört die „Fontana dell’Organo“, der Orgelbrunnen. Hier wird Wasser genutzt, um Luft durch Pfeifen zu pressen und echte Musik zu erzeugen. Als die Anlage im 16. Jahrhundert erstmals erklang, glaubten manche Besucher an Zauberei. Tatsächlich handelte es sich um eine technische Meisterleistung, die ihrer Zeit weit voraus war.<BR /><BR />Nicht weniger beeindruckend sind die „Cento Fontane“, die „Hundert Brunnen“. Auf einer Länge von rund 130 Metern sprudelt Wasser aus zahllosen Öffnungen und Figuren. Das permanente Rauschen erzeugt eine einzigartige Klangkulisse, die den gesamten Garten erfüllt. Hinzu kommen die Drachenfontäne, die Neptunfontäne und zahlreiche künstliche Grotten. Dem Geist der Renaissance folgend, die sich als Wiedergeburt der klassischen Antike betrachtete, begegnet man in den Gärten der Villa d’Este auf Schritt und Tritt Statuen von Göttern, Helden und Nymphen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1328730_image" /></div> <h3> Ein Vorbild für die Gartenbaukunst</h3>Die Anlage der Villa d’Este beeinflusste die europäische Gartenbaukunst. Gartenarchitekten aus Frankreich, Deutschland, Österreich und Spanien studierten die Anlage und übernahmen zahlreiche Ideen. Historiker sehen in Tivoli einen wichtigen Vorläufer späterer Barockgärten wie Versailles. Viele Elemente, die heute als typisch für Schlossgärten gelten – lange Sichtachsen, monumentale Brunnen und kunstvoll gestaltete Terrassen –, wurden in Tivoli erstmals konsequent umgesetzt.<BR /><BR />Die Villa selbst wirkt mit ihrer langen, klar gegliederten Renaissancefassade erstaunlich schlicht. Diese Strenge ist jedoch Programm: Sie unterstreicht die Funktion als Macht- und Verwaltungszentrum eines hochrangigen Kirchenfürsten.<BR /><BR />Ganz anders im Innern. Die Säle sind mit prächtigen Fresken ausgestattet, die historische Ereignisse, mythologische Szenen und Allegorien darstellen. Die Wand- und Deckengemälde zählen zu den bedeutendsten Zeugnissen der italienischen Spätrenaissance. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1328733_image" /></div> <BR />Nach dem Tod Ippolitos im Jahr 1572 ging die Villa zunächst in den Besitz der Familie d’Este über. In den folgenden Jahrzehnten blieb sie ein Symbol des Familienprestiges, wurde jedoch nur noch selten bewohnt. Im 17. und 18. Jahrhundert verlor die Anlage zunehmend an Bedeutung, da die Familie ihren politischen Schwerpunkt nach Modena verlegt hatte. Teile der Anlage verfielen, Skulpturen verschwanden, Brunnen versiegten und Gebäude wurden beschädigt. <BR /><BR />Erst im 19. Jahrhundert entdeckte man die Villa neu. Künstler, Schriftsteller und Musiker aus ganz Europa reisten nach Tivoli. Einer ihrer berühmtesten Besucher war Franz Liszt. Der Komponist lebte zeitweise in der Villa und ließ sich von den Wasserspielen zu seinem berühmten Klavierwerk „Les Jeux d’eau à la Villa d’Este“ inspirieren. Der Zweite Weltkrieg hinterließ Spuren. Bombardierungen beschädigten Teile der Anlage erheblich. Umfangreiche Restaurierungsarbeiten nach Kriegsende retteten jedoch das historische Ensemble. <BR /><BR />Die Villa d’Este befindet sich heute nicht mehr in Privatbesitz, der italienische Staat erwarb das Anwesen und führte eine umfassende Restaurierung durch. Die Villa ist nunmehr ein öffentlich zugängliches Museum und gehört zu den meistbesuchten Kulturdenkmälern Italiens außerhalb Roms (bis zu 700.000 Besucher im Jahr); ihr Erhalt wird durch staatliche Mittel, Eintrittsgelder und internationale Schutzprogramme finanziert. Villa und Gärten können täglich (außer an wenigen Feiertagen wie dem 25. Dezember und dem 1. Jänner) kostenpflichtig besucht werden.<BR /><BR />Vor allem in den heißen Sommermonaten zeigt die Anlage ihre größte Stärke: Abkühlung und Schatten (mit Ausnahme der offenen Terrassen). Allerdings gibt es wenige kühle Rückzugsräume (nur im Palast ist es etwas angenehmer). Die beste Besuchszeit im Sommer ist früh morgens oder der späte Nachmittag.